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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Anwalt bittet um Milde für Stolberg

22.06.2017

Bremen /Oldenburg Unverhofft kommt oft – und oft haben auch scheinbare Karrieresprünge ihre deutlichen Schattenseiten. In so einer Situation befindet sich derzeit Bernd Buchholz, einer der Rechtsanwälte, die den ehemaligen Reeder Niels Stolberg vor dem Bremer Landgericht verteidigen. Bernd Buchholz ist eine schillernde Persönlichkeit in der manchmal recht grau wirkenden Juristerei.

Mehrere Berufsleben

Der in Ahrensburg bei Hamburg lebende 55-jährige promovierte Anwalt hat mehrere Berufsleben hinter sich. Als junger Nachwuchspolitiker saß er bereits für die FDP im schleswig-holsteinischen Landtag, später machte er als Verlagsmanager Karriere, war unter anderem Verlagsleiter beim „Stern“, stieg dann zum Vorstandsvorsitzenden bei Gruner und Jahr auf und war gleichzeitig Mitglied des Bertelsmann-Vorstands.

2012 musste er den Posten räumen, was ihm nach Medienberichten eine Abfindung von fünf Millionen Euro eingebracht haben soll. Als Mitglied einer Hamburger Anwaltskanzlei konnte er sich anschließend leisten, nur solche Themen zu bearbeiten, die ihm gefielen und ihn herausforderten.

Eine solche Herausforderung sah er in dem Mammutverfahren um die 2011 zusammengebrochene Bremer Beluga-Reederei von Niels Stolberg. Seit einigen Monaten verstärkte er Stolbergs Verteidigerteam, zu dem außer ihm der Hamburger Anwalt Oliver Sahan sowie der Frankfurter Bernd Groß gehören, beides anerkannte Fachleute im Wirtschaftsstrafrecht. Groß gehört zur Kanzlei Feigen Graf, die auch Uli Hoeneß vor Gericht vertreten hatte.

Buchholz setzte im Beluga-Prozess besondere Akzente, als es beispielsweise um die Zeugenvernehmung von Managern des amerikanischen Investment-Fonds Oaktree ging. Oaktree war 2010 mit insgesamt 165 Millionen Euro bei Beluga eingestiegen, als die Reederei als Folge der Schifffahrtskrise in eine wirtschaftliche Schieflage geraten war. 2011 hatte Oaktree gegen Stolberg Anzeige wegen Bilanzfälschung und Betrugs erstattet, was in der Folge zum Zusammenbruch des auf Schwergut-Transporte spezialisierten Unternehmens führte.

In der Zeugenbefragung setzte Buchholz einem der Oaktree-Manager so zu, dass der nach einer Weile nur noch in einer Standard-Antwort Zuflucht suchte: „Daran kann ich mich heute nicht mehr im Detail erinnern,“ sagte er auf alle Fragen, in denen ihm Einzelheiten aus einem Gutachten der Wirtschaftsprüfer von Ernst und Young vorgehalten wurden und aus denen hervorging, dass Oaktree vor dem Einstieg bei Beluga genaue Informationen über die wirtschaftliche Notlage der Bremer Vorzeige-Reederei hatte.

Weiter in FDP aktiv

Parallel zu seinem Engagement im Beluga-Prozess war Buchholz weiterhin in der FDP Schleswig-Holsteins aktiv und wurde hinter Wolfgang Kubicki auf Platz zwei der Landesliste für die Bundestagswahl im September platziert. Sein Ziel war der Einzug in den Bundestag.

Doch jetzt kam alles ganz anders. Nach der Landtagswahl in Schleswig-Holstein wurde Buchholz nach den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, Grünen und der FDP das Amt des Wirtschaftsministers in Kiel angedient – ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte. Die Folge im Beluga-Verfahren: Sollte Buchholz tatsächlich Mitglied einer schwarz-grün-gelben Landesregierung werden – und niemand zweifelt derzeit daran – muss er selbstverständlich seine Anwaltsaktivitäten einstellen und auch das Stolberg-Mandat niederlegen.

„Kein Finanzjongleur“

So gab es am Mittwoch eine Art Abschiedsrede von Buchholz im Bremer Mammutverfahren. Darin wies er das Bild zurück, das die Staatsanwaltschaft von Stolberg gezeichnet habe. Der Unternehmer sei kein hochkrimineller Finanzjongleur und Kopf einer Art kriminellen Vereinigung gewesen. Tatsächlich sei es Stolberg nie um persönliche Bereicherung gegangen, sondern er habe sich immer um den Erhalt der Reederei bemüht und sei auch bereit, für seine Fehler die Verantwortung zu übernehmen. Buchholz appellierte an das Gericht: „Seien Sie milde mit dem Mann, für den die letzten Jahre schon Strafe waren, der alles verloren hat, auch seine Gesundheit.“

Buchholz erinnerte mit dem Hinweis daran, dass Stolberg an Krebs erkrankt ist und in diesem Jahr mehrfach operiert werden musste. Mehrfach hatten deshalb Prozesstage ausfallen müssen und die jeweiligen Verhandlungen dürfen inzwischen maximal eine Stunde dauern.

Vor den Abschiedsworten des Stolberg-Anwalts hatten die Verteidiger der drei mitangeklagten Reederei-Manager ihre rechtlichen Einschätzungen zum möglichen Strafmaß ihrer Mandanten vorgetragen. Für alle drei wurden Bewährungsstrafen als angemessen angesehen, da sie eigentlich nicht als Mittäter in Betracht kämen, sondern sich eher nur der Beihilfe schuldig gemacht hätten. Sie seien außerdem durch die extrem lange Verfahrensdauer erheblich belastet und hätten es noch mit zivilrechtlichen Forderungen in Millionenhöhe zu tun. Bei einem der Mitangeklagten schlug der Verteidiger vor, lediglich eine Bewährungsgeldstrafe auszusprechen.

Zwischenberatung folgt

Nachdem während des vorherigen Verhandlungstages bereits die Anklage und Stolbergs Verteidigung ihre Einschätzungen vorgetragen hatten, wird das Gericht nun eine Zwischenberatung vornehmen und das Ergebnis am 20. Juli mitteilen.

Stolberg war nach fünfjährigen Ermittlungen von der Anklage Kreditbetrug, Bilanzfälschung, Untreue und Betrug vorgeworfen worden. Die Staatsanwaltschaft sieht dafür eine Haftstrafe von nicht unter vier Jahren als angemessen an. Mit Spannung wird nun auf die Meinung der Kammer gewartet. Stolbergs Ziel ist eine Strafe unterhalb der Grenze von zwei Jahren, so dass der Vollzug zur Bewährung ausgesetzt werden könnte.

Jürgen Westerhoff
Redakteur
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2055

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