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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Beim Topfkauf die Finger verbrannt

26.03.2014

Oldenburger Land /Heinsberg Seine Töpfe hat er ins Auto geladen, das Messerset auch. Vielleicht wird er heute endlich alles los: den Schrott, die Wut und seine Scham.

Heinsberg in Nordrhein-Westfalen hat 40 000 Einwohner und ein ziemlich neues Amtsgericht. Vor Saal 14 muss Gerold Frye, 56 Jahre alt, warten; er ist ja als Zeuge geladen. Der Angeklagte nimmt vorne links Platz: Johannes ter L. aus Maastricht in den Niederlanden, 62 Jahre alt, graue Haare, grauer Schnauzbart, gemütliches Gesicht.

Topf-Verkauf aus dem Kofferraum

Frye hat den Mann schon einmal gesehen, das war vor einem halben Jahr auf dem Supermarktparkplatz an der Industriestraße. Frye, ein pensionierter Berufssoldat, lud Leergut aus dem Autokofferraum, als ihn der gemütliche Holländer ansprach.

„Haben Sie Interesse an einem Kochtopf-Set?“

„Nein danke“, Frye winkte ab. Er lachte: Er sei doch über 50, da habe er längst alles, was er im Haushalt brauche.

„Kennen Sie AMC?“

AMC, die Firma mit den Edel-Kochtöpfen? „Na klar“, sagte Frye, „AMC habe ich seit 30 Jahren zu Hause!“

Der Holländer zeigte Frye einen Hochglanzprospekt, darin war ein Topfset abgebildet, „das ist von einer AMC-Tochterfirma“. Neben dem Topfset stand eine unverbindliche Preisempfehlung: 1700 Euro.

Der Holländer erzählte, dass er just von einer Messe komme. Wenn er die Topfsets mit nach Hause nehme, müsse er Zoll dafür bezahlen. „Wie wär’s mit 600 Euro?“

Ein halbes Jahr später guckt Gerold Frye im Zeugenstand sehr verlegen. „350 Euro“, sagt er – soviel habe er dem Holländer schließlich für das Topfset bezahlt, ein Messerset gab es gratis dazu. „Ich dachte: Jetzt habe ich ihn!“

Tatsächlich aber hatte der Holländer ihn.

Topfbetrugsopfer Nummer 978

Auf der Internetseite „Gourmet-Report“ ist Gerold Frye der 978., der von seinen Erfahrungen mit den sogenannten Topfset-Betrügern berichtet. Aus Oldenburg, Cloppenburg, Lohne, aus ganz Deutschland und aus dem nahen Ausland schreiben wütende Topfset-Käufer von Holländern, die von einer Messe kamen – und von Schnäppchenkäufen, die sich als Schrott entpuppten.

Gerold Frye fand sein Schnäppchen schnell im Internet: Die Töpfe wurden dort für 75 Euro angeboten, das Messerset für 18,95 Euro.

Es gibt Tausende von Menschen, die sich beim Topfkauf betrogen fühlen. Es gibt Topfverkäufer wie Johannes ter L., die auf die Frage nach ihrem Beruf antworten: „Ich mache immer die Geschäfte mit den Töpfen, seit über 20 Jahren schon.“ Es gibt die Verbraucherzentrale Oldenburg, die sagt: „Für uns ist das Betrug, das ist arglistige Täuschung.“

Was es nicht gibt, sind Anklagen. Das liegt erstens daran, dass die meisten Topfkäufer keine Anzeige erstatten, weil sie sich schämen. Zweitens finden Polizei und Staatsanwaltschaft selten Zeugen oder Quittungen, die einen Betrug belegen können: Was hat der Verkäufer tatsächlich über seine Töpfe gesagt? Wie viel Geld hat der Käufer tatsächlich bezahlt?

Magnet überführt Edelstahl-Attrappe

Wütend starrte Gerold Frye auf sein neues Topfset, „Edelstahl 18/10“ stand auf der Packung. Augenblick mal, dachte Frye – ist Edelstahl 18/10 nicht unmagnetisch? Er hielt einen Magneten an seine Töpfe, der Magnet pappte am Boden fest. Das ist der Beweis!, freute sich Frye.

Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Betrugs nach Paragraf 263 Strafgesetzbuch, und jetzt sitzt Johannes ter L. da vorne links in Saal 14 des Amtsgerichts Heinsberg. Die Staatsanwältin liest streng vor: Johannes ter L. habe sich „rechtswidrig einen Vermögensvorteil“ verschafft, indem er minderwertige Ware als Edelstahl verkauft habe.

„Wenn Sie nicht zufrieden sind mit den Töpfen oder Ihr Geld wiederhaben wollen, kein Problem“, sagt der Angeklagte schnell zu Gerold Frye.

„Moment“, sagt Richter Axel Eibenstein, 49 Jahre alt: „Es ist nicht immer damit getan, dass etwas zurückgegeben wird!“

Das gemütliche Gesicht von Johannes ter L. wird ziemlich rot. Er habe nichts von Edelstahl gesagt, behauptet er. Von AMC sowieso nicht.

Angeklagter zu Geldstrafe verurteilt

Richter Eibenstein macht es kurz. „Wollen Sie mich eigentlich verarschen?“, fragt er. „Meinen Sie, wir sind blöd hier?“ Er verurteilt den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 1200 Euro. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von drei Monaten gefordert.

Wegen eines Magneten?, fragt Johannes ter L. ungläubig. Moderne Töpfe müssten doch magnetische Böden haben, damit sie auf Induktionsherden funktionieren! Den Richter interessiert das nicht: „Ich verurteile Sie wegen der Gesamtumstände!“

Aber auch Gerold Frye bekommt sein Fett ab: Der Richter rügt, dass Frye als Schnäppchenjäger den Angeklagten ebenso über den Tisch ziehen wollte wie der Angeklagte ihn. Ob Frye sein Geld zurückbekomme, sei ihm deshalb egal, „das können Sie unter sich ausmachen“.

Es ist eine schlanke Akte, die vor Eibenstein auf der Richterbank liegt. Darin geht es nur um den Fall Frye, nicht um die tausend anderen.

Als sich die die NWZ  vor einem Jahr schon einmal auf Spurensuche in Sachen Topfbetrug machte, fanden sich Hinweise auf bandenmäßiges Vorgehen, auf professionelle Gewerbestrukturen und immer wieder auf einen nicht auffindbaren Holländer namens Andreas van de Vinne. Aber das Amtsgericht Heinsberg fragt Johannes ter L. nicht: Woher kommen Ihre Töpfe? Wie viel bezahlen Sie dafür? Arbeiten Sie allein? Haben Sie einen Chef? Kennen Sie Herrn van den Vinne?

Er kenne ihn nicht, beteuert Johannes ter L. hinterher auf Nachfrage der NWZ . Auch die beiden Holländer, die ihn zum Prozess begleitet haben, zucken mit den Schultern.

„Sie können sich überlegen, ob Sie es sich weiter mit mir verscherzen wollen!“, droht Richter Eibenstein dem Angeklagten und empfiehlt ihm, sich in seinem Amtsgerichtsbezirk nie wieder blicken zu lassen. Heinsberg in Nordrhein-Westfalen sei jetzt „topfbetrugsfreie Zone“.

Regelmäßige Hinweise auf Topfbetrug-Opfer

Alle paar Wochen gehen bei der NWZ  Hinweise von Topfbetrug-Opfern ein, aus Bayern, Österreich, Thüringen, der bislang letzte kam vor wenigen Tagen aus Bremen. Manchmal finden die Vorfälle zeitgleich statt, die Rede ist von ganz unterschiedlichen Verkäufern, zumeist handelt es sich um Holländer. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass der Topfhandel außerhalb von Heinsberg weitergehen wird.

„Kann ich jetzt mein Geld zurückbekommen?“, fragt Gerold Frye den Angeklagten auf dem Gerichtsflur. Einer der holländischen Begleiter steckt Frye 200 Euro zu, mehr Geld hat er angeblich nicht dabei. Topfset und Messer darf Frye behalten, die Scham auch.

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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