• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Landwirtschaft: Besuch in Badeanstalt für Enten

08.07.2016

Lindern /Flechum Aufgeregt watscheln Hunderte Jungenten durch den Stall. 21 Tage alt, ein Kilo schwer. Die einen sind auf der Flucht vor Agrarminister Christian Meyer und seiner Entourage. Zack, zwei fallen vor Schreck um und bleiben verdattert auf dem Rücken liegen. Eine aufgeregte Tierschützerin, die den Grünen-Politiker begleitet, hilft ihnen auf die Beine – den Tränen nahe. Nix passiert, weiterwatscheln. Noch etwa drei Wochen und 2,5 Kilo bis zur Schlachtreife.

Andere Enten stürzen sich auf die Tränken. Nein, keine schlichten Wassernäpfe, sondern moderne Trichtertränken. Roter Trichter zum Kopf eintauchen, gelbes Pendel zum Zapfen. Köpfchen unter Wasser, Schwänzchen in die Höh’. Da freut sich nicht nur Landwirt Wilhelm Kollmer-Heidkamp.

„Es macht Spaß, den Enten zuzuschauen“, sagt der Halter aus Lindern (Kreis Cloppenburg). „Die Trichtertränke wird sehr gut angenommen.“ Das freut wiederum den Agrarminister.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Trichtertränke läuft gut

„Mehr Tierschutz beim Geflügel“, will Christian Meyer in Niedersachsen durchsetzen. Die Trichtertränke gehört dazu. Alle 800 Entenhalter im Land sollen sie bis Ende dieses Jahres in ihre Ställe einbauen, damit die rund 1,2 Millionen Pekingenten künftig problemlos ihre Schnäbel und Nasenlöcher säubern können.

Und für die Gefiederpflege gibt es in den Stallecken zwei „Badeanstalten“, mit grauen Flachbecken hinter braunen Schutzwänden. Etwas tapsig stolpern die Enten über den hohen Beckenrand ins acht Zentimeter tiefe Nass. „Die Enten wollen Bademöglichkeiten haben, das ist ihr natürliches Wesen“, stellt Meyer fachmännisch fest.

Im September 2015 hat der grüne Agrarminister eine gemeinsame Vereinbarung mit der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW) zu Mindestanforderungen bei der Pekingentenhaltung unterzeichnet und als „weiteren wichtigen Schritt bei der Umsetzung des Tierschutzplans in Niedersachsen“ bezeichnet.

Ein dreiviertel Jahr später haben einige Entenhalter die Vorgaben bereits umgesetzt. Wilhelm Kollmer-Heidkamp ist laut Agrarministerium ein Vorreiter der Branche, sein Hof in Lindern ein Vorzeigebetrieb, die beiden Ställe, in denen insgesamt rund 9000 Pekingenten leben, machen einen gepflegten Eindruck.

Kollmer-Heidkamp ist zufrieden. „Ich bin froh mit dem zusätzlichen Wasser, habe keine Nachteile festgestellt.“ Über gestiegene Kosten durch den Mehraufwand will er nicht reden. „Das ist in Geld nicht zu beziffern.“

Der NGW-Vorsitzende Friedrich-Otto Ripke, der an diesem Donnerstag zusammen mit Meyer im Nordwesten unterwegs ist, lobt den Betrieb als „gut organisiert“ und den Entenhalter Kollmer-Heidkamp als vorbildlich: „Der lebt das.“ Ripke betont, dass es nur in Niedersachsen ein solche Vereinbarung zur Pekingentenhaltung gebe.

Ringelschwanzprämie, Ende der Käfighaltung, Förderung von Biobetrieben: Meyer treibt den Umbau der Landwirtschaft seit Regierungsübernahme von Rot/Grün 2013 energisch voran – gegen alle Widerstände der Agrarlobby. Ausgerechnet die Idee eines Tierschutzplans stammt aber von der CDU, die den Minister heute dafür kritisiert.

„Die Gesellschaft erwartet zu Recht, dass Nutztiere tiergemäß gehalten werden und ihr Wohlbefinden sichergestellt ist“, sagte der damalige Agrarminister Gert Lindemann (CDU) bei der Vorstellung seines Tierschutzplans 2011 in Hannover.

Lindemann richtete einen Lenkungsausschuss „Tierschutzstrategie“ ein, besetzt mit Vertretern der Wirtschaft, der Tierschutz- und Verbraucherschutzverbände, der Wissenschaft und des Einzelhandels, den es noch immer gibt.

Lindemann benannte eine Prioritätenliste bei den Tierschutzvorhaben, auf der schon das Ende von Amputationen und Eingriffen bei Tieren wie das Schnabelkürzen bei Geflügel, die betäubungslose Kastration und das Kupieren der Schwänze bei Ferkeln standen. Meyer arbeitet sie jetzt ab.

Von Lindern nach Flechum im Emsland sind es nur knapp 25 Kilometer. Meyers Bus fährt dort am Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein vor einem fast neuen Großstall vor. Hinter den Zäunen der angrenzenden Wiesen gackern, scharren, flattern Tausende Hühner.

Legehennenhalter Heinz Lake erwartet den Minister. „Ich war ein bisschen geschockt, dass er unseren Stall sehen wollte“, sagt Lake in die Kameras, bevor Meyer aussteigt. „Aber ich habe dem Minister einiges zu sagen.“

In Flechum geht es um ein heikleres Thema als „Badeanstalten“ für Pekingenten. Es geht um den Stopp von schmerzhaften Schnäbelkürzungen bei Legehennen.

Landwirt Lake verzichtet bei seinen rund 39 000 Hennen seit diesem Jahr aufs Kürzen. Über die Auswirkungen kann er noch nicht viel sagen. „Wir müssen Erfahrungen sammeln.“ Lake fürchtet allerdings, dass die älteren Hennen die jetzt scharfen Schnäbel nutzen, um die jüngere Konkurrenz zu attackieren.

Hühnereier zu billig

Der Aufwand für den Landwirt ist durch den Verzicht größer geworden. Täglich muss er Picksteine erneuern, Luzerne füttern, das Einstreu gleich halten. „Wir kommen mit dem Eierpreis, den wir dafür kriegen, nicht hin“, klagt Lake. Etwa sieben bis acht Cent pro Ei.

Meyer hat Verständnis, betont sofort, dass man für mehr Arbeit auch mehr fürs Ei bekommen muss. „Mindestens drei Cent braucht der Halter mehr pro Ei.“

Doch da hat der Minister die Rechnung ohne den Einzelhandel gemacht, der bislang offenbar nicht zu höheren Zahlungen bereit ist. Meyer will trotzdem durchsetzen, dass die Legehennenhalter in Niedersachsen bis Ende dieses Jahres aus dem Schnabelkürzen aussteigen. „Die Verbraucher sollen sehen, wie gut die Haltung ist – im Vergleich zu vor zehn Jahren.“

Auch Agrarlobbyist Ripke fordert höhere Eierpreise. „Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Der Handel muss das zahlen.“

Im Hintergrund gackern leise die Hühner.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2008
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.