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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Dieses Idyll wird von der A20 plattgemacht

03.06.2015

Ammerland Von dort wird sie kommen, sagt Wim Deekens, er steht auf seiner alten Klinkerstraße und zeigt nach Nordwest: 30 Meter breit, auf riesigen Betonsäulen, mindestens 15 Meter hoch. Sie wird seinen Eschenwald plattwalzen und die meisten seiner Birken, seine Sommerwiesen und den Graben und sogar die Bäke, bevor sie endlich im Moor verschwindet.

Sie wird laut sein, sagt Deekens auch, sie wird rauschen und brummen; was wird das mit seinen Hasen machen und Fledermäusen und Spechten und Käuzchen? Ein Reh bricht durchs Holz, wie bestellt, Deekens lächelt kurz.

Dann sagt er: „Das ist ein gewaltiger Eingriff!“ Die Küstenautobahn A20 soll Gut Hahn durchschneiden, erste urkundliche Erwähnung vor über 1000 Jahren, 167 Hektar Land, „intakte Natur“. Es wird der zweite Schnitt sein nach der Eisenbahn in den 50ern, diesmal wird er noch größer, noch breiter, noch höher.

5000 Lastwagen

20 Kilometer weiter südlich laden sie gerade Dachplatanen auf einen Lastwagen, ein zweiter Wagen nimmt Kugelahorn, Thujen, Bodendecker mit. „Sommerbegrünung halt“, sagt Jan-Dieter Bruns. Das hier ist die Firma Bruns Pflanzen, gegründet 1876 von zwei Eheleuten in Bad Zwischenahn, mittlerweile 300 Mitarbeiter stark und eine der größten Baumschulen Europas, Jan-Dieter Bruns führt sie in der vierten Generation. 5000 Lastwagen rollen hier jährlich vom Hof, Bruns zuckt mit den Schultern, „das geht nicht anders, 90 Prozent unserer Waren müssen wir außerhalb Niedersachsens verkaufen“.

Sie wird uns schneller machen, sagt er deshalb über die Küstenautobahn A20: Skandinavien wird künftig besser erreichbar sein, Russland, das Baltikum. Die Autobahn wird die Pflanzenlastwagen pünktlicher machen, sie wird sie günstiger machen. Bruns hat nachrechnen lassen: Wenn die A20 da ist, wird er rund 20 Prozent Kosten sparen.

Als in der regionalen Wirtschaft Geld für eine Anschubfinanzierung der A20-Planung gesammelt wurde, war Jan-Dieter Bruns sofort dabei.

„Wir müssen uns in der Wirtschaft immer ein bisschen weiterentwickeln“, sagt Bruns, 62 Jahre alt. „Die A20 wird uns dabei helfen.“

„Allgemeininteresse steht vor Privatinteresse“, so sieht das auch Gutsherr Wim Deekens, 56 Jahre alt. „Aber mir konnte noch niemand sagen, warum das Ding so wichtig ist, dass es unbedingt gebaut werden muss!“

Also gut, ein neuer Versuch. Felix Jahn, 37 Jahre alt, Geschäftsführer Verkehr bei der Industrie- und Handelskammer Oldenburg, fasst noch einmal zusammen:

Die A20, 120 Neubaukilometer in Niedersachsen, geschätzte Baukosten 1,27 Milliarden Euro (Gegner rechnen mit mehr als dem Doppelten), soll Verkehrslücken zu den Niederlanden schließen, nach Polen und Dänemark. Sie soll vor allem die Seehäfen besser anbinden, sie soll bestehende Verkehrsnetze entlasten. Sie soll den Tourismus im Nordwesten fördern, sie soll Fachkräften aus anderen Regionen die Entscheidung für einen Arbeitsplatz im Nordwesten erleichtern, sie soll neues Gewerbe an die Autobahn locken. „Die Erfolgsgeschichte des Oldenburger Münsterlandes wäre ohne die A1 nicht denkbar gewesen“, sagt Jahn.

Überzeugend? Susanne Grube, 57 Jahre alt, Biologin, Gründungsmitglied der „Ammerländer Bürger gegen die A20“, schüttelt den Kopf. Sie sammelt seit mehr als zehn Jahren Gegenargumente:

Für die Seehäfen-Anbindung laufe die A20 in die falsche Richtung, nämlich von West nach Ost statt von Nord nach Süd. Die erwarteten Fahrzeugzahlen seien beinah „lächerlich“, Entlastungen für andere Straßen kaum nennenswert. Für den Tourismus werde die neue Autobahn eine gegenteilige Wirkung haben, mit Gewerbeansiedlungen im Moor sei ebenfalls nicht zu rechnen, wohl aber mit der Zerstörung einer einzigartigen biologischen Vielfalt etwa in der Wesermarsch. „Wir halten die A20 für absolut überflüssig“, schließt Grube.

Drei Stunden Diskussion

Montagabend, die Mensa der Oberschule Wiefelstede. Vor der Bühne sitzt das fünfköpfige Projektteam „Neubau der Küstenautobahn A20“ der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, vor dem Projektteam sitzen 120 Zuhörer. Die Landesbehörde plant die neue Autobahn im Auftrag des Bundes, vor wenigen Tagen ist das sogenannte Planfeststellungsverfahren für den ersten Bauabschnitt eingeleitet worden: 13 Autobahnkilometer von Westerstede (A28) bis Jaderberg (A29) für 19 400 bis 23 100 geschätzte Fahrzeuge am Tag. Das hier ist die erste Informationsveranstaltung für betroffene Bürger.

Es geht um Verwaltungsrecht. Sebastian Mannl, der Projektkoordinator, erklärt: „Jeder, der sich durch dieses Verfahren betroffen fühlt, ist berechtigt, seine Meinung zu äußern.“ Mannl erklärt weiter, dass die Pläne nun in den zuständigen Rathäusern ausliegen und dass die Betroffenen bis zum 24. Juli Zeit haben, ihre Einwände abzugeben.

Die Pläne. Drei Stunden lang spricht Mannls Team über behördliche Zuständigkeiten. Umweltrecht (zu schaffende Kompensationsflächen, Tierschutzmaßnahmen). Dezibel-Grenzwerte aus dem Bundesimmissionsschutzgesetz. Materialfragen (3,15 Millionen Kubikmeter Sand werden gebraucht, ein neuer Baggersee wird entstehen). Es spricht über 140 Hektar Landwirtschaftsfläche, die überbaut werden und den Landwirten deshalb abgekauft werden muss. Über Gutachter, die den Verkehrswert für diese Flächen ermitteln. Über 70 Hektar, die man bereits gekauft habe. Und über die Möglichkeit der Enteignung bei Landbesitzern, die ihr Land nicht verkaufen wollen. Bald platzt den ersten Zuhörern der Kragen.

Eine Kampfansage

Zuhörer 1: „Es ist ja toll, dass Sie so viel für die Tiere tun – aber denken Sie auch mal an die Menschen?!“

Zuhörer 2: „Sie reden hier über Dezibelzahlen, die für uns gar keine Bedeutung haben – das Vorhaben ist eine Katastrophe, wir haben den Lärm künftig jeden Tag!“

Zuhörer 3: „Sie greifen in unser Leben ein!“

Zuhörer 4: „Verstehe ich das richtig, dass bereits Flächen aufgekauft werden, obwohl der Autobahnbau noch gar nicht endgültig beschlossen ist? Ich habe das Gefühl, wir sollen vor vollendete Tatsachen gestellt werden!“

Sebastian Mannl hat keinen einfachen Beruf. So ruhig wie möglich erklärt er: „Wir haben den ganz klaren Auftrag, dieses Projekt zu planen. Und Planung sieht vor, dass wir Flächen haben.“

Zuhörer 4 wieder: „Das ist ein schlampiger Umgang mit Steuergeldern!“

Ist es nicht, erklärt Mannl: Werde die Autobahn nicht gebaut, habe der Staat ja die Grundstücke; und landwirtschaftliche Flächen stiegen derzeit sogar im Wert.

Noch einmal Zuhörer 1, diesmal laut: „Sie können sich auf einen langfristigen Kampf mit uns einstellen!“ Kräftiger Applaus.

Dürrer Applaus hingegen am Ende für das tapfere Projektteam.

In Bad Zwischenahn warnt Jan-Dieter Bruns: „Ohne gute Infrastruktur gibt es keine Weiterentwicklung.“

Auf Gut Hahn erklärt Wim Deekens: „Ich werde auf keinen Fall verkaufen. Mich werden sie enteignen müssen.“

Die Küstenautobahn A20 ist noch nicht gebaut. Aber sie durchschneidet den Nordwesten schon jetzt.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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