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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Ausbeutung In Cloppenburg?: Besuch in einer frisch getünchten Werkarbeiterunterkunft

30.01.2019

Cloppenburg Keine Frage, es gab Zeiten, da war das Hotel „Zum weißen Roß“ in Cloppenburg keine schlechte Adresse. Auf einer alten Schwarzweiß-Postkarte verspricht der damalige Inhaber seinen Gästen Fremdenzimmer mit fließendem Warm- und Kaltwasser, Zentralheizung und einen Clubraum. Später kam sogar noch eine vollautomatische Kegelbahn hinzu. Doch das ist lange her.

Heute erinnert nur noch das Hotel-Schild über dem Haupteingang an die Zeiten, als Fremde in dem herunter gekommenen Haus noch wie Gäste behandelt wurden. Die Namen, Geburtstage und Ankunftstage der heutigen Bewohner werden nicht bei der Rezeption aufbewahrt, sondern hängen – gut sichtbar für jeden, den es interessiert – draußen neben der Eingangstür. Angela, Stanislav, David, Ionel und all die anderen auf der langen Liste sind zwischen 18 und 61 Jahren alt, stammen aus Osteuropa und haben vor allem eines gemeinsam: Sie arbeiten in den Schlachthöfen der Fleischindustrie in der Region.

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Am Dienstag sind die meisten von ihnen daher auch nicht anwesend und die Wohnungstüren verschlossen, als der für die Bauaufsicht zuständige Fachbereichsleiter der Stadt, Hermann Asbree, gegen Mittag mit den Vertretern der örtlichen Presse durch das Haus zieht. Sie hören daher auch nicht, wie der Beamte den baulichen Zustand des Gebäudes lobt und sich vehement gegen Vorwürfe zur Wehr setzt, die miesen Zustände in den Unterkünften seien mitverantwortlich für die zahlreichen TBC-Fälle unter den Schlachthofmitarbeitern.

Frische Farbe überall

Tatsächlich präsentiert sich das ehemalige Hotel an diesem Tag relativ sauber und aufgeräumt. Wenn hier Schimmelflecke an den Wänden waren, dann sind sie nun unter einer dicken Schicht Farbe verschwunden. Egal, was man anfasst, die Finger bleiben am frischen Lack kleben. Noch am Morgen, so berichtet Daniela Reim von der Beratungsstelle für Mobile Beschäftigte, sei mit Blick auf den seit gut einer Woche angekündigten Besuch in dem maroden Bau gestrichen worden. Asbree scheint das nicht zu stören, im Gegenteil. Er lobt die hygienischen Verhältnisse in den frisch getünchten Gemeinschaftsräumen und spricht mit Blick auf den Gesamtzustand der Immobilie von „kleineren Mängeln“. Mehr noch. „Viele fühlen sich hier zu Hause“, schwärmt Asbree, der nach eigenen Angaben zum vierten Mal in der Unterkunft zu Gast ist. Später wird er sich fragen lassen müssen, ob 270 Euro für ein Bett nicht ein Wucherpreis sei.

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Nur auf Nachfrage räumen Asbree und seine Kollegin Dorothea Schulte ein, dass der Komplex erst im Herbst von seinem Amt zwangsgeräumt worden war, weil Heizung und Strom über Monate ausgefallen waren. „Wenn wir über so etwas informiert werden, schreiten wir ein“, beteuern die beiden Verwaltungsmitarbeiter. Heute jedoch gebe es vonseiten der Bauaufsicht „keine Beanstandungen“.

Doch dann gerät das weiß getünchte Arbeiterparadies unversehens doch noch ins Wanken. Womit offenbar niemand gerechnet hatte, waren kritische Fragen nach dem Brandschutz oder dem Zustand der elektrischen Anlagen in der mit 42 Personen fast vollbelegten Unterkunft. Auf den Einwand, dass nirgendwo in dem verwinkelten Komplex Fluchtwege ausgeschildert sind, reagiert Asbree ungehalten. Die Fluchtwege seien doch gut sichtbar und eine Ausschilderung daher überflüssig, sagt der Bauexperte und weist auf eine Terrassentür. Dahinter verbirgt sich allerdings nur ein Balkon in luftiger Höhe – ein Irrtum, der im Brandfall tödlich enden kann. Auch unfachmännisch verlegte Stromkabel in der Gemeinschaftsküche sind für Asbree kein Problem. Das alles, so der Chef der Bauaufsicht, sei bei der Prüfung „nicht beanstandet“ worden und damit „in Ordnung“. Gleiches gilt dann wohl auch für den Feuerlöscher im Flur, der laut Aufkleber seit 18 Jahren nicht mehr gewartet wurde.

Dass die sorgsam vorbereitete Führung den Verantwortlichen am Ende doch noch aus den Händen gleitet, kann auch die barsche Abfuhr an das Fernsehteam des NDR nicht verhindern. Gleich zu Beginn des Ortstermins hatten die Vertreter der Stadt die Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wissen lassen, dass sie nicht mit in die Unterkunft dürfen. Den kritischen Fragen entgehen kann Herrmann Asbree nicht. Unmittelbar nach dem Rundgang muss er doch noch Stellung vor der Kamera beziehen.

Neue TBC-Fälle

Über die Ticker der Nachrichtenagentur dpa geht derweil die Kunde, dass in Cloppenburg zwei weitere Tuberkulosefälle unter Schlachthofmitarbeitern entdeckt wurden. Nach Darstellung des Landkreises sind diesmal eine 35 Jahre alte Frau aus Nepal und ein 47 Jahre alter Mann aus Rumänien betroffen. Die Frau wurde im örtlichen Krankenhaus behandelt und ist inzwischen wieder entlassen, stehe aber noch unter ärztlicher Aufsicht, so der Landkreis. Der Mann liege noch im Cloppenburger Krankenhaus und werde behandelt. Aufgefallen seien die Erkrankungen bei einem Arztbesuch.

Jörg Jung Redakteur / Newsdesk
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