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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Können wir den Riss jemals wieder kitten?“

11.11.2017

Dangast Aber was ist Dangast nun wirklich? Fischerdorf? Künstlerdorf? Touristenhochburg?

 Kapitel 6:
          Der Politiker

Karl-Heinz Funke sitzt in seiner Küche, er saugt an seiner Pfeife, schmunzelt und sagt: „Dangast ist ein Bauerndorf, das vergessen dauernd alle. Wir Bauern waren aber zuerst da!“ Funke ist ein großer Erzähler, wie immer hat er Zahlen und Geschichte(n) parat, er holt aus: Der Funkehof, der Stammsitz seiner Familie, lasse sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen...

Was er nicht sagt: Dangast ist auch ein bisschen Funkedorf, nicht nur wegen des Funkehofs. Karl-Heinz Funke, 71 Jahre alt, Landwirt und Studienrat, seit der Schule politisch aktiv, Bürgermeister, Landesminister, Bundesminister, sitzt seit 45 Jahren für Dangast im Rat der Stadt. Jahrzehnte lang war er Mitglied der SPD, 2011 gründete er die neue Partei „Zukunft Varel“. „Zukunft Varel“ hat die SPD abgelöst als stärkste Kraft im Rat.

Manche Leute sagen: In Dangast passiert nichts, was Karl-Heinz Funke nicht passt.

Der Nordseepark bildet möglicherweise eine Ausnahme. „Mir passt das nicht“, gibt Funke zu.

Ihm gefallen die Dimensionen der Neubauten nicht, ihm gab es zu wenig Diskussion im Vorfeld, ihm ging der Verkauf zu schnell. Vor allem aber wurmt ihn, dass die Anlage unter Wert verkauft worden sei. Eine „richtige Ausschreibung“, davon ist Funke überzeugt, hätte der Stadt mehr Geld eingebracht.

Aber Funke sagt heute auch: „Das ist ein Mehrheitsbeschluss, das muss man jetzt akzeptieren.“

Wenn der Taddigs-Plan so viele Gegner in Dangast hat, darunter den prominentesten Einwohner, nämlich Karl-Heinz Funke – wieso kam es dann überhaupt zu einem Mehrheitsbeschluss im Rat?

Funke, der Vollblutpolitiker, sagt: „Die Gegner haben es versäumt, sich Verbündete zu suchen.“

Wenn der Stadtrat über Dangast entscheidet, dann stimmen nicht nur Dangaster ab. Im Rat sitzen auch Vertreter aus Ortsteilen wie beispielsweise Obenstrohe, Büppel, Neuenwege. Und dort, das weiß Funke aus jahrzehntelanger Ratsarbeit, wurde das Nordseebad Dangast immer mit Argwohn betrachtet. Er nimmt die Pfeife aus dem Mund, um deutlicher zu werden: „Dangast hat einen schlechten Ruf.“

Funke, der Erzähler, hebt an zu einer weiteren Geschichte. Damals, als er noch Bürgermeister war, musste er sich immer die Klagen der Nicht-Dangaster anhören. Da war zum Beispiel dieser 90. Geburtstag in Altjührden, man plauschte, es gab einen Kurzen, natürlich sprach man Platt.

Und natürlich fragte ihn irgendwann das Geburtstagkind, so wie ihn die meisten Geburtstagskinder in all den Jahren fragten: „Mutt dat ganze Geld jümmers na Dangast“, muss das ganze Geld immer nach Dangast? Dangast kostet unser Geld ­– SO denkt man in Varel über Dangast!

Und dann kommt da ein schneidiger neuer Kurdirektor und präsentiert einen Plan, wie er die Dangaster Kosten senken will. Tolle Idee, denken die Leute, aber in der Bürgersprechstunde melden sich natürlich wieder zuerst die unzufriedenen Dangaster zu Wort. Sie klagen über ihren verlorenen Bolzplatz. Über den fehlenden Minigolfplatz. Und, schlimmer noch, über den vielen Verkehr. Wir armen Dangaster! Ständig ist da Stau, ein unaufhörlicher Fluss aus Blech und Plastik, der unsere schönen Straßen verstopft!

In der Bürgersprechstunde meldete sich dann jemand aus Langendamm zu Wort. „Wie kommen die Leute eigentlich alle nach Dangast?“, fragte er. Es wurde still im Saal. Denn jeder weiß: Alle Autos, die nach Dangast fahren, müssen zuerst durch Langendamm. Aber nie hält eines der Autos vor einem Geschäft in Langendamm an. Ihr Geld, das bringen die Urlauber seit eh und je allein den armen Dangastern.

Dangast verändert sich, Karl-Heinz Funke akzeptiert das.

Sorgen macht ihm längst etwas anderes: Würden sie den Riss jemals wieder kitten können, der längst durchs Dorf geht?  

 Kapitel 7:
          Die Minigolfer

„Einmal Trauerflor, bitte“

„Haste schon wieder verloren?“, Malte Bauer grinst.

„Ja“, brummt Dieter Oßadnik, 79 Jahre alt, „gegen die kannste ja nicht spielen.“ Er meint seine Enkelkinder.

Oßadnik zündet sich vor dem Minigolfkiosk eine Zigarette an. Er lässt den Blick kreisen: von der Minigolfbahn über den Bolzplatz zu den Neubauten. „Ich fürchte ja, dass man Dangast kaputt macht“, sagt er dann. „Der Strand ist doch jetzt schon zu klein. Wie soll das gehen, wenn noch mehr Touristen kommen?“

Gerade eben habe er mit einem älteren Ehepaar aus dem Rheinland gesprochen, das seit 20 Jahren Urlaub in Dangast mache. Der Mann habe gesagt: Wenn ich die Kasernen da schon sehe! „Die wollen nicht wiederkommen“, sagt Oßadnik. Er selbst wohnt in Herdecke, Nordrhein-Westfalen, früher hat er im Öffentlichen Dienst gearbeitet. Seit zwölf Jahren verbringt er seinen Urlaub in Dangast. „Wir kommen auch nicht wieder“, kündigt er an und guckt sehr entschlossen. Dann lacht er. „Naja, das sage ich heute. Und morgen sagen wir: Wir kommen doch wieder.“

Kai der Hai, der Rekordminigolfer, steht auch schon wieder vor dem Minigolfkiosk. „So schlecht finde ich die Häuser da oben eigentlich gar nicht“, sagt er leise, Malte Bauer soll es nicht hören, der Bahnbetreiber. „Aber hier unten, wenn die das alles wegmachen … ist das dann noch Dangast?“

 Epilog

In seinem Kurdirektorenbüro sagt Johann Taddigs: „Ich wollte ja eigentlich 1000 neue Betten haben, aber ich habe mich leider nicht durchgesetzt. Mit 1000 Betten würden wir eine schwarze Null schreiben.“ Aber Taddigs hat längst neue Pläne. Spannend fände er zum Beispiel ein Wellness-Hotel mitten in Dangast, privat betrieben. Dann könnte auch die Jod-Sole-Quelle wieder gewinnbringend genutzt werden.

Und statt der Minigolfanlage („Liebhaberei des Pächters“, „seit 25 Jahren quasi unverändert“, „von nennenswerter Nachfrage konnte keine Rede sein“) wünscht er sich eine Adventure-Golf-Anlage für Dangast: anderer Standort, anderer Betreiber, ganz neu, ganz modern. Auf jeden Fall: anders.

Enno Schmoll, der Tourismusprofessor, sagt, er und sein Team seien bei den Planungen des Nordseeparks „leider“ nicht mehr berücksichtigt worden, „das ist bedauerlich“.

Eckhard Koch, der Kritiker, droht im reetgedeckten Café: „Wir sind noch nicht am Ende. Ich bin davon überzeugt, dass da Häuser wieder abgerissen werden!“

Karl-Heinz Funke, der Politiker, saugt in seiner Küche an der Pfeife. „Die Häuser sind da, abreißen können wir die nicht mehr. Wer sollte das denn bitte bezahlen?“

Lothar Peters, der Investor, blickt aus seinem Bürofenster aufs Watt. „Das, was hier mit uns passiert ist, lässt sich nie wieder gutmachen.“

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft teilt auf Nachfrage offiziell mit: „Die Ermittlungen dauern an.“ Inoffiziell fügt er hinzu: „Das ist alles fürchterlich kompliziert.“

Dangast im November. Die Dämmerschatten legen sich jeden Tag früher auf die Minigolfanlage von Malte Bauer. Er muss jetzt bereits am Nachmittag schließen, das Licht reicht nicht mehr. Die Herbstferien in Nordrhein-Westfalen nimmt er noch mit, sagt er. Dann sind auch die vorbei. Er schließt den Zaun zur Minigolfanlage, er schließt seinen Kiosk, zum letzten Mal. Die Bestentafel hat er Kai Odrian versprochen: Kai dem Hai.

Und nun? Malte Bauer zuckt mit den Schultern und sagt: „Keine Ahnung.“