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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Wo sich Leute nicht mehr grüßen

09.11.2017

 Kapitel 3:
     DEr Tourismus-Experte           (und ein zweiter
           Auftritt der Kritiker)

Tourismus lohnt sich.

Auch für Dangast, sagt Professor Dr. Enno Schmoll, 49 Jahre alt. Er blickt buchstäblich von außen auf Dangast, genauer: von der Wasserseite aus: Schmoll ist Tourismusforscher an der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven, sein Büro liegt am anderen Ende des Jadebusens, Dangast gegenüber.

Schmoll hat im Sommer 2013 einige Zahlen zusammengetragen, die die Bedeutung des Tourismus für Dangast belegen sollen:

->  Die Nettowertschöpfung durch Tourismus in Dangast liegt bei 20 Millionen Euro.

->  800 000 bis 1 000 000 Euro bringt der Tourismus an Steuern ein.

->  1157 Vollzeitarbeitsplätze hängen direkt oder indirekt am Tourismus.

Er könnte noch weitere Zahlen nennen, die örtliche Bürgerinitiative, die gegen die Neubauten kämpft, hat später einige davon in einer Zeitungsanzeige veröffentlicht: 150 000 Euro fließen demnach pro Jahr über die Fremdenverkehrsabgabe ins Stadtsäckel, 120 000 Euro kommen zudem über die Zweitwohnungssteuer rein. Das Dangaster Defizit, das der Restrukturierungsmanager und Kurdirektor Johann Taddigs auftragsgemäß beseitigen soll, nennen Peter Beyersdorff und seine Mitstreiter von der Bürgerinitiative deshalb ein „Mysterium“: Dangast bringe mehr Geld ein, als es koste! „Es gab gar keinen Handlungsbedarf“, sagt Beyersdorff mit Blick auf den Taddigs-Plan.

Professor Schmoll sieht das anders. In seinem Dangast-Gutachten warnt er: So wie bislang geht es nicht weiter in Dangast. Auch dafür führt er Zahlen an, diesmal im Vergleich mit anderen Küstenorten.

->->  In Dangast gibt es seit 2001 sinkende Übernachtungszahlen: minus 7,1 Prozent. Andere Orte an der Nordseeküste konnten die Zahlen steigern.

->  In Dangast verkürzt sich seit Jahren die Aufenthaltsdauer der Gäste. Das passiert laut Schmoll zwar auch in anderen Küstenorten - aber nicht annähernd so stark wie in Dangast.

->  Ausgleichen lässt sich dieser Trend durch eine höhere Zahl an Gästeankünften. Aber auch hier bleibt Dangast hinter anderen Küstenorten zurück.

Für Schmoll sind diese Zahlen Indizien dafür, „dass in Dangast die touristische Infrastruktur gegenüber den anderen Orten nur unzureichend weiterentwickelt wurde“.

Im Schmollgutachten findet sich aber auch dieser Hinweis: Mit 756 Übernachtungen pro Einwohner ist Dangast schon jetzt einer der tourismusintensivsten Orte an der Nordseeküste. Zum Vergleich: In Carolinensiel sind es 562 Übernachtungen pro Einwohner, auf Baltrum 687,3, in Neuharlingersiel 696. Nur auf Wangerooge sind es mit 1045,4 deutlich mehr.

Kann dieses Dorf weitere 700 Gästebetten im Nordseepark verkraften?

Schmoll warnt: Mehr Betten ja – aber nur dann, wenn gleichzeitig auch die touristische Infrastruktur verbessert und ein Erlebnisangebot geschaffen würde.

Die Kritiker des Taddigs-Plans sagen: Mehr Betten nein - auf keinen Fall!

Sie organisierten Demonstrationen in Dangast. Die Demonstranten trugen Särge und beerdigten symbolisch Dangast. Auf dem Sarg stand: „Ein schwarzer Tag für Dangast“. Sie sammelten 2800 Unterschriften für ein Bürgerbegehren (das abgelehnt wurde). Sie schrieben Einwendungen gegen die Pläne, sie schickten Leserbriefe an die Zeitung.

Alles vergeblich: Die Kuranlage wurde verkauft, im Kurpark wächst der Nordseepark heran.

Aber die Bürgerinitiative sagt: „Wir versuchen zu retten, was zu retten ist.“

 Kapitel 4:
          Der Investor

Wer im Internet die Seite www.kuestenimmobilien.com öffnet und dort die Rubrik „Unser Dangast“ anwählt, sieht als erstes: das Alte Kurhaus. Auch Lothar Peters, 65 Jahre alt, Küstenimmobilien-Chef und Nordseepark-Investor, wirbt mit dem traditionellen Dangast-Bild, das seine Kritiker unbedingt erhalten wollen.

Lothar Peters und seine Frau Andrea, 45, sitzen in ihrem Büro an der Rennweide, der Blick geht über den Campingplatz hinweg auf den Jadebusen, das Alte Kurhaus liegt nur ein paar Schritte entfernt. Das Telefon klingelt Sturm, Nordrhein-Westfalen hat Ferien. Auf dem Werbeschild vor dem Haus kleben unter der Reklame „Ferienhäuser, Ferienwohnungen“ sechs rote Buchstaben: „Belegt“.

Im Büro hängen die Baupläne für den Nordseepark. „Wir sind seit 20 Jahren in Dangast“, sagt Lothar Peters, „wir machen das nicht nur aus geschäftlicher Sicht. Wir wollen Dangast nach vorn bringen!“

Es gab Zeiten, da bezeichnete Peters den noch neuen Kurdirektor Johann Taddigs in der Zeitung in einem Leserbrief als „existenzgefährdend“ für Dangast. Dann fanden sich Kurdirektor und Investor für die Nordseepark-Pläne zusammen.

Jetzt sagt Peters: Alle 46 Wohnungen aus dem ersten Bauabschnitt sind verkauft, ebenso die 42 Wohnungen aus dem zweiten Bauabschnitt, die noch nicht einmal fertig sind. Für 17 der fertigen Ferienwohnungen organisiert Peters die Vermietung, „die sind alle belegt“, sagt er.

„Ich erschließe hier neue Gästekreise“, sagt Peters. „Das sind Leute, die zum ersten Mal hier sind. Leute, die sonst nicht nach Dangast fahren würden.“ Andrea Peters sagt: „Und das sind Leute, die bereit sind, mehr Geld in Dangast auszugeben.“ Bis jetzt, sagt sie, seien alle Nordseepark-Gäste „begeistert“ gewesen.

Weniger begeistert sind manche Einheimische.

Lothar Peters sagt, es habe Demonstrationen auch rund um sein Haus gegeben. Die Demonstranten hätten Plakate getragen und seien verkleidet gewesen, sie hätten Angst und Schrecken verbreitet, „meine Tochter hat geschrien“.

An der Nordseepark-Baustelle seien Schilder abgerissen worden, jemand habe sein Auto demoliert.

Wohnungskäufer hätten ihren Kauf wieder rückgängig gemacht, nachdem sie von Dangastern noch auf dem Parkplatz gewarnt worden seien, sie würden ihr Geld zum Fenster rausschmeißen: Die Häuser müssten ja sowieso wieder alle abgerissen werden.

„Die sollten sich schämen!“, sagt Lothar Peters bitter.

In Dangast, 540 Einwohner klein, grüßen sich manche Leute nicht mehr.

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Jade-Hochschule | Bürgerinitiative