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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Das diskreteste Haus am Platze

22.11.2013

Hannover Der „Bayerische Hof“ im Herzen von München ist laut Hotel-Homepage ein Haus „für Gäste mit höchstem Anspruch“: fünf Sterne, internationale Auszeichnungen, ein eigenes Fitnessstudio, Blick auf die Frauenkirche. Es gibt 350 Zimmer und 60 Suiten, die Preise für letztere liegen zwischen 1850 und 3700 Euro, Sauna- und Schwimmbadbenutzung inklusive.

Das ist laut Homepage der Tarif, den Normalbucher zahlen müssen.

Am späten Nachmittag des 26. September 2008 meldete sich ein sogenannter VIP an der Rezeption: Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen. Der Empfangsdirektor des „Bayerischen Hofs“, Anton M., begrüßte Wulff und führte ihn hinauf zur knapp 100 Quadratmeter großen Suite Nr. 770, wo Ehefrau Bettina und Sohn Linus bereits auf ihn warteten. „Herzlich willkommen“ will M. zu dem prominenten Gast gesagt haben. Ansonsten habe er „nicht viel gesprochen“, sagt M., was glaubwürdig klingt, denn M. ist eher der diskrete Typ. Jedenfalls hier vor Gericht, fünf Jahre später.

Anton M., 48 Jahre alt, ist ein kleiner Mann, zerknitterter Anzug, leise Stimme. Seine Steppjacke behält er im Arm, als er sich in Saal 127 an den Zeugentisch setzt, er will offenbar nicht lange bleiben. „Sie können Ihre Jacke über den Tisch legen“, sagt Richter Frank Rosenow freundlich, „das hier wird sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen.“ Dann beginnt er sein mühsames Geschäft: Er seziert die Vergangenheit.

Ein Oktoberfest-Wochenende in München, die Sonne bricht durch, das Thermometer klettert auf 16 Grad, und in Zimmer 770 wohnt die VIP-Familie Wulff: in einer Suite, die über 1000 Euro kostet, im Buchungssystem mit 430 Euro ausgewiesen ist und von Wulff mit 230 Euro bezahlt wird. Die restlichen 200 Euro pro Nacht hat laut Rechnung vom 28. September 2008 Filmproduzent David Groenewold übernommen, der Wulff eingeladen und die Zimmer gebucht hatte. Groenewold und Wulff stehen nun wegen Vorteilsgewährung und Vorteilsnahme vor Gericht, und Richter Rosenow will wissen: Warum wurde der Ministerpräsident, für den ein Doppelzimmer bestellt wurde, auf eine Suite „upgegraded“, wie man im Hoteldeutsch sagt? Und wer hat was wann bezahlt?

Vier Hotelmitarbeiter hört das Gericht an diesem Donnerstag: einen Chefassistenten, der angeblich kaum Einblicke hatte; eine Kassiererin, die Einblicke, aber keine Erinnerungen hat; Anton M., der von beidem ein bisschen hat, sich aber jedes Wort von Richter und Staatsanwalt herausoperieren lässt und sich dabei zwei Stunden lang wie unter Schmerzen windet.

Lediglich eine ehemalige Reservierungsleiterin des Hotels hatte Einblicke und erinnert sich freiwillig daran („erfrischend“ nennt Richter Rosenow das). Sie erklärt, dass es bei Buchungen über eine American-Express-Platinum-Card, wie Groenewold sie besaß, ein vertragliches Upgrade-System gibt. Und vor allem sagt sie: Ja, Groenewold könnte für Wulff Teile der Rechnung übernommen haben, ohne dass Wulff davon erfahren hätte. Ein Punkt für Wulff – das hat er immer behauptet.

Aber hätte Wulff sich nicht über seine Rechnung wundern müssen? Seine Verteidigung weist darauf hin, dass Wulff 2010 ein zweites Mal im „Bayerischen Hof“ war: Diesmal wohnte er in einer 1900-Euro-Suite, die man ihm für 260 Euro angeboten hatte. Soll heißen: alles ganz normal.

Und warum ließ sich David Groenewold am 28. September 2008 beim Ausschecken eine zweite Rechnung ausstellen, zwei Minuten nach der ersten? Auf der ersten Rechnung standen die Gästenamen, auf der zweiten waren Namen und Zimmernummern verschwunden. Das Hotelpersonal erinnert sich nicht. Groenewold selbst hatte im Vorfeld ausgesagt, er habe den Namen seiner Freundin vor seinem Büro verheimlichen wollen, daher die Namenslöschung. Bloß: Die Freundin tauchte auf der ersten Rechnung gar nicht auf.

Die Angeklagten hören schweigend zu, Wulff wieder mit Bundesverdienstkreuz am Revers. Groenewold trägt weißes Einstecktuch und eine neue Kastenbrille.

Fest steht nach dem zweiten von 22 Verhandlungstagen also nur zweierlei: Wahrheitsfindung ist ein zäher Vorgang. Und der „Bayerische Hof“ ist ein diskretes Haus.


Mehr Berichte zum Thema unter   www.nwzonline.de/wulff-affaere 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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