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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Das Endlager auf dem Meeresgrund

22.06.2013

Emden /Oldenburg /Hamburg Den Schauerleuten im Emder Hafen war die Sache unheimlich. Stand da nicht neulich erst in der Zeitung, wie gefährlich der Umgang mit Atommüll sei? Und jetzt sollten sie 480 Stahlfässer mit radioaktiven Abfällen vom deutschen Binnenschiff „Rhenus 15“ auf den schottischen Frachter „Topaz“ umladen? Nee, sagten die Arbeiter, die packen wir nicht an!

Das Kernforschungszentrum Karlsruhe schickte einen Strahlenschutzfachmann auf die „Rhenus 15“; er zeigte den Schauerleuten die doppelten Deckel der Fässer, die Schrauben, die Schweißnähte.

Das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Emden schickte einen Messbeamten auf die „Rhenus 15“; er notierte eine Strahlendosisleistung von maximal 0,5 Millirem pro Stunde. Das entspreche ungefähr der Dosisleistung in einem Flugzeug, das in 10 000 Meter Höhe unterwegs ist.

Die Schauerleute berieten sich kurz, dann schlüpften sie in die Schutzanzüge und hoben die Fässer um.

Unbekannte Tiefsee

Am 20. Mai 1967 stach die „Topaz“ in See. Außer den 480 deutschen Fässern, Gesamtgewicht 180 Tonnen, hatte das Schiff 750 Tonnen Atommüll aus England geladen, die es unangekündigt nach Emden mitgebracht hatte. Unterwegs nahm der Frachter weiteren radioaktiven Abfall aus Holland, Belgien und Frankreich an Bord. Mit mehr als 2000 Tonnen Atommüll fuhr die „Topaz“ Richtung Süden. 450 Kilometer vor der portugiesischen Küste kippte die Besatzung die strahlende Fracht in das 4000 Meter tiefe Iberische Becken im Nordatlantik.

Es blieb nicht dabei. Mindestens 86 000 Tonnen schwach- und mittelradioaktiver Müll wurden Behördenangaben zufolge zwischen 1967 und 1981 in den Nordostatlantik gekippt – ganz legal. Auch im Nordwestatlantik gibt es Atommüll, im Pazifik, in der Arktischen See, hinzu kommen illegal entsorgte Fässer und versenkte Atom-U-Boote. Längst nicht alles liegt in der Tiefsee: Tausende Fässer landeten im Ärmelkanal, kaum 100 Meter tief.

Im ersten Stock des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) an der Universität Oldenburg sitzt Professor Dr. Jörg-Olaf Wolff, 54 Jahre alt, vor einem Tisch voller Seekarten. Wolff sagt: „Wenn Sie mit Ihrem Kugelschreiber einen Punkt auf ein Din-A4-Blatt tippen, dann haben Sie ungefähr das eingezeichnet, was wir bisher vom Ozean gesehen haben.“

Ein Stockwerk tiefer formulieren es Wolffs Kollegen Professor Dr. Hans-Jürgen Brumsack (62) und Dr. Bernhard Schnetger (56) so: „Vom Mond wissen wir mehr als von der Tiefsee.“

Endlager Meeresgrund – warum entsorgt man Atommüll ausgerechnet ins Unbekannte?

Beim WWF an der Hamburger Mönckebergstraße zuckt jetzt Stephan Lutter, 57 Jahre alt, mit den Schultern und sagt: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“

Lutter, ein Meeresbiologe, kümmert sich seit 25 Jahren für die Naturschutzorganisation WWF um den Fachbereich Meeresschutz. Der Münchner arbeitete in Bremen, er lebte in der Wesermarsch, dann zog er weiter nach Hamburg. Begleitet hat ihn überall hin das Thema „Müllkippe Meer“: die Dünnsäure-Verklappung. Der Klärschlamm. Die Weltkriegsmunition. Atomabfall.

Da hängen Delfinfotos an der Hamburger Altbauwand, auf dem Schreibtisch steht ein Kuschelpanda. „Es besteht immer die Gefahr, dass sich die Strahlung durch die Nahrungskette ausbreitet“, warnt Lutter. Nicht weit vom japanischen Fukushima entfernt sei Fischern Lachs ins Netz gegangen, „ganz stark mit Nukliden verseucht“. Und vor der Atomanlage Sellafield habe man eine Robbe gefangen, „die überschritt jeden Grenzwert für Nuklearmitarbeiter“. Jedes einzelne Atom, das Alpha- oder Beta-Strahlung abgebe, sei ein potenzieller Krebserreger, warnt Lutter. „Wenn das erstmal im Gewebe sitzt, ist das fatal!“

Jörg-Olaf Wolff, ein Meeresphysiker, sagt in Oldenburg: „Ich habe keine Ahnung, welcher Atommüll da liegt. Was ich aber kann, ist Strömungen berechnen.“ Er tippt auf seine Seekarten. „Die Gezeitenwelle läuft gegen den Uhrzeigersinn“, erklärt er. Dann fährt sein Finger von England bis zu den Ostfriesischen Inseln. „Was durch den Ärmelkanal geht, kommt bei uns vorbei.“

Und nicht nur das: „Die Strömung im Weltozean ist so eine Art Förderband“, sagt Wolff. Der sogenannte Conveyor Belt sei eine Kombination von Strömungen, die die Weltmeere bis in die tiefsten Becken hinein miteinander verbinde. „Alles hängt zusammen“, so Wolff. Zwar dauert der Kreislauf gut 1000 Jahre – aber was sind 1000 Jahre, wenn es um Radioaktivität geht? Plutonium-239 zum Beispiel hat eine Halbwertszeit von 24 110 Jahren – und ist danach immer noch hochgiftig.

„Tragischer Fehler“

Unten im ICBM, bei den Meeresforschern Brumsack und Schnetger, gibt es jetzt Chemie-Nachhilfe, es geht um Zerfallsreihen: Radioaktive Elemente, erklären sie, verwandeln sich fortlaufend und spontan in andere radioaktive Elemente. Plutonium-239 zerfällt unter Abgabe von Alpha-Strahlung zu Uran-235, Uran-235 zerfällt zu Thorium, einige der Elemente sind löslich im Meerwasser, zum Beispiel Radium, andere sind gasförmig, etwa Radon. Erst nach vielen Millionen Jahren steht am Ende der Reihe Blei.

„Das Problem ist, dass wir nicht wissen, was da versenkt wurde“, sagt Schnetger. Was zerfällt dort? An welcher Stelle der Zerfallsreihe befindet man sich gerade?

Das hier ist die Theorie: Natürlich kann ein Fass leckschlagen. Natürlich können sich radioaktive Nuklide auf dem Sediment ablegen, kann eine Seegurke den obersten Zentimeter abfressen, kann die Seegurke Opfer eines Raubfisches werden.

Und das hier ist die Praxis: Natürlich messen die Meeresforscher täglich Radioaktivität im Ozean. „Das liegt aber vor allem an den superfeinen Messinstrumenten“, erklärt Brumsack: Tschernobyl, Fukushima, alles lässt sich nachweisen. „Aber es gibt keinen Anlass zur Panik“, sagt er: „Auf jedem Transatlantikflug ist man einem höheren Strahlungsniveau ausgesetzt“.

Trotzdem: „Es war ein tragischer Fehler, den Müll ins Meer zu werfen“, sagt Brumsack. „Jeder Fachmann betont: Man muss das Zeug aus der Biosphäre heraushalten!“

Was also kann man tun?

Jörg-Olaf Wolff empfiehlt lächelnd: „Nichts reinwerfen.“ Daran hält man sich inzwischen: Seit den 90er Jahren ist die Verklappung von radioaktiven Feststoffen weltweit verboten. Die Atomanlagen in La Hague (Frankreich) und Sellafield (England) dürfen allerdings weiterhin Abwässer in den Ärmelkanal einleiten.

Schwierige Suche

Stephan Lutter, der Umweltschützer, fordert in Hamburg: „Wir müssen nachgucken, was da liegt. Und wenn möglich, müssen wir die Fässer bergen. Die Technik dafür gibt es.“ Fässer, die man nicht mehr bergen könne, müsse man eventuell mit einem Sarkophag aus Beton abdecken.

In Oldenburg empfiehlt Bernhard Schnetger, ein Kataster zu erstellen: Was liegt eigentlich wo? „Allerdings ist es nicht leicht, die Fässer zu finden: Der Ärmelkanal ist so groß wie Niedersachsen.“ Vor einer Bergung warnt er, „da richtet man vielleicht mehr Schaden an, als wenn man die Fässer unten lässt“.

Unwiederbringlich verloren sind die Fässer in der Tiefsee, „da kommt man nicht mehr ran“, weiß Jörg-Olaf Wolff, der Strömungsexperte. „Wir müssen weiter messen, wir müssen diese Orte beobachten“, sagt deshalb sein Kollege Hans-Jürgen Brumsack. Er sieht derzeit keine Gesundheitsgefahren, „aber vielleicht gibt es irgendwann Anlass für eine Handlung“.

Der weitaus größte Teil des Atommülls im Meer stammt aus Großbritannien und der Sowjetunion. Deutschland beließ es bei der einmaligen Probeversenkung von 480 Fässern im Jahr 1967.

Im Zwischenbericht der Gesellschaft für Kernforschung, Studiengruppe Tieflagerung, steht, auf der „Rhenus 15“ habe man nach Löschung der Ladung eine Kontamination festgestellt. Die Experten hobelten Holz ab, kratzten Zementfüllungen aus, wuschen alles mit Reinigungsmitteln. „Das Schiff wurde daraufhin ohne Einschränkungen zur beliebigen Verwendung freigegeben“, heißt es.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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