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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Das ist moderner Menschenhandel“

25.06.2013

Im Nordwesten Er könne dort viel Geld verdienen, sagte ihm der Vermittler im Aussiedlerheim. „So kam ich nach Wildeshausen“, erinnert sich Herr Z.

Jeden Tag stand er nun bei Geestland am Fließband. Pute um Pute fuhr vorüber, im Akkord schnitt er ihnen mit dem Zerlegemesser die Flügel ab. Die Brust. Unterkeule. Oberkeule. „Das ist harte Arbeit“, sagt Herr Z. Meistens fing er morgens um 5 Uhr an, oft blieb er abends bis 17, 18 Uhr.

Er hatte eine Festanstellung, „aber dann sollte ich zu einer Zeitarbeit wechseln“, sagt er. Er sei gemobbt worden, habe Abmahnungen erhalten; anderen Kollegen sei es ebenso ergangen. Irgendwann gab er nach und wechselte. Er bekam einen neuen Vertrag, bezahlt wurde er pro Kilogramm Putenfleisch, 30 Cent pro Kilo.

„Und dann passierte etwas Komisches“, sagt Herr Z. und lacht bitter. „Die Arbeit blieb, die Vorarbeiter blieben – aber die Zeitarbeitsfirma hatte plötzlich einen neuen Namen.“ Noch etwas änderte sich: der Lohn. Mit dem neuen Vertrag verdiente er nur noch 27 Cent pro Kilo. Herr Z. ging jeden Tag weiterhin in den Schlachthof, mehrfach änderten sich in den kommenden Jahren Arbeitgeber und Lohn, er sackte auf 25 und auf 23 Cent. Auch im Kleingedruckten gab es Veränderungen: Mal sollte Z. seine teuren Messer selbst kaufen, mal die Arbeitshandschuhe.

Und die Kollegen von Z. veränderten sich: Zunächst arbeiteten viele Spätaussiedler im Schlachthof, dann kamen Vietnamesen, zuletzt waren es überwiegend Rumänen und Bulgaren.

„Das ist Sozialbetrug“

Seit Jahren stehen Unternehmen der Fleischbranche wegen des Vorwurfs der Tierquälerei in der Kritik. Jetzt guckt die Bevölkerung zunehmend auch auf die Menschen, die dort arbeiten.

Da ist zum Beispiel der Wachmann in Wildeshausen, der Nacht für Nacht beim Schlachthof wartete: Er filmte die Busse, die die Arbeiter in ihren Quartieren in den Landkreisen Oldenburg, Cloppenburg, Vechta aufsammelten und dann zu Hunderten beim Werk ausspuckten. „Für mich ist das moderner Menschenhandel“, sagt er wütend in seiner Etagenwohnung. Aber er stellte seine Beobachtungen ein, mehrfach hätten ihn schwere Autos mit bulgarischen Kennzeichen nach Hause verfolgt.

Da ist die Sozialarbeiterin, die die Familien der Arbeiter in ihren Unterkünften besuchte und „katastrophale Zustände“ vorfand. In kleinsten Wohnungen sah sie zwölf Betten, hochgestapelt, „einige sollen sogar doppelt belegt worden sein“, berichtet sie. Sie beklagt, dass da regelrechte Ghettos mitten in der Stadt entstanden seien, „aber das will ja keiner hören“. Sie vermutet, dass zu viele Menschen daran mitverdienen. Die Arbeiter sollen zum Teil 150 Euro pro Bett und Monat bezahlen, sagte man ihr. Während sie von ihrer Arbeit erzählt in einem hübschen Landcafé, kämpft sie immer wieder gegen die Tränen an.

Und da ist vor allem Prälat Peter Kossen. Während fast alle Menschen, die etwas über die Fleischindustrie zu sagen haben, anonym bleiben wollen, weil sie unangenehme Folgen fürchten, kritisiert der aus Wildeshausen stammende Pfarrer die Branche für alle sichtbar – zuletzt in der ARD-Talkshow von Günther Jauch.

Kossen sagt: Wenn wirtschaftlich gesunde Unternehmen ohne Not öffentliche Leistungen wie die Hartz-IV-Aufstockung und Wohngeld von vornherein in ihre Lohnkalkulation mit einrechnen, dann sei das Sozialbetrug. Er nennt das Beschäftigungssystem mit Leiharbeitern und Werkverträgen „skrupellos und menschenverachtend“.

Der NWZ  liegen Arbeitsverträge zwischen Personaldienstleistern und Arbeitern vor, manchmal sind sie auf drei Monate befristet. „Krank werden sollte man da möglichst nicht“, berichtet Herr Z., „sonst gibt es keine Verlängerung.“ Auf Lohnabrechnungen sieht man, dass die Arbeiter in 200 Arbeitsstunden manchmal nur 1200 bis 1600 Euro verdienten – brutto. Im Akkord allerdings habe er es mitunter auf zweistellige Stundenlöhne gebracht, sagt Herr Z. Flügel. Brust. Unterkeule. Oberkeule. Bis er sich mit dem Messer den Finger abschnitt. „Als ich zurückkam, musste ich eine schlechtere Arbeit machen – zur Strafe“, glaubt er.

Prälat Kossen fordert: „Der Sumpf mafiöser Subunternehmen muss ausgetrocknet werden!“

Tipps für Unternehmer

Zunächst einmal sind Werkverträge legal. Im Düsseldorfer Hotel „Holiday Inn“ warb Professor Volker Rieble, Direktor des Zentrums für Arbeitsbeziehung und Arbeitsrecht an der Universität München, 2011 bei einer Tagung vor Unternehmern für den Werkvertrag. Er sprach von der „Last der Stammbelegschaft“, wies auf die immer strengeren Regeln für die Zeitarbeit hin und stellte „Überlaufventile in andere Formen arbeitsteiligen Wirtschaftens“ vor. Er meinte: Werkverträge.

Eigentlich waren Riebles Ausführungen für Arbeitgeber-Ohren bestimmt. Bekannt wurden sie, weil einige Journalisten und ein IG-Metall-Vertreter mithörten. Der sagte anschließend der Zeitung „Die Zeit“: „Das war eine Anleitung zum Lohndumping!“

„Werkvertrag“ bedeutet, dass ein Unternehmen ein „Werk“ an ein Subunternehmen abgibt – zum Beispiel die Zerlegung von Puten. Das Unternehmen bezahlt für das Werk, das Subunternehmen organisiert die Arbeit. So kann zum Beispiel eine bulgarische Firma mit bulgarischen Arbeitern die Zerlegung in einem deutschen Schlachthof übernehmen. Das ist legal.

Illegal wäre es, wenn das Subunternehmen das Werk nicht selbstständig erledigt. Wenn Werkvertragsarbeiter neben Stammkräften arbeiten. Wenn Werkverträge missbräuchlich zum Lohndumping genutzt werden.

Das Problem ist es, einen Missbrauch nachzuweisen.

Zuständig für die Kontrolle ist in Deutschland der Zoll – und wer Zöllner fragt, was sie gegen solchen Missbrauch tun können, bekommt zur Antwort: „Nichts!“ Zunächst einmal personell: Beim Zoll in Osnabrück, Lohne und Nordhorn gehen pro Jahr 8000 Hinweise ein, denen 65 Außendienstmitarbeiter nachgehen. Kommt es zur Überprüfung, bleibt es schwierig: „Bis wir den weißen Kittel anhaben, haben die alle Pause“, klagt ein Zöllner. Und überhaupt: „Wer ist denn gerade der Subunternehmer?“

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg spricht von „komplexen juristischen Fragen“. Zuletzt konnte die Behörde Anklage gegen einen Subunternehmer der Firma Geestland erheben wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz. Der Subunternehmer hatte mit weiteren Subunternehmern Werkverträge abgeschlossen, die möglicherweise „nicht gelebt“ worden seien.

Eine Sprecherin des Geestland-Gesellschafters PHW (Wiesenhof) wollte die Anklage nicht kommentieren mit dem Hinweis, es handle sich um „selbstständige Werkvertragsunternehmer“.

Nur wenig dringt aus den Betrieben nach außen. Herr Z. berichtet, dass nach einer TV-Dokumentation alle Arbeiter auf Handys und Filmkameras gefilzt worden seien.

Was kann man tun für die Billiglöhner?

Der Landkreis Vechta hat auf Grundlage der Bauordnung „Kriterien für gesundes Wohnen“ entwickelt und kontrollierte 122 Wohnungen von Werkvertragsarbeitern. Die Kontrolleure fanden Wohnungen, in denen 15 Betten in einem Raum standen. Zimmer, in denen kein Mensch stehen konnte. 70 Namen an einem Klingelschild. Bei 23 Objekten mit 486 betroffenen Personen habe man ein Nutzungsuntersagungs-Verfahren eingeleitet, sagt Landkreissprecher Stefan Weidelich. Mehrere Gebäude werden nun umgebaut, „die Vermieter waren zumeist einsichtig“. Weidelich: „Damit haben wir unsere Möglichkeiten ausgeschöpft. Bei den Löhnen können wir nur appellieren.“

Frage der Moral

Das tut auch Prälat Peter Kossen, er fordert: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort! Flächendeckender Mindestlohn! Dezentrale, bezahlbare menschenwürdige Unterkünfte!“

Einen „Appell an den anständigen Kaufmann in der Region“ hält hingegen der Zoll für nötig: „Es geht um Moral – wer sich nicht daran hält, müsste in der Handelskammer geächtet sein“, meint ein leitender Beamter.

Herr Z. arbeitet inzwischen nicht mehr im Schlachthof, „mein Rücken“, sagt er. Zum Glück hat seine Frau einen Job. „Aber wer weiß“, sagt er, „vielleicht muss ich mich da doch wieder bewerben“: Das sei ein großer Arbeitgeber in einer wachsenden Branche. Flügel, Brust, Unterkeule, Oberkeule, Z. macht eine schnelle Bewegung mit der Hand. Ein Finger fehlt.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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