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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Der einsame Weg in die Freiheit

24.08.2013

Oldenburg Das Auto! Florian* hatte einfach nicht daran gedacht. Es parkte direkt vor Silas* Haus, jeder konnte es sehen.

Noch in der Nacht begann der Terror.

„Du widerliche Schlampe.“

„Du bist zu weit gegangen.“

„Ich hoffe, du wirst vom Zug überrollt, du dreckige kleine kranke Hure.“

Hunderte SMS-Nachrichten liefen auf Silas Handy auf. Die Absender wechselten, die Beleidigungen blieben. Du Hexe. Du Miststück. Du Nutte.

Sila hat einen Sohn, Jîan*. Als er seine Großeltern besuchte, fragten sie ihn: Warst du bei diesem ekligen Deutschen?

Zu Sila sagte ein Familienmitglied: Wir sollen dasselbe mit dir machen wie mit Azur!

Azur Ö. war eine entfernte Verwandte aus Detmold. Sie wurde im November 2011 von ihrem Bruder erschossen – ein sogenannter Ehrenmord.

Azur, 18 Jahre jung, war Yezidin. So wie Sila, 27.

Selbsterhaltung

„Ich hatte eine schöne Kindheit“, sagt Sila. Sie spielte mit den Nachbarkindern, manchmal durfte sie bei deutschen Freunden übernachten. Die Religion? Klar, die yezidischen Feste wurden in der Familie gefeiert, „das war wunderschön“. Gebetet habe man ansonsten nicht viel, sagt sie.

Sila liebte die Schule, sie wollte Abitur machen. Ihre Familie nannte sie scherzhaft „die deutsche Müllers­tochter“.

Dann wurde sie älter. Und vor allem fraulicher. Plötzlich durfte sie sich nicht mehr mit Freunden treffen. Ihre Familie erklärte ihr, dass sie bald ihren Cousin heiraten solle. Sie kannte ihn kaum. „Ich will nicht!“, rief Sila; sie rannte in ihr Zimmer und weinte.

In Deutschland leben mindestens 25 000 Yeziden, Oldenburg gilt als Hochburg. Das Yezidentum ist eine Religion, zu der man nicht konvertieren kann – als Yezide muss man geboren werden. Deshalb gibt es die Regel, untereinander zu heiraten; „zur Selbsterhaltung“, lautet die Begründung der Yeziden.

Wer sind die Yeziden?

Das Yezidentum ist eine uralte monotheistische Religion. Die meisten Yeziden leben in der Türkei, im Irak und in Syrien, wo sie eine ethnische und religiöse Minderheit bilden: als Kurden in einem muslimischen Umfeld. In den 80er Jahren flohen viele Yeziden nach Deutschland. Weltweit gibt ungefähr 250 000 Yeziden, schätzt der Ethnologe Prof. Dr. Andreas Ackermann (Universität Konstanz). Der Zentralrat der Yeziden geht von 800 000 Yeziden aus.

„Dein Onkel hat für seinen Sohn um deine Hand angehalten“, sagte Silas Mutter, „da kannst nicht nein sagen!“

Sie drohten ihr: „Du musst die Familienehre wieder herstellen!“ Sie machten ihr Versprechungen: „Du darfst auch weiter zur Schule gehen“.

Ein Jahr lang ging das so, „dann habe ich aufgegeben“, sagt Sila.

Viel später wird in den Gerichtsakten stehen: „In der Ehe kam es von Anfang an immer wieder zu Gewalttätigkeiten.“ Sila musste die Schule abbrechen. Sie durfte nicht mehr in der Eisdiele jobben, wo sie Geld für ihren Führerschein verdienen wollte. Mehrfach floh sie zurück in ihr Elternhaus. „Schämst du dich nicht?“, fragte man sie dort. Nach einer dieser Fluchten setzte sie durch, dass sie eine Ausbildung machen durfte. Sie lernte dafür heimlich, wenn ihr Mann schlief.

2005 kam ihr Sohn Jîan auf die Welt: ein neuer Yezide.

Ein hoher Preis

In einem langen Flur am Oldenburger Stau, zweiter Stock, hängen großformatig die Meilensteine der Frauenbewegung an der Wand. 1908: Frauen dürfen Mitglied in politischen Parteien und Gewerkschaften werden. 1918: Frauen erhalten in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht.

Für 2013 ist Zimmer 212 zuständig, hier sitzt Gisela Stockem, Leiterin von „BISS – Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt“. Die 56-Jährige berät Frauen, die geschlagen werden. Bis zu 500 Fälle laufen jährlich bei ihr auf. Sila kam 2008 erstmals zu ihr.

Es sei nicht so, dass es in yezidischen Ehen mehr Gewalt gebe als in anderen, sagt Stockem. „Aber für yezidische Frauen gibt es kaum einen Weg da raus.“ Nach yezidischem Recht kann eine Scheidung nur vom Ehemann ausgesprochen werden. Wenn eine Frau trotzdem aus der Ehe ausbreche, zahle sie dafür fast immer einen sehr hohen Preis: „Sie muss alles hinter sich lassen, alle familiären Kontakte abbrechen.“

Die meisten Frauen schaffen das nicht, weiß Stockem.

Noch eine SMS: „Denk nicht, dass der Junge von dem Typen erzogen wird“, warnte ein Verwandter Sila.

„Pack deine Sachen, von dir und von Jîan, ich hol’ dich gleich ab“, schrieb ihr Bruder. Wenig später klingelte es bei Sila. Sie rief die Polizei.

Aus Behördenkreisen erfährt man, dass es immer wieder zu Anzeigen von yezidischen Frauen gegen Familienmitglieder kommt. Fast immer nehmen die Frauen ihre Anzeige wenig später wieder zurück. Auch Sila knickte mehrfach ein. „Aber jetzt ziehe ich das durch“, sagt sie.

Sie zeigte ihren Mann an, ihren Schwiegervater, ihre Brüder. Wegen Bedrohung. Körperverletzung. Hausfriedensbruch. Immer wieder standen sie vor ihrer Tür.

Dann verschwand Jîan. Sein Vater hatte im Einkaufszentrum auf sie gewartet. Er griff sich den Jungen und rannte davon. Sila zeigte ihren Mann wegen Kindesentführung an.

„Es ist vom Gesetz anerkannt, dass bei uns nach einer Ehe der Mann sein Kind behält“, schrieb ihr ein Verwandter per SMS. Yezidisches Recht – das einzige, das zählt?

Als Sila nach Wochen ihr Kind wiederbekam, floh sie mit ihm in ein Frauenhaus, zunächst nach Wuppertal, dann nach Berlin. Sie nahm einen falschen Namen an. Aber nach einem Jahr kehrte sie zurück, „ich hatte ja nichts“. Sie wollte sich nicht länger verstecken.

Die Anzeigen. Stundenlange Aussagen bei der Polizei. Gerichtsverfahren. Vor dem Amtsgericht wurden ihr Mann und Schwiegervater wegen Körperverletzung zu Geldstrafen verurteilt. Vor dem Landgericht wurde ihr Schwiegervater wieder freigesprochen.

„Schämst du dich nicht, deinen eigenen Onkel anzuzeigen?“, fragte ihre Familie.

Sila ist inzwischen geschieden, nach deutschem Recht. Für ihre Familie ist sie noch verheiratet, nach yezidischem Recht.

Und dann lernte sie Florian kennen.

In einer SMS stand: „Igitt, so ein hässlicher Vogel.“

„Der sieht ja aus wie ein Kinderficker“, hieß es in einer anderen.

Einmal, sagt Sila, habe ihr Schwiegervater sie angeschrien: „Ich schneid’ dir den Kopf ab!“ Vor Gericht ließ sich das „nicht mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit feststellen“, heißt es in den Akten.

Die Justiz nimmt Fälle wie den von Sila sehr ernst. „Das ist kein Einzelfall“, sagt Roland Herrmann (62), Leiter der Staatsanwaltschaft Oldenburg. „Wir haben es hier mit archaischen Wertvorstellungen zu tun. Eine Ehrverletzung wird als genauso schlimm angesehen wie Körperverletzung oder Mord.“ In seinem Berufsleben habe er es mit einer Handvoll Ehrenmord-Fälle zu tun gehabt, so Herrmann. Alle hatten einen yezidischen Hintergrund.

Sila sagt: „Das geht jetzt seit acht Jahren so.“ Kontakt zur Familie hat sie keinen mehr, auf die SMS-Nachrichten antwortet sie nicht.

Sie hat es trotzdem geschafft, ihre Ausbildung zu beenden. Sie hat ihr Abitur nachgemacht. Und sie hat sich ihren größten Wunsch erfüllt: Sie studiert. Sie möchte einmal Lehrerin werden. Und ein ganz normales Leben leben, mit Florian und Jîan. „Wieso darf ich das nicht?“, fragt Sila. Sie ist 27, „aber es fühlt sich an, als wäre ich 60“.

Ihr Sohn soll anders aufwachsen. „Ich möchte nicht, dass er so ein Paket auf dem Rücken hat wie ich“, sagt Sila.

Eine weitere SMS: „Du willst ihn zu einem Menschen machen, der er nicht ist!“

Vielleicht ein Schutz

Nach dem Ehrenmord von Detmold erklärte der in Oldenburg angesiedelte Zentralrat der Yeziden in Deutschland: „Das ist nicht unser Verständnis von Ehre, das war unehrenhaft.“

Azur Ö. – „das kommt mir alles so bekannt vor“, sagt Sila. Dieser Wunsch, selbstbestimmt zu leben. Die Liebe zu einem Deutschen. Die Flucht vor der Familie.

„Die Religion enthält keine Elemente, die eine Diskriminierung der Frau rechtfertigen können“, heißt es beim Zentralrat der Yeziden.

„Ich fühle mich nicht sicher“, sagt Sila.

Die Polizei hat Sila angeboten, sie mit einer falschen Identität auszustatten. Sila hat abgelehnt. Wenn ich meine Geschichte in der Zeitung erzähle, bietet mir das vielleicht Schutz, sagt sie sich. Vielleicht kann ich auch anderen yezidischen Frauen Mut machen. Und vor allem: mir selbst.

*

Am 8. Februar 2013 nahm Silas Ex-Schwiegervater für das Yezidische Forum Oldenburg einen Scheck über 150 000 Euro entgegen. Mit dem Geld fördert die Bundesregierung ein Projekt, in dessen Mittelpunkt Mädchen und Frauen stehen. „Wir wollen Frauen zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermutigen“, teilte das Forum mit.

* Namen geändert

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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