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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Unglück: Der weite Weg zurück nach Hause

06.07.2012

DELMENHORST Wie geht das jetzt noch gleich? Ach ja, der kleine Greifring steuert den linken Reifen, der große den rechten.

Niklas schraubt am ersten Ring, er schraubt am zweiten Ring, torkelnd setzt sich sein neuer Rollstuhl in Bewegung, ups, jetzt wäre er beinah hinten rübergefallen, „Niklas!“, ruft seine Mutter erschrocken. Aber Niklas fängt sich und lacht, endlich lacht Niklas wieder. „So sind Jungs“, sagt Stefanie Müller, jetzt lacht auch sie, „alles müssen sie ausprobieren.“

Gefährliches Spiel

Manchmal probieren Jungs sogar Sachen aus, die lebensgefährlich sind. So wie an diesem Freitagabend im April.

Niklas Müller, 13 Jahre alt, spielte mit einem Freund auf dem Rangierbahnhof am Heidkruger Weg in Delmenhorst. „Komm’, ich zeig’ dir was“, rief Niklas, er kletterte die Leiter zu einem Tankwaggon hoch. „Lass’ das lieber“, warnte der Freund, „das gibt bestimmt Ärger.“ Aber da war es schon zu spät.

Im Polizeibericht steht später, dass Nachbarn am 27. April gegen 19.50 Uhr einen Knall hörten und einen Lichtbogen sahen, der sich von der Oberleitung zu einem Waggon spannte. Und dass Niklas auf dem Waggondach lag.

Die Oberleitung der Bahn steht unter einer Spannung von 15 000 Volt. Eine derart hohe Spannung erzeugt ein großes elektrisches Feld, man braucht um den Draht sehr viel Luft als Isolator. Näher als auf 1,50 Meter darf man einer solchen Leitung nie kommen, sonst kann es zu einem sogenannten Spannungs-Überschlag kommen. Man bekommt einen Stromschlag, ohne die Leitung zu berühren.

Aber das wusste Niklas nicht.

Der Starkstrom trat durch den linken Arm in seinen Körper. Er verbrannte das Muskelgewebe, dann raste er weiter die Blutgefäße entlang, Natriumionen, Kalium, Calcium, Magnesium leiteten ihn, der Mensch sitzt voller Metalle. An Niklas’ Füßen trat der Strom wieder aus, wieder verdampfte Gewebe.

Als es gegen 21.45 Uhr an ihrer Wohnungstür klingelte, atmete Stefanie Müller zunächst erleichtert auf. Zigmal hatte sie versucht, ihr Kind anzurufen, „er ist sonst nie so lange draußen“, jetzt hörte sie endlich Schritte im Treppenhaus. Aber die Schritte klangen fremd, „ich wusste sofort, dass das nicht Niklas war“, sagt sie. Zwei Polizisten in zivil stellten sich vor. „Dürfen wir reinkommen?“, fragten sie. „Es war wie in einem schlechten Film“, sagt die 32-Jährige.

Die Polizisten erzählten ihr von dem Unfall. Dass Niklas mit dem Rettungshubschrauber nach Hannover gebracht worden sei. Dass er schwer verletzt sei. Dass man nicht wisse, ob er überleben werde.

Stefanie Müller und ihr Lebensgefährte Marcel Mählenhoff fuhren nach Hannover.

Wie im Albtraum

Niklas lag im Operationssaal der Medizinischen Hochschule. Die Ärzte nahmen ihm den linken Arm an der Schulter ab. Sie schnitten ihm beide Unterschenkel ab. Elfmal operierten sie den Jungen, immer wieder mussten sie neues totes Gewebe entfernen, durch die Hitze hatten sich Blutgerinnsel gebildet. Niklas’ Nieren machten Probleme wegen der giftigen Gase, die durch die Verbrennung entstanden waren. Die Ärzte befürchteten einen Herzstillstand.

Müller und Mählenhoff mieteten sich gleich nebenan im Hotel ein. „Jeden Morgen ging mein erster Griff zum Handy“, sagt die Mutter: „Habe ich zu tief geschlafen und das Klingeln nicht gehört? Ist der Akku vielleicht leer?“

Es fühlt sich an wie ein Albtraum, sagt sie. Aber wenn man aufwacht, geht der Albtraum trotzdem weiter.

Oben im Klinikhochhaus haben sie aus dem Krankenhauszimmer 6 ein Niklaszimmer gemacht. An der Wand hängen Katzenfotos und Hundefotos, es gibt ein Poster von der Band 30 Seconds To Mars, neben dem Bett kleben bunte „Gute Besserung“-Briefe.

Niklas hat auch eine neue Spielekonsole bekommen, eine Wii, „morgen bringt mir der Pfleger ,Mario Kart‘ mit“, erzählt er stolz, ein Rennspiel. „Hm“, fragt Mutter Stefanie vorsichtig, „braucht man dafür nicht zwei Arme?“ Niklas überlegt, dann sagt er: „Ich probiere es mal aus.“

Kann eine Familie in neun Wochen verstehen, dass ihr Kind nie wieder auf eigenen Füßen stehen wird?

„Nein!“, sagt Stefanie Müller, sie zögert nicht eine Sekunde, „das geht nicht.“ Niklas wird psychologisch betreut, ebenso wie seine Mutter. Sie ertappt sich immer wieder dabei, dass sie sich auf Niklas’ rechte Seite setzt, auf die heile Seite, es kommt ihr dann vor wie früher. Aber immer öfter setzt sie sich jetzt nach links.

Als Niklas aufwachte aus dem künstlichen Koma, fragte er: „Mama, was ist mit meinen Füßen passiert?“ Stefanie Müller sagte ihm, dass er einen schlimmen Unfall hatte. Dass er fast gestorben wäre. Dass alle ganz viel Angst um ihn hatten. Niklas sagte nichts; er sagt meistens nicht so viel. Dann weinte er.

An den Unfall erinnert er sich nicht. „Wenn er gewusst hätte, dass dort Strom fließt, wäre er nie hochgeklettert“, ist seine Mutter überzeugt.

Mittlerweile schaut Niklas genau zu, wenn seine Verbände gewechselt werden. Er möchte Fotos sehen von seiner verletzten linken Seite. Und er beobachtet andere Menschen: Wie reagieren sie auf seine fehlenden Füße?

Es geht nur langsam voran für Niklas. Bislang war immer eine Sitzwache bei ihm, 24 Stunden am Tag blieb Niklas unter Beobachtung, weil er so starke Schmerzmittel und Antidepressiva bekommt. „Da fehlt Zeit für Einsamkeit und Zweisamkeit“, klagt Stefanie Müller, „Zeit, auch mal traurig und verzweifelt sein zu dürfen.“ Aber jetzt braucht Niklas keine Sitzwache mehr, in zwei Wochen soll bereits die Reha beginnen. Niklas wird dort Prothesen bekommen.

Seine Mutter ist die ganze Zeit bei ihm. Die gerontopsychiatrische Betreuerin arbeitet seit März in der Diakonie Himmelsthür in Wildeshausen, einer Behinderteneinrichtung; ihr Arbeitgeber hält zu ihr. Ihr Lebensgefährte hatte es da schwerer: Marcel Mählenhoff musste in der Zeit des Bangens seine Prüfung zum Lebensmitteltechniker ablegen. Jetzt sucht der 28-Jährige einen Job im Raum Delmenhorst/Oldenburg; er möchte Niklas nicht auch noch einen Umzug zumuten.

Es wird dauern, bis Niklas wieder nach Hause darf. Die Ärzte sprechen von 2013, Stefanie Müller hofft aber auf den Spätherbst 2012, „die Wundheilung verläuft sehr gut“.

Niklas ist nicht allein

Vielleicht werden sie eine neue Wohnung brauchen in Delmenhorst, sie wohnen ja im ersten Stock. „Soweit kann ich noch nicht denken“, sagt Stefanie Müller.

Sie weiß nur das hier: Ihr Sohn lebt. Sein Herz schlägt. Seine Nieren funktionieren. Sein Gehirn ist gesund. Er hat seine rechte Hand behalten, „er ist doch Rechtshänder“.

Stefanie Müller ist eine große Frau, sie richtet sich kerzengerade auf. Dann sagt sie: Niklas wird wieder laufen, auf Prothesen. Er wird Tischtennis spielen mit seinem rechten Arm, er wird schwimmen, und er wird merken: Ich bin nicht allein. „Ich habe Kontakt zu ,Ampukids‘ in Hamburg aufgenommen“, sagt sie, „da gibt es viele Kinder, denen Gliedmaßen fehlen.“

Niklas wird auch wieder zur Schule gehen. Seine Mitschüler aus der 7. Klasse der Hauptschule West haben bereits gefragt, ob sie nicht ins Erdgeschoss ziehen können; Niklas soll keine Treppen steigen müssen.

Gleich beginnt die Ergotherapie. Wollen wir reingehen?, fragt Stefanie Müller ihren Sohn.

„Nein“, antwortet Niklas, seine rechte Hand zwingt den Rollstuhl in eine Kurve, „ich möchte noch draußen bleiben.“ Er muss doch ausprobieren, was sein neues Fahrzeug und er so alles können.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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