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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Die Baustelle gleich hinter der Boje

12.06.2012
NWZonline.de NWZonline 2015-07-24T09:35:22Z 280 158

Offshore:
Die Baustelle gleich hinter der Boje

BORKUM Natürlich reißt wieder einer diesen Witz, als die Wellenmessboje die aktuellen Zahlen funkt: „60 Zentimeter? Das ist ja kaum mehr als Ententeich!“ Der Witz kommt immer, wenn Landratten mit zur Baustelle fahren wollen.

Die Baustelle heißt in der Fachsprache übrigens „Baufeld“, was die Sache nicht besser beschreibt, aber größer.

Containerdorf auf Borkum

An der Ostkaje auf Borkum sitzt Diana Zach, 31 Jahre alt, in Büro 5 vor vier großen Computerbildschirmen. Büro 5 ist einer von 30 Containern, die hier im Hafen vor kurzem zum „OWP Baubüro Riffgat“ befördert wurden. OWP heißt „Offshore Windpark“, Riffgat benennt ein historisches Seegebiet, das Tor zum Borkum-Riff: Hier baut der Oldenburger Energieversorger EWE für 450 Millionen Euro seinen zweiten Hochseewindpark.

„Da ist die ,Rolling Stone‘“, sagt Diana Zach, sie zeigt auf ein schwarzes Kreuz auf dem ersten Bildschirm, „direkt neben R8“. R8 gibt es noch nicht, es ist bloß ein blauer Kreis auf einer Seekarte; später soll es einmal die achte von 30 Windkraftanlagen der 3,6-Megawatt-Klasse im Windpark „Riffgat“ sein.

Aber die „Rolling Stone“ gibt es, sie ist 138 Meter lang und ein sogenanntes „Fallpipe Vessel“, also ein Fallrohr-Schiff; Diana Zach sagt ein bisschen respektlos „Steinkipper“ dazu.

Nur ein paar Schritte vom Containerdorf entfernt, an Schwimmpier Nummer 6, hat die „Fob Trim“ festgemacht; seit Ende Mai liegt das Mannschaftsschiff hier bereit für die Windparkbauer. Noch hat Kapitän Jörn Andersen, 65 Jahre alt, nicht allzu viel zu tun, aber jetzt geht Wilfried Hube an Bord, der „Riffgat“-Projektleiter. Hube, 46 Jahre alt, ist Segler; er hat mitgelacht beim Ententeich-Witz.

Kapitän Andersen nimmt Kurs Nordwest, und nach knapp 40 Minuten schiebt er seine „Fob Trim“ backbord an einer Kardinaltonne vorbei. Sofort läuft ein Funkspruch auf im Ruderhaus, die „Osprey“ meldet sich, das Verkehrssicherungsschiff, es lauert grüngelborange am Ostrand des künftigen Windparks: „Betreten der Baustelle verboten“ – der Satz gilt auch auf See, wo die Baustelle ein Baufeld ist und es gar nichts zu betreten gibt. Wilfried Hube, der Bauleiter, muss vermitteln, dann darf die „Fob Trim“ etwas näher an die „Rolling Stone“ heranfahren.

Kapitän Andersen drosselt den Schiffsdiesel. Das ist der Moment, in dem der Ententeich-Witz greift: 60 Zentimeter rauf, runter, rauf, runter, das macht Landrattenmägen ein bisschen nervös.

Steine durchs Fallrohr

Die „Rolling Stone“ heißt nicht wegen der britischen Rockband so, auch wenn die berühmte „Stones“-Zunge knallrot an der Brücke pappt – sie heißt so, weil sie Steine ins Rollen bringt. Zwei Bagger schaufeln vier Zentimeter große Kiesstücke auf Förderbänder, die Förderbänder befördern den Kies zum Fallrohr, durchs Fallrohr rollt der Kies auf den Nordseegrund, bis zu 23 Meter ist das Wasser tief.

„Kolkschutz“ nennen die Fachleute diese erste Baumaßnahme: „Ohne Kolkschutz würde die Wellenbewegung den Pfahl freispülen“, erklärt EWE-Projektleiter Hube. 50 Zentimeter stark wird die Steinkiesschicht, später kommt eine 60 Zentimeter dicke Deckschicht aus größeren Steinen obendrauf. 20 000 Tonnen norwegische Steine hat die „Rolling Stone“ bereits in die See rollen lassen; das hier ist ihre dritte und letzte Ladung für „Riffgat“.

Küstenwache schaut zu

In Containerbüro 5 an der Borkumer Ostkaje kann Diana Zach dabei zuschauen. Die Nautikerin ist für „Riffgat“ der „Vessel Coordinator Offshore“, sie übersetzt das mit „Fahrzeug-Koordinator“. Ein „Vessel Coordinator Offshore“ koordiniert, welches Fahrzeug wann und wo im Baufeld welchen Job erledigt. „Mir entgeht nichts“, sagt die 31-Jährige und lacht: Auf den Bildschirmen rechts laufen die Daten der Wellenmessboje und die Wetterberichte ein, auf den Bildschirmen links sieht sie die Schiffsbewegungen zwischen den sechs Kardinaltonnen. Sie sieht die „Rolling Stone“, sie sieht die „Osprey“, und aha, heute ist da ja noch ein Schiff: Die niederländische Küstenwache stattet den Windparkbauern einen Besuch ab.

Es gibt da einen uralten Streit zwischen Deutschland und den Niederlanden um den Verlauf der Grenze in der Emsmündung in der Nordsee vor Borkum. Nun streiten die beiden Staaten, ob der Windpark komplett auf deutschem Hoheitsgebiet entsteht oder zum Teil schon auf niederländischem. Die EWE baut und verweist darauf, dass sie eine deutsche Genehmigung hat, die niederländische Küstenwache kommt demonstrativ zum Zuschauen vorbei. „Das darf sie“, sagt ein EWE-Sprecher, weiter kommentiert er den Vorgang nicht.

Der Grenzstreit ist nur ein Indiz dafür, dass Offshore-Windparkbau ziemlich kompliziert sein kann. Die EWE konnte im Testfeld „Alpha Ventus“, dem ersten deutschen Nordsee-Windpark, zwar geldwerte Erfahrungen für „Riffgat“ sammeln, „aber es wäre vermessen, das in Zahlen auszudrücken“, sagt Projektleiter Hube. „Klar ist, dass wir mit einer ganz anderen Professionalität herangehen diesmal.“

Elf Jahre sind seit der „Riffgat“-Genehmigung durch die Wasser- und Schifffahrtsdirektion in Aurich vergangen. Elf Jahre, in denen Finanzpartner gesucht, gefunden und wieder verloren wurden, in denen Aufträge vergeben wurden, in denen ein Containerdorf gebaut wurde. Dann, 2011, konnte erstmals im Baufeld gearbeitet werden: Spezialschiffe durchforschten das sechs Quadratkilometer große Gebiet nach Weltkriegsbomben, die EWE brauchte eine Kampfmittelfreigabe. „Wir haben jede Menge Metall gefunden“, sagt Hube, „aber nichts Aufregendes.“

Ruhe vor dem Sturm

Jetzt rollen endlich die Steine, „wir liegen voll im Zeitplan“, freut sich Wilfried Hube, er turnt munter von Deck der „Fob Trim“. Kapitän Andersen hat das Schiff wieder an Pier Nummer 6 vertäut, die Landratten an Bord gucken erleichtert.

Es ist die Ruhe vor dem Sturm, schon bald wird hier mehr los sein: Ende der Woche sollen die ersten Monopiles aus Spanien kommen, die 720 Tonnen schweren Ankerpfeiler. Ein gewaltiger Rammhammer wird sie durch die Kiesschicht in den Meeresboden treiben. Später kommen Verbindungsstücke aus Belgien dazu, Rotorblätter aus Dänemark, Kabel aus Hannover, Kapitän Andersen wird täglich pendeln zwischen Borkum und dem Baufeld. 80 Arbeitskräfte sollen Quartier auf der Insel beziehen.

Und Diana Zach wird bis dahin in Büro 5 zwei weitere Bildschirme bekommen haben und neue Mitarbeiter für den 24-Stunden-Dienst. An der Wand hängen schon die Notfallpläne, 15 an der Zahl: „Bombendrohung“, „Stromkabel defekt“, „Mann über Bord“, „Medien“.  

„Ab Sommer 2013“, sagt Wilfried Hube zufrieden, „soll Riffgat dann Strom liefern.“