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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Die Gefahr aus der Tablettenschachtel

24.04.2015

Sulingen /Bremen /Brake /Thülsfelde Eigentlich sollen Medikamente ja das Wohlbefinden steigern. Egon Harms (55) aber fühlt sich merklich schlechter, seit er es im November 2014 mit einer winzigen Dosis Sulfadimidin zu tun bekam: In drei Grundwasser-Messstellen in Thülsfelde (Kreis Cloppenburg) hatte der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) erstmals Spuren eines Antibiotikums gefunden – nur knapp über der Nachweisgrenze von 0,02 bis 0,03 Mikrogramm pro Liter zwar, für Harms, beim OOWV zuständig für den Gewässerschutz, trotzdem eine klare Überdosis. Er schäumte: „Antibiotika gehören nichts ins Grundwasser!“ Die Messergebnisse seien „ein alarmierendes Signal, eine echte Schreckensmeldung“.

Einerseits. Andererseits: Eine echte Überraschung waren sie nicht.

38 000 Tonnen Medizin

Bis zu 38 000 Tonnen Arzneimittel werden jährlich in Deutschland verabreicht. Im Schnitt lässt sich jeder gesetzlich Versicherte pro Jahr neun Packungen vom Arzt verschreiben, hinzu kommen die in Apotheken frei verkäuflichen Medikamente wie Kopfschmerztabletten oder Hustensaft. 2300 verschiedene Arzneimittelwirkstoffe gibt es auf dem deutschen Markt – allein im Bereich der Humanmedizin. Und auch Tiere bekommen tonnenweise Medikamente: Antiparasitika, Antiinfektiva, Antibiotika, letztere in einer Größenordnung von 1500 Tonnen jährlich.

Die Wirkstoffe dieser Medikamente verschwinden nicht etwa mit der Einnahme. Ein großer Teil wird von Mensch oder Tier wieder ausgeschieden. Und was gar nicht erst eingenommen wurde, wird zumeist wenig fachgerecht entsorgt: Fast jeder zweite Deutsche schüttet flüssige Medikamentenreste zu Hause in die Spüle oder in die Toilette, wie eine Umfrage des Instituts für sozial-ökologische Forschung im Jahr 2014 ergab. Im selben Jahr kam das Umweltbundesamt deshalb zu dem Schluss: Arzneimittelrückstände sind in Deutschland „nahezu flächendeckend“ in Oberflächengewässern wie Flüssen und Bächen nachzuweisen; Spuren fänden sich zudem im Grundwasser – und manchmal sogar im Trinkwasser.

„Morgen!“ Dr. Ingo Dobner (49) schüttelt fröhlich Abwassertechniker-Hände, man kennt sich im Klärwerk. Dobner, der eigentlich als Biologe im Zentrum für Umweltforschung der Uni Bremen arbeitet, ist seit Monaten regelmäßiger Gast hier in Sulingen: Da draußen neben dem Nachklärbecken, versteckt unter Schwertlilien und Rohrglanzgras, läuft sein Forschungsprojekt. Es soll eine Antwort geben auf die Frage: Wie kriegen wir die Arzneimittelwirkstoffe wieder aus dem Wasser?

Angst vor Langzeitfolgen

Zwar geht es nur um winzige Partikel – „wir bewegen uns hier im Mikro- und Nanogramm-Bereich“, erklärt Dobner. Aber im Wasser können die kleinen Teilchen trotzdem große Wirkung entfalten: Das Umweltbundesamt berichtet von männlichen Fischen, die durch den Anti-Baby-Pillen-Wirkstoff Ethinylestradiol weibliche Geschlechtsmerkmale entwickelt haben. Von Pflanzen, deren Wachstum durch Antibiotika gehemmt wird. Von Insektenlarven, die durch Antiparasitika getötet werden. Gut die Hälfte der bekannten Arzneimittelwirkstoffe hat das Umweltbundesamt daher als „potenziell umweltrelevant“ eingestuft.

„Keine konkrete Gesundheitsgefahr“ sieht das Amt indes für Menschen – „nach heutigem Stand der Wissenschaft“. Allerdings gibt es offene Fragen, zum Beispiel: Kann der Antibiotikaeintrag die Bildung resistenter Bakterien begünstigen? Was ist mit möglichen Kombinationswirkungen der Stoffe? Und wie steht es um mögliche Langzeitfolgen? Vor allem darin sieht Ingo Dobner eine Gefahr: „Diese Stoffe sind allgegenwärtig, dadurch wirken sie chronisch.“ Mit OOWV-Fachmann Egon Harms ist er deshalb einer Meinung: „Arzneimittel gehören nichts ins Wasser.

Jetzt aber raus, nach draußen zum Filter, Kaffee gibt es später! Dobner hat seinen Parka hochgeschlossen, darüber trägt er einen Schal, morgens ist es immer noch kalt. Bei Wind und Wetter müssen die Bremer Forscher hier ihre Proben nehmen.

So ein Filter ist nicht etwa eine hochkomplexe Maschine, auch wenn Dobner sie im Forschergriechisch „Lysimeter“ nennt (was so viel wie „Lösungsmesser“ bedeutet). Die Lysimeter sind klobige Kästen voller Sand und Kies, oben wild bewuchert. Dobner lächelt: „Wir wollten ein System schaffen, dass unaufwendig ist und kostengünstig.“

Kostengünstig heißt: Sand, Kies, Pflanzen, Pilze.

Unaufwendig bedeutet: Über die Abwässerkanäle gelangen die Arzneimittelreste (sehr klein, sehr mobil, sehr schwer abbaubar) ins Klärwerk, durchlaufen die Klärstufen – und fließen schließlich in Dobners Kästen, sickern dort durch Boden- und Pflanzenfilter, wo möglichst viele der kleinen, mobilen Arzneimittelreste stecken bleiben sollen.

Ergebnis der monatelangen Testphase: Es funktioniert. „Und zwar am besten mit Pflanzenkohle im Sandsubstrat“, so Dobner. Mittlerweile hat die Uni Bremen das Projekt, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit rund 300 000 Euro gefördert wird, ausgeweitet; neben den Lysimetern haben die Forscher ein 15 Quadratmeter großes Biofilterbecken gebaut.

Bei der Laboranalyse, die wegen der kleinen Mengen sehr umständlich ist, haben sich die Wissenschaftler zunächst auf fünf Wirkstoffe beschränkt, darunter Antibiotika wie Ciprofloxacin und hormonell wirksame Stoffe wie Ethinylestradiol. „Wir können nicht alle angucken“, sagt Ingo Dobner, „aber ich gehe davon aus, dass unsere Filter sehr viele Stoffe herausholen.“

Ist das Problem Arzneimittel im Wasser damit gelöst?

Natürlich nicht.

Erstens: Die Biofilter sind bislang nur für kleinere Systeme geeignet, „für dezentrale Kleinkläranlagen und kleine kommunale Klärwerke“, empfiehlt Dobner.

Zweitens: Längst nicht alle Arzneimittelreste durchlaufen eine Kläranlage, bevor sie Oberflächengewässer erreichen.

Das Antibiotikum Sulfadimidin etwa, das der OOWV im Thülsfelder Grundwasser fand, stammt laut Gewässerschützer Egon Harms „eindeutig“ aus der Landwirtschaft. Auch Tiere scheiden Arzneiwirkstoffe wieder aus – die geraten dann aber nicht zwangsläufig ins Abwasser, sondern werden beim Düngen mit der Gülle auf die Felder verstreut.

Nur die zweitbeste Lösung

Harms beteuert, dass „derzeit“ keine Gefahr für das Trinkwasser besteht. Die OOWV-Brunnen liegen nämlich sehr viel tiefer in der Erde als die Grundwasserstellen, in denen das Sulfadimidin entdeckt worden war. „Langfristig aber“, warnt Harms, „könnten die Substanzen in tiefere Schichten wandern.“

Ingo Dobner, der Forscher, legt später beim Kaffee seine Stirn sofort in Denkerfalten. Landwirtschaft? „Vielleicht könnte man die Gülle vorbehandeln“, grübelt er. „Vielleicht muss man aber auch über komplett andere Verfahren nachdenken.“

So oder so, Wissenschaftler und Wasserwerker sind sich einig: Selbst der stärkste Filter ist nur die zweitbeste Lösung. „Am besten“, sagt Egon Harms, „ist es natürlich, wenn die Stoffe erst gar nichts in Wasser reinkommen.“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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