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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Erster Rückbau In Deutschland: Die grauen Reste des Atomzeitalters

23.10.2014

Würgassen /Kleinensiel An einem Freitag im Spätsommer standen sie endlich vor den Schleusen zum Kontrollbereich. Die Männer trugen orange Overalls, so wie immer, in der Hand hielten sie die Kontaminationsmonitore: gelbe, bügeleisengroße Messgeräte. Ein letztes Mal tasteten sie damit den nackten Beton ab, Quadratmeter um Quadratmeter; die Messergebnisse pinselten sie mit Edding an die Wand. Dann war auch Raum 640 fertig, nach 17 Jahren und 263 000 Quadratmetern Messfläche.

Im Konferenzraum stand der Sekt kalt. Das Kernkraftwerk Würgassen war nun kein Kernkraftwerk mehr.

14 Mio. Arbeitsstunden

„Kommen Sie, wir schauen uns das mal an!“ Dr. Ralf Güldner, 60 Jahre alt, grinst: „Keine Panik, wir gehen nicht durch alle 640 Räume.“

Zwei Monate nach dem Sekt ist Güldner, Geschäftsführer der Eon-Kernkraft GmbH, immer noch strahlender Laune. Der Energiekonzern Eon hat den ersten Atommeiler Deutschlands „freigemessen“, wie es im Kraftwerksdeutsch heißt: „Ein denkwürdiges Ereignis“ sei das, lobt Güldner, „eine ingenieurtechnische Meisterleistung“. 14 Millionen Arbeitsstunden hat es gedauert, 1,2 Milliarden Euro gekostet, aber jetzt, drei Jahre nach dem Atomausstieg-Beschluss des Bundestages, kann Güldner stolz vor der Presse verkünden: „Rückbau können wir!“

Also eintreten bitte in das Kernkraftwerk Würgassen, das für Güldner nur noch eine „Kernkraftwerkshülle“ ist – aber bitte mit Taschenlampe. Die Elektroleitungen sind ausgebaut, ebenso wie die 2000-Tonnen-Turbinen, der Generator und der ganze Rest. Draußen, neben dem alten Infozentrum, hat Eon Andenken ausgestellt: einen Brennelementkasten, ein Stück Reaktordruckgefäßdeckel, ein paar Kilo Kühlturmbeton.

Vor den Andenken wartet Manfred Winnefeld. Der 58-jährige Maschinenbauingenieur sieht ein bisschen müde aus nach 17 Rückbaujahren, bald darf er in den Ruhestand gehen: Wo kein Kernkraftwerk mehr ist, braucht man auch keinen Kernkraftwerksleiter mehr. Aber noch braucht man ihn ja als Führer.

Winnefeld läuft voran, es geht die Treppen hinauf, 41 Meter hoch. „W06“ steht in Graffiti-Blau an den Treppenhauswänden, „B“ an den Böden, „D“ an den Decken, daneben Edding-Messwerte; jeder Quadratmeter Kraftwerkhülle wurde für die Freimessungen kartographiert. Oben dann die Reaktor-Bedienebene: ein 13-Meter-Loch (das ehemalige Brennelementebecken), daneben ein 40-Meter-Loch (dort saß das Reaktordruckgefäß). „Achtung, Stolpergefahr“, warnt Winnefeld: Der Fußboden ist voller Krater, zwölf Zentimeter Estrich fehlen. Denn raus muss bei einem Rückbau vor allem: die Radioaktivität.

Atomkraftwerk Unterweser: Rückbau ab 2017/18 möglich

Der Rückbau des ebenfalls abgeschalteten Atomkraftwerks Unterweser in Kleinensiel (Wesermarsch) wird nicht vor 2017/18 beginnen. Das Genehmigungsverfahren läuft laut Eon, aber zunächst müssen die Brennelemente abkühlen. Das dauert laut Eon rund fünf Jahre. Größere Baumaßnahmen hat man vor Ort deshalb noch nicht ergriffen; lediglich die Trafos und der Generator wurden ausgebaut, „nichts irreversibles“, heißt es bei Eon. In Kürze werde man allerdings entscheiden, ob man auf dem Gelände ein neues Zwischenlager bauen müssen.

Weil es sich bei Unterweser um einen Druckwasserreaktor handelt und nicht wie in Würgassen um einen (größeren) Siedewasserreaktor, rechnet Eon mit einer schnelleren Rückbauzeit von zehn, elf Jahren. In Würgassen habe man es nicht nur mit einem wesentlich umfangreicheren Kontrollbereich zu tun, man habe nach dem „Try and Error“-Prinzip auch erst Erfahrungen sammeln müsse. Auch die Kosten seien in Würgassen deshalb höher ausgefallen. In Unterweser rechnet der Konzern mit rund einer Milliarde Euro. Für die Finanzierung der Rückbauten mussten die deutschen Atomkonzerne sogenannte Rückstellungen ansparen, insgesamt kamen so bislang 30 Milliarden Euro zusammen.

Mit Seilsägen haben die Männer in den orangen Overalls belastete Betonteile herausgeschnitten, sagt Winnefeld, mit Wasserstrahlschneidern, Plasmahitze, Wandfräsen. Den kontaminierten Schutt schlossen sie in Fässer ein, 5000 Tonnen schwach- und mittelradioaktiver Abfall kamen so zusammen. Das ist nicht viel, findet Winnefeld: bei 423 600 Tonnen Kraftwerk-Gesamtmasse.

Der Siedewasserreaktor Würgassen, 670 Megawatt stark, ging 1971 ans Netz. 23 Jahre lieferte er Strom, knapp 73 Milliarden Kilowattstunden. War er ein Geschäft für Eon, trotz der 1,2 Milliarden Euro Rückbaukosten? Ralf Gülden, der Kernkraftchef, überlegt kurz. Dann sagt er: „Ja.“ Zahlen nennt er keine.

Wohlstand für die Stadt

Aber Hubertus Grimm nennt Zahlen: drei Millionen DM Gewerbesteuer! 500 Arbeitsplätze! 16 000 Einwohner! Das Kernkraftwerk war ein Gewinn für die Stadt Beverungen und ihren Ortsteil Würgassen.

Grimm, 49 Jahre alt, parteillos, ist seit einem halben Jahr Bürgermeister der Kleinstadt im Landkreis Höxter. So findet man zu ihm: Man lässt die Kraftwerkarbeitersiedlung rechts liegen (die meisten Häuser stehen leer), fährt über die Weserbrücke (derzeit nur einspurig, eine Sieben-Millionen-Reparatur steht an), sucht zwischen kahlen Schaufenstern einen Parkplatz („Ladenlokal zu vermieten“). Dann steht man vor dem hübschen Fachwerk-Rathaus, fast 400 Jahre alt.

Grimm zählt weiter auf: die Stadthalle! Das Schulzentrum! Das Freibad! „Das wurde alles mit Kraftwerkgeld gebaut.“ Auch die örtliche Wirtschaft profitierte vom Kraftwerk: Die Handwerksbetriebe übernahmen Zuliefererjobs, Montagekräfte buchten Hotelzimmer.

So ein Kraftwerk verschwindet schleichend; auch für den Rückbau braucht man ja Arbeiter. Auch die Möbelindustrie, einst stark in Ostwestfalen, schließt nicht von heute auf morgen: Hier macht ein Betrieb dicht, dort ein anderer, und irgendwann merkt man: 1000 Jobs sind weg. Einwohnerstand Beverungen heute: 13 500 Einwohner.

So kam es, dass der neue Bürgermeister etwas tun muss, das seinen Vorgängern noch fremd war: aktive Wirtschaftsförderung.

„Produzierendes Gewerbe werden wir hier nicht wieder herbekommen“, erzählt Grimm seinen Leuten im Stadtrat. Wer produziert, will seine Produkte auch ausliefern, „aber wir haben keinen Bahnhof und keine Autobahn“. Was es gibt, ist die Bundesstraße. Seit 40 Jahren, so Grimm, kämpfe die Stadt um den Ausbau. Erfolglos: Die Grenzlage zwischen Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen mache solche Projekte kompliziert, um nicht zu sagen: unmöglich.

Grimm setzt deshalb lieber auf den Ausbau der Datenautobahn. „Wenn etwas geht, dann im Dienstleistungssektor“, sagt er. „Dort braucht man aber schnelles Internet.“

Den Energiebereich hat Grimm auch noch nicht abgeschrieben. Auf dem Kernkraftwerksgelände gebe es alle nötigen Anschlüsse, in der Stadt gebe es dazugehörige Know-how, kurz: „Wir wären eigentlich ein idealer Standort zum Beispiel für ein Gaskraftwerk.“

Aber Ralf Gülden von Eon sagt dazu: „Dafür müsste sich ein Gaskraftwerk in Deutschland profitabel betreiben lassen. Tut es aber nicht.“

Die Stadt hofft noch auf ein anderes Energieprojekt, diesmal ohne Eon: ein Pumpspeicherkraftwerk am Fluss Nethe. Das bringe zwar kaum Arbeitsplätze, so Grimm, „aber Gewerbesteuer“. Die Projektierung laufe gerade an.

Jetzt strahlt auch der Bürgermeister. Energie! Wind, Solar, Biogas, „in Beverungen haben wir die Energiewende vollzogen“, schwärmt er. Und ja: „Das Kernkraftwerk hat uns Wohlstand gebracht – aber wir haben auch immer das Risiko gesehen.“ Und für den Tourismus, „noch so ein Wirtschaftsfaktor“, sei ein atomkraftwerkfreies Weserbergland sowieso besser.

10 000 Fässer Atommüll

Äh, Herr Bürgermeister: Da steht aber immer noch dieser Betonklotz an der Weser, 60 Meter hoch – was ist damit? „Ich wäre ihn gern los“, sagt Grimm: für die Touristen, für das Energiewendegefühl, als Zeichen für einen neuen Anfang. Doch daraus wird vorerst nichts.

Würgassen ist zwar kein Kernkraftwerkstandort mehr, aber Eon betreibt hier jetzt ein atomares Zwischenlager mit neun Mitarbeitern. Weil es in Deutschland kein Endlager gibt, müssen die 10 000 Fässer mit radioaktivem Müll auf dem Kraftwerksgelände bleiben, so will es das Gesetz. Ein Abriss ist unmöglich, Zwischenlagerhallen und Kraftwerk sind baulich miteinander verbunden.

Den grauen Schatten der Vergangenheit wird die Region so schnell nicht los.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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