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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Die Lohnabrechnung? – Die stimmt nie“

01.07.2016

Oldenburger Münsterland Das Angebot klang verlockend. „Arbeit im Schlachthof in Deutschland, auch für Unqualifizierte“, so warb die rumänische Firma Mastercarn im Internet um Mitarbeiter: „Verdienst bis 1800 Euro netto, kostenloser Transport, kostenlose Unterkunft.“ Aber Achtung: „Die Zahl der Plätze ist begrenzt.“ Hunderte Rumänen ergatterten einen Platz. 1800 Euro? In ihrer Heimat liegt der Mindestlohn bei nur 217,50 Euro im Monat.

Als dann in Deutschland die ersten Lohnabrechnungen kam, wunderten sich die Arbeiter. Zum Beispiel Vasile, 28 Jahre alt: Er hat bei „Böseler Goldschmaus“ in Garrel Schweineschwänze, Schweineohren und Schweinepfoten verpackt, „für den asiatischen Markt“, wie er sagt.

Vasile hat im März 259 Stunden gearbeitet, im April sogar 277 Stunden. In der deutschen Fleischbranche liegt der Mindestlohn bei 8,60 Euro pro Stunde. 259 mal 8,60 Euro macht 2227,40 Euro. Ausgezahlt bekam Vasile netto: 1249,11 Euro. Abgezogen waren 317,29 Euro Lohnsteuer und Solidaritätszuschlag für den deutschen Staat, 61 Euro rumänische Sozialabgaben – und ein Posten namens „Abschlag/Vorschuss“ in Höhe von 600 Euro. „Vorschuss?“, fragt Vasile: „Ich habe keinen Vorschuss bekommen. „Der NWZ  liegen ein ganzer Stapel Lohnabrechnungen vor, auf denen zwischen 450 und 600 Euro „Abschlag/Vorschuss“ abgezogen wurden. Was hat es damit auf sich?

„Keine Schwierigkeiten“

Ein Gewerbegebiet in Molbergen, neben einem Handwerksbetrieb steht ein Klinkerbau, am Briefkasten kleben elf rumänische Namen. Oben sitzen in der Küche zwei Männer und essen Maisgrieß, rumänisches Nationalgericht. Die Lohnabrechnung? „Wir wollen keine Schwierigkeiten bekommen“, sagt einer. Gespräch beendet.

Ein Feldweg am Ortsrand von Garrel, an der Tür ein Zettel mit elf Namen. Ein Mann macht auf, 33 Jahre alt, er schneidet nachts am Band Koteletts, jetzt hat er Feierabend. „Wir sollen nicht mit der Presse reden“, sagt er. Dann redet er doch mit der Presse. „Die Abrechnung?“, fragt er. „Die stimmt nie.“

Der Mann wohnt mit seiner Freundin in einem kleinen Zimmer: zwei Betten, eine Kommode, zwei Spindschränke. Der Mann sagt, er müsse dafür Miete zahlen in Höhe von 300 Euro.

Miete zahlen auch andere. In einem Konferenzraum bei „Arbeit und Leben“ im Oldenburger Bahnhofsviertel diskutieren sechs rumänische Mastercarn-Arbeiter mit Daniela Reim, Beraterin für mobile Beschäftigte in Niedersachsen: Todor (49), Clara (26), Cosmin (25), Juliana (27), Vasile (28) und Paul (29) (Vornamen zum Teil geändert). Sie haben Lohnabrechnungen mitgebracht – und Quittungen über die Mietzahlungen, 150, 250, 300 Euro. Stand da nicht damals im Internet, dass die Unterkunft kostenlos sei? Und ist es nicht gesetzlich verboten, von entsendeten Arbeitnehmern Miete zu kassieren?

Mastercarn ist eine rumänische Firma, die mit der deutschen Firma Böseler Goldschmaus Werkverträge abschließt – zum Beispiel über die Verpackung von Fleisch für den asiatischen Markt. Für die Erfüllung des Vertrags entsendet Mastercarn Arbeiter nach Deutschland. In Deutschland muss die Firma laut Vorschrift eine sogenannte unselbstständige Betriebsstätte unterhalten, damit die Arbeiter eine Anlaufstelle haben. Die unselbstständige Betriebsstätte befindet sich an der Cloppenburger Osterstraße. Am Briefkasten stehen weitere Namen von Werkvertragsfirmen. Auch eine Firma namens Alda Immo GmbH hat ihren Sitz an dieser Adresse. Alda Immo verwaltet verschiedene Unterkünfte für Werkvertragsarbeiter in der gesamten Region. Geschäftsführer dieser Firmen ist Attila Hambalko. Hambalko ist der Bevollmächtige von Mastercarn in Deutschland.

Böseler Goldschmaus beschäftigt rund 1100 Mitarbeiter, darunter gut 500 Werkvertragsarbeiter. Goldschmaus-Geschäftsführer Josef Hempen sagt, seine Firma lasse die Abrechnungen der Werkvertragsarbeiter prüfen. Es geht dabei um die Frage, ob der Mindestlohn gezahlt werde. „Da ist alles in Ordnung“, sagt Hempen. Was es mit dem „Vorschuss/Abschlag“ auf sich habe, könne er nicht sagen. „Aber auch bei uns können Mitarbeiter einen Vorschuss bekommen“, sagt er. Möglicherweise gebe es dort „Graubereiche“.

Graubereiche? „Bei uns ist nichts grau“, sagt Attila Hambalko auf Nachfrage. Und sein Verwaltungsleiter Michael Ahrens ergänzt: „Was auf den Abrechnungen steht, ist im Einklang mit dem deutschen Gesetz.“

Aber was ist mit der Miete?

Ahrens sagt: „Wir stellen den Mitarbeitern Unterkünfte zur Verfügung. Aber einige wollen lieber woanders wohnen: mit ihrer Familie, mit Verwandten, Freunden. Dafür müssen sie dann natürlich Miete bezahlen.“ Die Miete geht an Hambalkos Firma Alda Immo. Hambalko sagt: „Die Mitarbeiter haben zum Teil Schwierigkeiten, auf dem freien Markt Wohnungen zu finden.“ Und Ahrens legt eine Abrechnung auf den Tisch, eine Gegenüberstellung von Betriebskosten und Mieteinnahmen. Demnach hat Aldo Immo bei einigen Objekten mehr als 3500 Euro Betriebskosten, kassiert aber bei 14 Mietern lediglich 2800 Euro Miete. „Wir zahlen häufig drauf“, sagt Ahrens.

Ahrens zeigt Mietverträge, zum Teil zahlt Alda Immo 1600 Euro für kleine Häuser im Landkreis Cloppenburg. Es gibt verschiedene Menschen im Oldenburger Münsterland, die vom Werkvertragswesen profitieren.

Sonderwünsche kosten

Ähnlich wie mit der Miete verhalte es sich mit den Transportkosten. Wer in Garrel wohne, werde kostenlos zum Schlachthof gefahren. Nur wer weiter „auf dem Land“ wohne, müsse dafür bezahlen. Auch die Arbeitskleidung werde den Mitarbeiter gestellt. „Standardausstattung“, sagt Ahrens. Wenn jemand Wünsche habe, „zum Beispiel Schuhe von Puma oder Nike, dann stellen wir das natürlich in Rechnung“.

Und was den Vorschuss angehe: „Dienstags und donnerstags sind unsere Vorschuss-Tage“, sagt Ahrens.

Das Abrechnungssystem ist kompliziert. Weil es rechtlich nicht zulässig ist, den Werkvertragsarbeitern direkt Geld für Sonderleistungen wie die Miete abzuziehen, stellen Hambalko und Ahrens ihnen sogenannte Orderschecks aus. Ein solcher Orderscheck über 300 Euro geht dann zum Beispiel an Alda Immo für die freiwillige Mietzahlung. „Wir lassen uns alles quittieren“, sagt Ahrens; Beanstandungen durch den Zoll gebe es keine.

Attila Hambalko hat auch ein paar Lohnabrechnungen mitgebracht. Es geht um Löhne aus der Rinderzerlegung, „sicherlich der Topverdienerbereich“, sagt er. Dort liegen die Netto-Stundenlöhne bei 14,54 Euro, 17,57 Euro und sogar 21,89 Euro für den Vorarbeiter. Die Lohnabrechnungen, die der NWZ  vorliegen, beträfen lediglich einige wenige Hilfsarbeiter.

Im Konferenzraum bei „Arbeit und Leben“ beschweren sich die Hilfsarbeiter: „Wir haben kein Vertrauen mehr.“ Sie haben ein bisschen Geld gespart und gehen zurück nach Rumänien.

Ab dem 1. Juli greift die freiwillige Selbstverpflichtung der Fleischwirtschaft. Darin verpflichten sich die Branchenriesen Danish Crown, Heidemark, PHW-Gruppe, Tönnies, Vion und Westfleisch die Werkvertragsarbeiter ins deutsche Sozialversicherungssystem zu überführen. Goldschmaus, immerhin einer der zehn größten Schlachthöfe im Land, hat die Verpflichtung nicht unterschrieben, macht aber mit. Geschäftsführer Hempen will sogar noch einen Schritt weitergehen: Zum 1. Januar 2017 will er ganz auf Werkverträge verzichten und alle Arbeiter direkt bei Goldschmaus anstellen.

Warum? „Weil ich die Schnauze voll habe, immer die Prügel einzustecken“, so Hempen. Attila Hambalko glaubt, dass einige Hilfsarbeiter zurückgehen wollen, weil sie nicht ins deutsche Sozialsystem wechseln wollen. „Die Abgaben sind dann für sie ja höher“, sagt er. Andere Mitarbeiter seien bereits mehr als zehn Jahre bei ihm beschäftigt, „wir haben kaum Fluktuation“.

Ein Geschäfts-Aus bedeutet es für ihn übrigens nicht, wenn Goldschmaus künftig auf Werkverträge verzichtet. „Wir haben keine Möglichkeit, hier die Leute zu finden, die wir brauchen“, teilt die Goldschmaus-Geschäftsführung mit: „Wir brauchen weiter Zugang zum rumänischen Arbeitsmarkt, wir brauchen eine Betreuung für die Leute vor Ort.“ Kurz: Goldschmaus braucht Hambalkos Hilfe.

Hambalko geht aber davon aus, dass das System in Zukunft „transparenter“ wird.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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