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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Düstere Zeiten in der Oldenburger Tirpitzstraße

18.02.2017

Oldenburg Zumindest im firmeneigenen Intranet der EWE herrscht seit Freitag Ruhe: Das Unternehmen hat die Kommentarfunktion abgeschaltet. Hunderte anonymer Wut-Botschaften von Mitarbeitern hatten sich dort angesammelt, seit die Spendenaffäre die Schlagzeilen bestimmt.

Und jetzt auch noch eine Korruptionsaffäre bei der EWE Netz GmbH? Das war den Verantwortlichen offenbar zu viel.

Von den Vorwürfen hatte das „Handelsblatt“ aus Düsseldorf am Freitag berichtet. Wer Aufträge von EWE Netz wollte, musste dafür bezahlen, schreibt die Zeitung: Mitarbeiter sollen von Fremdfirmen Geld kassiert oder sich zum Essen einladen lassen haben. Sogar Thailand-Urlaube sollen in Rechnung gestellt worden sein.

Der Verdacht, dass bei EWE Netz etwas möglicherweise nicht stimmt, kam erstmals im Spätsommer 2016 auf. Im brandenburgischen Fürstenwalde waren Unstimmigkeiten zwischen EWE Netz und der Leeraner Tiefbaufirma Schmidt aufgefallen, die Rede war von „absichtlichen Manipulationen“. EWE stellte daraufhin Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft. Als es bald darauf „externe Hinweise auf angebliche weitere Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit anderen Partnerunternehmen von EWE NETZ“ gab, beauftragte EWE die Revisionsabteilung mit internen Ermittlungen. Mittlerweile hat EWE zusätzlich die externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ins Boot geholt, am Freitag kündigte zudem die Staatsanwaltschaft Oldenburg Ermittlungen an. Der Aufsichtsrat bewertet die Vorwürfe nach NWZ -Informationen als „sehr ernst“, Aufsichtsratchef Dr. Stephan-Andreas Kaulvers nennt sie „extrem ärgerlich“

So weit, so schlecht.

Brückmann als Aufklärer?

Es gibt noch eine zweite Lesart des „Handelsblatt“-Artikels. In dem Text wird nämlich ein Mann als Aufklärer gefeiert, der zuletzt wegen einer eigenmächtig veranlassten 253 000-Euro-Spende an die Klitschko-Stiftung durchweg schlechte Presse hatte: EWE-Chef Matthias Brückmann, der das Unternehmen nach Wunsch des Aufsichtsratspräsidiums sobald wie möglich verlassen soll.

Brückmann, der laut „Handelsblatt „2016 für ein Rekordergebnis bei der EWE sorgte“, soll den Ausführungen zufolge in seinem Aufklärungswillen gebremst worden sein. In der Zeitung heißt es: „Insider vermuten, dass Brückmanns plötzlicher Abgang nicht mit seinen eigenen Problemen zusammenhängt, sondern mit einem Verdacht, den er im Konzern aufklären wollte: Korruptionswirtschaft im ertragreichsten Konzernteil: der EWE-Netz-Gesellschaft.“

Viele EWE-Mitarbeiter vermuten nun, dass die jüngsten Enthüllungen eine Retourkutsche des in Ungnade gefallenen EWE-Chefs sind.

Nach NWZ -Informationen lässt sich Brückmann von Béla Anda beraten, ehemals Sprecher von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Anda ist Geschäftsführer von ABC Communication, die sich als Fachfirma versteht für Krisen- und Reputations-Management. Er gilt als Teil der sogenannten Hannover-Connection, zu der Leute wie Schröder oder AWD-Gründer Carsten Maschmeyer zählen. Maschmeyer wiederum gilt als Freund von Matthias Brückmann; mit seiner Frau Veronica Ferres war er im Herbst 2016 Gast bei Brückmanns Hochzeit im Oldenburger Dobbenviertel.

Versucht hier also jemand mit Presse-Hilfe, seinen Ruf zu reparieren?

Torsten Maus BILD: EWE
Timo Poppe BILD: EWE

Die EWE Netz GmbH verantwortet im EWE-Konzern die Netzinfrastruktur für Strom, Erdgas, Telekommunikation und Trinkwasser. Der 2006 gegründete Netzbetreiber ist mit einem Umsatz von 2,47 Milliarden Euro (Stand 2015) und 1729 Mitarbeitern eine der bedeutendsten Gesellschaften im EWE-Konzern.

Vorsitzender der Geschäftsführung von EWE Netz ist seit 2009 Torsten Maus. Das EWE-Eigengewächs kam nach dem Studium der Elektrotechnik bereits 1991 zur EWE. Maus gilt auch als Kandidat für einen der bei EWE vakanten Vorstandsposten.

Ebenfalls als neues EWE-Vorstandsmitglied im Gespräch ist Timo Poppe. Der 35-Jährige ist seit Juli 2012 Vorstandsmitglied bei der Bremer EWE-Tochter SWB. Zwischenzeitlich agierte er in einer Doppelfunktion auch als Generalbevollmächtigter für Infrastruktur bei EWE.

Aufsichtsrat entscheidet

Am 22. Februar soll der Aufsichtsrat darüber entscheiden, ob Brückmann im Amt bleibt oder nicht. Das Aufsichtsratspräsidium hat in der vergangenen Woche empfohlen, ihn „mit sofortiger Wirkung“ als Vorstandsmitglied und als Vorstandschef abzulösen. Diesen Beschluss fasste das achtköpfige Gremium aufgrund eines Berichts von KPMG, der sich mit den Vorgängen um die Klitschko-Spende auseinandersetzt.

Aber eben nicht nur. Nach NWZ -Informationen beinhaltete der Prüfauftrag an KPMG mindestens vier weitere Punkte, die in einem anonymen Schreiben an den Aufsichtsrat herangetragen worden waren. Das sind im Einzelnen:

1. Dem EWE-Chef wird vorgeworfen, betrunken mit seinem Dienstwagen einen Unfall verursacht zu haben und Fahrerflucht begangen zu haben.

2. Ein Kellner in einer Pizzeria, der bei EWE mit über 900 Euro in der Kreide stand und dem der Anschluss gesperrt worden war, soll Brückmann persönlich um Hilfe gebeten haben. Brückmann soll ihm eine Ratenzahlung ermöglicht haben.

3. Brückmann soll Freunde in die VIP-Lounge der EWE im Weserstadion eingeladen haben, darunter SAP-Chef Dietmar Hopp, der mit Privatjet und Leibwächtern anreiste.

4. Der EWE-Chef soll sich das Wohlwollen des Betriebsrats „erkauft“ haben, in dem er den Betriebsratschef aus der Arbeitszeiterfassungspflicht herausnahm.

Brückmann selbst hat diese vier Vorwürfe in einem Gespräch mit der NWZ  zurückgewiesen. Auch das Aufsichtsratspräsidium wertete sie nach NWZ -Informationen als minder schwer, als es über Brückmanns berufliche Zukunft entschied.

Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass Brückmann nicht allein über die Klitschko-Spende stolperte.

NWZ-SPEZIAL: EWE in der Krise

Eskaliert sein soll die Situation nach einer Führungskräftekonferenz am 3. Februar, in der ein Solidaritätsschreiben für Brückmann aufgesetzt wurde. Tenor: Die Unterzeichner sprachen ihrem Chef „allseitig das vollste Vertrauen“ aus. Viele Zeugen der Veranstalter hätten das als Nötigung empfunden, hieß es später.

Noch am Wochenende soll eine größere Zahl von Führungskräften („mehr als zwei Hände voll“, so ein Zeuge) an den Aufsichtsrat herangetreten sein. Sie verweigerten Brückmann die Gefolgschaft und brachten weitere Vorwürfe vor. Dabei soll es vor allem um fehlerhafte Mitarbeiterführung gegangen sein, um Verstöße gegen Unternehmensregeln, um eigenmächtige Entscheidungen, um Vetternwirtschaft.

Wut auf Vorstandschef

Aus Unternehmenskreisen, in denen seit dem „Handelsblatt“-Text zum Teil blanke Wut herrscht auf den Vorstandschef, werden nun immer neue Beispiele für Verfehlungen des Chefs genannt.

So soll Brückmann, vor der Zeit bei EWE beim Versorger MVV in Mannheim tätig, laut Insidern die illustre Herren-Runde rund um die berühmte „Mannheimer Kochschürze“ zu einer dreitägigen Sause nach Oldenburg eingeladen haben. „Dabei haben wir nichts mit Mannheim zu tun“, sagt ein EWE-Mitarbeiter. Die Kosten: fünfstellig.

Brückmann soll laut Mitarbeitern auch eine EWE-Anzeige im Weinkatalog der berühmten „Sansibar“ auf Sylt zugesagt haben, Kosten: vierstellig. Sylt gehört nicht zum Versorgungsgebiet der EWE.

Überhaupt ist im Unternehmen immer wieder vom Reiseverhalten Brückmanns die Rede, von teuren Hotels und üppigen Bewirtungsbelegen.

Besonders häufig geht es in den Vorwürfen um die Begünstigung von Bekannten. So wird im EWE-Umfeld beispielhaft auf die zehnprozentige Beteiligung von EWE an der Software-Firman Sovanta verwiesen. Sovanta sitzt in Heidelberg, Brückmann stammt aus Heidelberg. Zufall?

Inwieweit solche Vorwürfe bei der Entscheidung des Aufsichtsratspräsidiums eine Rolle gespielt haben, ist unklar. Fakt ist, dass der KPMG-Bericht, der zur Präsidiumssitzung eigentlich fertig sein sollte, zunächst den Zusatz „vorläufig“ erhielt. Unter der Hand heißt es, dass zumindest Brückmanns Reiseverhalten eine Rolle gespielt habe bei KPMG: Die Spendenzusage an Klitschko hatte er im März 2016 auf einer Gala in Kiew gegeben; es gilt als unklar, wer welche Teile der Reisekosten übernommen hat.

Immer mehr Vorwürfe

Deutlich wird: Es sind immer mehr Vorwürfe im Spiel – Anzeichen für eine beginnende Schlammschlacht.

Der Aufsichtsrat wirbt dafür, die Themen getrennt zu betrachten: auf der einen Seite Brückmann, auf der anderen Seite EWE Netz. „Wir sind verpflichtet, die Dinge sauber aufzuklären“, sagt Aufsichtsratschef Kaulvers. „Das werden wir tun.“

Am 22. Februar soll der Aufsichtsrat über Brückmanns Rauswurf entscheiden. Eigentlich soll bei der Sitzung auch über die Besetzung vakanter Vorstandsposten beraten werden. Im Gespräch waren zuletzt zwei Namen: Timo Poppe, ehemals Generalbevollmächtigter für Infrastruktur bei EWE, und Torsten Maus, Geschäftsführer bei EWE Netz. Beide werden nun im „Handelsblatt“ in Zusammenhang mit den aktuellen Untersuchungen gebracht – nicht namentlich, aber identifizierbar. Nach NWZ -Informationen soll sich im Aufsichtsrat bereits Unwillen regen, am 22. Februar über diese beiden Personalien zu entscheiden.

Anders gesagt: In der Schlammschlacht haben die ersten Treffer ihr Ziel gefunden.

NWZ-SPEZIAL: EWE in der Krise

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Jörg Schürmeyer
Redakteur
Wirtschaftsredaktion
Tel:
0441 9988 2041

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