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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Wardenburger entwickeln Plastik-Heim für Flüchtlinge

08.09.2015

Wardenburg /Hannover Jeden Abend, wenn sie die Nachrichten einschaltete, hörte sie die gleichen Fragen: Wo sollen wir bloß die vielen Flüchtlinge unterbringen? In Zelten (die nicht winterfest sind)? In Wohncontainern (die wegen der vielen Flüchtlinge nicht mehr lieferbar sind)? In Turnhallen (die eigentlich für den Schulsport gebraucht werden)? „Das kann doch nicht sein“, wunderte sich Agnes Bendig jedes Mal, „da muss es doch eine andere Lösung geben!“

Lösungen finden, das geht bei den Bendigs so: „Wir reden beim Abendessen, überlegen hin und her“, sagt Agnes, 61 Jahre alt. Am nächsten Tag sitzt Ehemann Wilfried, ebenfalls 61 Jahre alt, dann in seinem Büro, die Augen stur geradeaus, Denkerfalten auf der Stirn, vor ihm der Rechner mit dem Zeichenprogramm. Bis er plötzlich die Augen senkt und zu zeichnen beginnt.

Nun muss man wissen, dass Lösungen finden der Beruf der Bendigs ist. Ihre Firma Nordwest-Box, gegründet 2009, ansässig zunächst in Hude und seit April 2015 in Wardenburg, beides Landkreis Oldenburg, erlangte bundesweite Bekanntheit, als sie 2014 den sogenannten Ebola-Flieger der Bundesregierung mit einer Isolierzelle ausstattete. Kerngeschäft von Nordwest-Box sind aber vor allem ausgebuffte Transportboxen für Militär, Rettungsdienste und Krankenhäuser.

Und nun: die winterfeste Schnellbau-Unterkunft, entwickelt nach dem Transportbox-Prinzip.

Im Lager in Wardenburg ist eine aufgebaut, Agnes Bendig klappt stolz die Tür auf: temperaturstabiler und nichtbrennbarer Kunststoff („das Material möchten wir nicht so gern verraten“), beliebig gestaltbar, Wasseranschluss, Stromanschluss, auf Wunsch autark zu betreiben mit Solar- oder Windkraftanlage, dezentes Gartenlaubendesign. Die kleinste Größe misst 4 mal 4 Meter, aufbaubar in einer halben Stunde („wenn unsere Mannschaft das macht“), Listenpreis: 8925 Euro.

Agnes Bendig lächelt stolz. Sie hat ein Stillleben an die weiße Wand ihres Musterhäuschens gehängt und blaue Stühle und Tische aufgestellt; von draußen schwappt gelbes Scheinwerferlicht durchs kleine Fenster.

Produziert werden die Teile der Flüchtlings-Unterkunft nicht hier in Wardenburg, sondern in Ahlhorn beim Kunststoff-Spezialisten Dr. Dietrich Müller GmbH. „Wir haben nur die Ideen“, sagt Bendig, „und wir übernehmen den Vertrieb.“ Lieferbar seien rund 1000 Häuser pro Monat, schätzt sie. Sie rechnet mit einer großen Nachfrage, „weil der Markt ja ansonsten leer gefegt ist“.

Ein erster Kunde hat bereits zugeschlagen, wie die NWZ  am Montag erfuhr: Das Land Niedersachsen hat 500 Unterkünfte bestellt. Näheres zur Verwendung mag man im Innenministerium noch nicht sagen. Ein Sprecher verweist aber darauf, dass in Otterndorf bei Cuxhaven Flüchtlinge in Zelten leben, die bald durch feste Bauten ersetzt werden sollen. Auch Anfragen aus anderen Bundesländern liegen Nordwest-Box inzwischen vor.

Agnes Bendig sagt: „Natürlich verdienen wir unsere Brötchen damit. Aber ich bin auch stolz.“ Denn jeden Abend, wenn sie die Nachrichten einschaltet, fühlt sich die gelernte Krankenschwester nun ein bisschen besser.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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