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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Lebensmittel: Ein Schlachter für gläubige Muslime

17.05.2014
NWZonline.de NWZonline 2015-07-23T12:32:39Z 280 158

Lebensmittel:
Ein Schlachter für gläubige Muslime

Elsfleth 42 sind es heute, da kommt der nächste. Er stapft die kleine Rampe hoch, tritt durch die Stahlschleuse in die Bucht, sein Blick streift durch den Schlachthof, da nähert sich von rechts auch schon ein Männerarm, weißer Kittel, in der Hand das schwarze Bolzenschussgerät. Ein dumpfer Schlag, der Bulle stürzt krachend zu Boden.

Jetzt muss es schnell gehen, sie haben nur eine Minute, sonst wird er wach.

Vier Männerarme werfen schwere Ketten um seine Fesseln, eine Seilwinde reißt ihn hoch, da nähert sich schon wieder ein Arm im weißen Kittel, in der Hand diesmal ein Messer. Eine Männerstimme betet: „Bismallah Allahu Akbar“, im Namen Gottes, Gott ist groß, das Messer fährt in die Halsschlagader des Bullen.

Denn im Koran steht geschrieben: „So esst das, worüber Allahs Namen gesprochen ward, so ihr an seine Zeichen glaubt.“

Nach islamischem Recht

Kundschaft. „Hallo Chef!“ Sahturna Türkcan, 45 Jahre alt, tritt an den Verkaufstresen, sie braucht Lamm und Mett. „Chef“ – das ist Rolf Piepmeier, ein massiger Mann von 72 Jahren, sehr laute Stimme. „Piepmeier!“, brüllt er in den Hörer, wenn er sich am Telefon meldet. Piepmeier meldet sich fast immer persönlich am Telefon, „was soll ich sonst tun“, poltert er, „ich bin hier ja nur so eine Art Frühstücksdirektor!“ Bollerndes Lachen. Ja, so wie Piepmeier muss ein Schlachter sein, denkt man sofort, aber Piepmeier schlachtet gar nicht; in seinem Geschäftsmodell ist kein Platz mehr für den Schlachter Piepmeier.

„Warum kaufst Du bei mir ein?“, fragt Piepmeier fröhlich die Türkin Sahturna Türkcan; die Presse hört ja zu.

„Weil es bei Dir das beste Fleisch gibt“, antwortet die Kundin artig.

Es gibt aber einen zweiten Grund, warum Familie Türkcan aus Lemwerder seit 40 Jahren bei Piepmeier einkauft: weil nur das Piepmeier-Fleisch halal ist.

Halal bedeutet so viel wie: erlaubt. Gläubige Moslems wollen Fleisch essen, das nach islamischem Recht hergestellt wurde. Es soll von einem männlichen Tier stammen. Das Tier soll in einem Betrieb sterben, in dem keine Schweine geschlachtet werden. Es soll von einem gläubigen Moslem geschlachtet werden. Und: Es soll lebendig geschlachtet werden.

Im Koran steht geschrieben: „Verboten ist euch das selbst Verendete sowie Blut und Schweinefleisch und das, worüber ein anderer Name angerufen ward als Allahs, das Erdrosselte, das zu Tode Geschlagene, das zu Tode Gestürzte oder Gestoßene und das, was reißende Tiere angefressen haben (...).“

In Paragraph 4a des deutschen Tierschutzgesetzes steht geschrieben: „Ein warmblütiges Tier darf nur geschlachtet werden, wenn es vor Beginn des Blutentzugs zum Zweck des Schlachtens betäubt worden ist.“ Deshalb der Bolzenschuss, deshalb die Eile nach dem Schuss.

Ohne halal, sagt Rolf Piepmeier, den sie in der Wesermarsch nur den „Türken-Schlachter“ nennen, gäbe es den Schlachthof Piepmeier schon lange nicht mehr.

Piepmeier führt seinen Betrieb seit 1961, zunächst in Rodenkirchen, dann in Elsfleth. Damals, sagt er, hatten die Leute noch Gefriertruhen. Einmal im Jahr kauften sie sich eine Rinderkeule, davon aßen sie dann monatelang.

„Aber heute“, Piepmeier verzieht das Gesicht, „kaufen sie Fleisch jeden Tag und überall. Abgepackt und eingeschweißt.“

5100 Schlachthöfe gibt es in Deutschland, gezählt werden nur Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern. Piepmeier hat sieben Mitarbeiter, er zählt nicht. Die meisten Betriebe gehören längst zu großen Konzernen. Zumeist sind es riesige Schlachtfabriken mit strengen Sicherheitsvorkehrungen; kaum jemand erhält Einblicke. Man weiß, dass dort täglich Tausende Tiere geschlachtet werden, häufig von unterbezahlten Werkvertragsarbeitnehmern.

„Bei mir darf jeder zugucken“, sagt Piepmeier.

Rinderblut sickert auf grauem Schlachthofboden. Die Männer in den weißen Kitteln schneiden dem toten Bullen die Füße ab. Trennen mit dem Rundmesser sein Fell vom Körper. Sägen ihn in zwei Hälften. Sicheln Leber, Nieren, alle Innerein raus. Ein Veterinär prüft das Fleisch. „Gute Qualität“, beteuert Piepmeier. „Die Türken legen darauf sehr viel Wert.“

Seine deutschen Kunden aber verlor er zunächst an den Supermarkt und dann an die Panik. „Es war ein Tag im November“, er erinnert sich genau: Erstmals wurde in Deutschland bei einem Rind BSE nachgewiesen, im Jahr 2000 war das. „Ab diesem Tag war die deutsche Kundschaft weg“, sagt Piepmeier. „Ich musste etwas tun.“

Im Pausenraum seines Schlachthofs hängen Fotos an der Wand, sie zeigen türkische Hochzeiten. Auf manchen Fotos ist der deutsche Schlachtermeister Piepmeier zu sehen.

Schon vor der BSE-Krise hatte er türkische Kunden; in Nordenham gab es viele Gastarbeiter. „Die wussten ja gar nicht, was sie essen sollten“, Piepmeier lieferte es ihnen. „Aber es waren nicht so viele, dass ich davon leben konnte.“

Jetzt ging er zu allen türkischen Hochzeiten, von denen er hörte; oft war er gar nicht eingeladen. „Der Name Piepmeier wurde bekannt“, sagt er stolz. „Imad, komm’ mal her“, ruft er: „Bei Dir war ich doch auch!“ Imad Cheikhi, 42 Jahre alt, grinst; er arbeitet heute als Fahrer für ihn.

Großes Misstrauen

Piepmeier hat vielleicht einen oder zwei deutsche Kunden, der Rest kommt aus islamischen Kulturkreisen. Genauso wie seine Mitarbeiter. Ali Hijazi, 53 Jahre alt, arbeitet seit 25 Jahren für ihn, im Schlachthof nennen ihn alle den großen Ali. Einen kleinen Ali Hijazi gibt es auch, 34 Jahre jung, es ist der Cousin des großen Ali. Der große Ali hat viele Verwandte angeworben. Seinen Schwager. Noch einen Schwager. Seinen Bruder. „Die Bezahlung ist gut“, lobt Imad Cheikhi, als der Chef weghört.

„Von wegen Mindestlohn!“, poltert Piepmeier, er regt sich schon wieder über die Schlachtkonzerne auf: „Ich meine, wir reden da von 8,50 Euro – brutto! Das sind vielleicht sechs Euro netto, wer kann davon leben?“

42 Bullen. Geliefert hat sie Hermann Kruse, 58 Jahre alt, Vieh- und Fleischkaufmann aus Syke, an seiner Schürze kleben Blutflecken. Kruse notiert das Schlachtgewicht seines Bullen: 236 Kilogramm pro Hälfte. Er steht direkt hinter dem Verkaufstresen, Sahturna Türkcan und die anderen Kunden können alles sehen: Herrn Kruse, die Bullenhälften, das Blut, das Fett, das der große Ali Hijazi aus einem Filetstück schnitzelt.

Piepmeier sagt es so: „Hier kann jeder sehen, was er kauft.“ Seine türkischen Kunden wollen das so, sie hegen ein großes Misstrauen gegenüber der Fleischindustrie. „Und sie haben Recht!“, schimpft Piepmeier: „Die Lebensmittelskandale gäbe es doch nicht, wenn sich alle korrekt verhalten würden!“

Kein Fleisch ohne Töten

Und was ist mit den deutschen Fleischkonsumenten? „Die Verbraucher haben sich doch immer weiter von der Landwirtschaft entfernt“, sagt Hermann Kruse, der Händler. „Sie verdrängen, dass zum Fleisch essen das Töten von Tieren gehört.“ Niemand will wissen, was er bei Piepmeier sehen kann: den letzten Gang des Bullen. Den Bolzenschuss. Das Messer. Blut. Fett. Innereien. Unbehandeltes Fleisch.

Landschlachtereien wie die von Piepmeier gibt es auch deshalb nur noch wenige. „Ich wäre längst weg, wenn ich nicht diese Lücke gefunden hätte“, sagt Piepmeier. Den Markt beherrschen die Multis, „aber in meiner Lücke lassen sie mich in Ruhe. Ich bin uninteressant für sie.“ Sieben Mitarbeiter? Er zählt ja nicht.

42 Bullen, in Hälften geschnitten, hängen jetzt im Piepmeierkühlhaus. Morgen werden die meisten von ihnen verkauft sein. Draußen vor der kleinen Rampe, die eiserne Schleuse ist noch zu, stehen bereits die Lämmer.