• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Home

Ein Schlussstrich bei EWE – vorerst

Oldenburg Es war bereits stockfinster, als der EWE-Aufsichtsrat am späten Mittwochabend aus dem Haus an der Amalienstraße trat. Wortlos drängten sich die Mitglieder an den wartenden Reportern vorbei, nur einer trat ins künstliche Licht der Kamerascheinwerfer: Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Stephan-Andreas Kaulvers. Geradezu erleichtert verkündete er das Ergebnis der stundenlangen Sitzung: die fristlose Entlassung von EWE-Chef Matthias Brückmann. „Wir schauen nun nach vorne“, sagte er.

Lesen Sie hier alle Artikel zur Klitschko-Affäre der EWE

Aufatmen am frühen Donnerstagmorgen dann auch bei vielen EWE-Mitarbeitern. Die Kommentarfunktion des firmeneigenen Intranets, das in den vergangenen Wochen zum Wut-Net geworden war, blieb zwar abgeschaltet. Aber auf den Fluren äußerten sich Kollegen zufrieden, dass ein Schlussstrich unter den Fall Brückmann gezogen wurde.

Zumindest vorerst.

„Haltlose Vorwürfe“

Beendet ist der Fall nämlich noch nicht. Noch am späten Mittwochabend meldete sich Brückmanns Anwalt Dr. Bernd-Wilhelm Schmitz markig zu Wort: „Die gegenüber Herrn Brückmann erhobenen Vorwürfe sind völlig haltlos“, schrieb er in einer Stellungnahme. „Der Widerruf seiner Bestellung zum Vorstandsvorsitzenden und die Kündigung seines Anstellungsvertrages sind daher unbegründet.“ Schmitz kündigte an, „kurzfristig“ Klage gegen die Entscheidung zu erheben.

Rückendeckung bekam der gefeuerte Manager auch vom „Handelsblatt“ in Düsseldorf. In einem langen Text erinnert die Zeitung an den „regelrechten Spendenwucher“ unter Brückmanns Amtsvorgänger Dr. Werner Brinker, der Millionen verteilt habe. Weiter heißt es, Brinker habe zudem Geld gezahlt „an Sportarten, die kaum Zuschauer hatten“, als Beispiel nennen die Autoren Basketball – obwohl es in Oldenburg keine Sportmannschaft gibt, die mehr Zuschauer pro Spiel zählen kann als die EWE Baskets.

Auch bei der NWZ liefen nach dem Rauswurf von Brückmann Nachrichten auf mit der Aufforderung, doch mal die Spendenpraxis von Brückmanns Vorgänger unter die Lupe zu nehmen. Habe Brinker bei der Vergabe nicht ebenso eigenmächtig gehandelt wie Brückmann? 

„Es kann doch nicht darum gehen, wer schlimmer oder weniger schlimm war“, ist aus dem Aufsichtsrat zu hören.

Tatsächlich verfügte Brückmanns Vorgänger über ein eigenes Vorstandsspendenbudget in Höhe von 500.000 Euro. Brückmann setzte sich dafür ein, dass dieser Posten auf 50.000 Euro beschränkt wurde. „Ich stehe für einen Kulturwechsel“, hatte er damals in einem NWZ-Interview gesagt. „Spenden dürfen einfach nicht nach dem Gutdünken von Einzelpersonen vergeben werden, sondern jeder Cent muss der Satzung entsprechen.“ Brückmann trat an, um alles anders zu machen als sein Vorgänger.

Schlimm oder weniger schlimm? Brückmann stolperte nicht darüber, dass er mehr Geld ausgab als Brinker – er stolperte, weil er sich nicht an seine eigenen Vorgaben gehalten habe, so ist aus Aufsichtsratskreisen zu hören.

Strenge Regeln

Ein Beispiel: Brückmann soll den Auftrag für ein EWE-Werbevideo einem Oldenburger Bekannten versprochen haben. Eine Ausschreibung gab es nicht, dafür einen Festpreis: 250.000 Euro für knapp drei Minuten Film. Hinweise auf Unternehmensregeln ignorierte Brückmann.

Szenenwechsel. Ein Brief, unterschrieben von Matthias Brückmann. Es geht um das Türkei-Geschäft von EWE. Nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 hatten sich Gesellschaften der EWE Türkei-Gruppe von Mitarbeitern getrennt, die der regierungskritischen Gülen-Bewegung angehörten. Der EWE-Chef weist in dem Brief den Verdacht zurück, politische Gründe könnten dafür ausschlaggebend gewesen sein. Grund seien allein Verstöße gegen die im Unternehmen gültigen Compliance-Regeln gewesen, also gegen EWE-Verhaltensegeln.

Konkret: „Die ComplianceVerstöße bestanden darin, dass Führungskräfte, die Anhänger der Gülen-Bewegung sind, bei Einstellung und Beförderung gezielt die Mitarbeiter bevorzugt haben, die ebenfalls zur Gülen-Bewegung gehören. Auch bei der Auswahl von Lieferanten wurden solche Bevorzugungen festgestellt.“ Brückmann nennt es in dem Schreiben „für EWE inakzeptabel, wenn Personal- und Einkaufsentscheidungen von persönlichen Beziehungen zu Bewerbern oder Dienstleistern beeinflusst werden“.

Genau das wirft der Aufsichtsrat nun Brückmann selbst vor. Schlimm oder weniger schlimm – Brückmann hat die Latte gerissen, die er selbst als Maßstab eingehängt hatte.

Ob die eigenmächtig zugesagte 253.000-Euro-Spende an die Klitschko-Stiftung und die „Vielzahl diverser grober Verfehlungen“, die der Aufsichtsrat am späten Mittwochabend Brückmann vorwarf, ausreichen als Gründe für die fristlose Entlassung des Vorstandsvorsitzenden, wird wohl juristisch geklärt werden müssen. Aus Aufsichtsratskreisen ist zu hören, dass man optimistisch in die Auseinandersetzung geht. „So einen Entschluss haben wir nicht aus dem blauen Dunst heraus gefasst“, sagt ein Aufsichtsratmitglied siegessicher.

Fristlos bedeutet aus Sicht der EWE: Brückmann ist ab sofort kein EWE-Chef mehr, er hat keinen Zugang mehr zu EWE-Gebäuden, er bekommt kein Geld mehr von EWE. „Alle Bezüge von Herrn Brückmann enden am 22. Februar 2017“, erklärt Aufsichtsratschef Kaulvers. „Eine Abfindung erfolgt nicht.“

Fristlos bedeutet allerdings auch, dass derzeit nur noch zwei statt eigentlich fünf Vorstände bei EWE aktiv sind: Michael Heidkamp und Wolfgang Mücher. Nach dem Abgang von Nikolaus Behr im Zuge der sogenannten Spitzelaffäre und von Ines Kolmsee wegen interner Querelen stehen Heidkamp und Mücher, beide noch nicht lange im Unternehmen, nun ohne Vorstandsvorsitzendem an der EWE-Spitze – gleichberechtigt und deshalb auf Einstimmigkeit bei allen Entscheidungen angewiesen. „Was ja kein Nachteil sein muss“, wie sie vor Mitarbeitern erklärten. Aufsichtsratschef Kaulvers betont, „das operative Geschäft läuft unverändert weiter“, und verweist auf eine „sehr funktionsfähige zweite Ebene“ im Unternehmen.

Neuanfang gefordert

Kritik muss sich aber auch der Aufsichtsrat gefallen lassen. Vorstände großer Unternehmen werden über professionelle Personalvermittlungsfirmen rekrutiert, über sogenannte Headhunter – einstellen muss sie aber der Aufsichtsrat. So forderte die Oldenburger FDP am Donnerstag einen Neuanfang nicht nur im Konzern, sondern auch beim Aufsichtsrat: „mehr Kompetenz statt Repräsentanz“.

Zuletzt standen sogar im Aufsichtsrat selbst die Zeichen auf Meuterei, vor allem Alleingänge des Präsidiums hatten einige Mitglieder verärgert. Im Dunkeln der Amalienstraße ist davon nichts mehr zu sehen, man ist nur froh über die einstimmige Entscheidung in Sachen Brückmann.

Und was das Pech der vergangenen Jahre bei der Besetzung von Vorstandsposten angeht: „Man kann den Menschen leider nur vor den Kopf gucken“, sagt ein Mitglied


Alle Texte zur Spendenaffäre:   ww.nwzonline.de/ewe-krise 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020