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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Eine Idee auf großer Fahrt

30.06.2015

Elsfleth Die Wesermarsch ist nicht die große weite Welt. Doch in der Elsflether Werft, direkt neben dem grauen Bundeswehrtanker der Walchenseeklasse, liegt gerade ein kleines bisschen Abenteuer – mit reichlich Rost am Bug. „Das sieht noch nach nichts aus, oder?“, fragt Cornelius Bockermann mit Blick auf die Avontuur – das Segelschiff, mit dem der Kapitän schon bald Waren umweltfreundlich um die ganze Welt fahren will. „Dabei steckt da schon jetzt fast eine halbe Million €Euro drin.“

Bis der alte Schoner in See sticht, wird sich der Betrag verdoppeln, schätzt Bockermann. „Wer das alles bezahlt?“, fragt er und antwortet gleich selbst: „Ich. Weil es notwendig ist.“

Cornelius Bockermann ist 56, wenn er spricht, wirkt er deutlich jünger. Und er spricht viel – von Umweltzerstörung, Klimawandel, Plastik, das sich an Stränden stapelt. Er hat das selbst gesehen in Nigeria, Kenia, Sierra Leone. Bevor er die Firma Timbercoast ins Leben rief, hat Bockermann mehr als 20 Jahre lang in Afrika mit seiner Reederei Schiffe geborgen. „Da kannst du nicht mehr an den Strand gehen, ohne über Plastikflaschen zu laufen.“

Inzwischen lebt der 56-Jährige in Australien. Dort sei die Umweltzerstörung „viel schlimmer als in anderen Ecken der Welt“. Kein Grund zum Verzweifeln. „Es wird immer offensichtlicher, dass wir ein Problem haben. Ich mache mir keine Sorgen, dass das bald auch der größte Ignorant begreift“, meint Bockermann.

Die Avontuur soll bald nicht nur Waren transportieren, sondern eine Nachricht, eine Ideologie: mehr Umweltschutz, sozialverträgliche Arbeit statt Gewinnmaximierung. „Das Segelschiff hier ist nicht die Lösung, aber es ist die Richtung.“

Mit den großen Frachtern kann Avontuur ohnehin nicht mithalten – soll sie aber auch gar nicht. „Wir können nicht mehr als 60 oder 70 Tonnen transportieren“, sagt Bockermann. Einer der acht Frachter der Emma-Maersk-Klasse, die regelmäßig in Bremerhaven festmachen, fasst 11 000 voll beladene Standardcontainer. Umgerechnet transportieren die Schiffe also bis zu 154 000 Tonnen. Und sie zählen längst nicht mehr zu den größten Frachtern. Obwohl die Klasse als sparsam gilt, liegt der Verbrauch bei voller Fahrt bei mehr als 14 000 Litern Schweröl – pro Stunde. Auch die Avontuur verbraucht Diesel: 2000 Liter . In zwei Jahren. Ohne Motor wäre der Segler in jedem Hafen auf Schlepper angewiesen. „Und bevor ich irgendeinen alten Stinker benutze, hab’ ich lieber meine moderne Maschine“, sagt Bockermann.

Weltweit gibt es fünf Unternehmen, die mit Windkraft Waren verschiffen – aber deutlich mehr, die ihre Güter klimafreundlich um den Erdball schicken wollen. „Die Nachfrage ist viel größer als das Angebot“, sagt Bockemann. Potenzielle Kunden gibt es genug: biologisch produzierter Kaffee aus Ecuador, Bananen von den kanarischen Inseln, Tee von den Azoren. Und alles zu einem „reellen“ Preis, sagt Bockermann. „Wenn man ein Kilo Kaffee für 3,99 Euro kauft, kann der Bauer davon nicht die Ausbildung seiner Kinder, neue Kleidung oder seine Altersvorsorge zahlen. Und die entstandenen Umweltschäden sind da auch nicht mit drin.“

Deshalb setzt die Timbercoast-Crew strenge Regeln: „Wir wollen keine Kunden, die nur ihr Image aufpolieren wollen“, sagt Bockermann. Wer nicht ökologisch produziert, kommt nicht an Bord. Ein sicheres Geschäft? „Vor allem ein Risiko“, sagt der Kapitän.

Freiwillige aus aller Welt

Elsfleth ist auch ein Stück Heimat für Bockermann. Hier wurde er zum Matrosen ausgebildet, in Oberhammelwarden wohnt er vorübergehend wieder in seiner alten WG. Sein Kapitänspatent hat er in Leer gemacht. Bis er wieder auf See ist, wird noch einige Zeit vergehen.

Der 56-Jährige sitzt in seinem Büro, ein grüner Container auf dem Werftgelände in Elsfleth. Vor ihm stapeln sich Zettel, alle paar Minuten klingelt das Handy. „Eigentlich passt es nie“, sagt er dem Anrufer, „von daher können Sie kommen, wann Sie wollen.“

Am Schreibtisch gegenüber sitzt Ben. Der 31-Jährige ist Kanadier, seine Locken quellen unter der Strickmütze hervor. Ben ist Marketing-Experte und freiwilliger Mitarbeiter bei Timbercoast. „Es ist die einmalige Chance, etwas von Anfang an mitzumachen“, sagt er. So wie Ben sehen es die meisten der „Volunteers“ – die Freiwilligen, die aus aller Herren Länder nach Elsfleth gekommen sind, und dort gemeinsam arbeiten und wohnen. „Es hat sich eine enge Gemeinschaft gebildet“, sagt Ben. Nachnamen gibt es bei Timbercoast nicht, eine große Familie mit ständig wechselnden Mitgliedern.

Erfahrung hat kaum einer, Peter ist die Ausnahme. Der 55-Jährige ist einer der wenigen Handwerker und der Bootsmann der Avontuur. Gerade steht er in der Werkhalle, dem einzigen Ort auf der Werft, an dem es nicht nach Schweißarbeiten und Schiffsdiesel riecht, sondern nach Holz. Drei große Lärchen hat die Crew aus dem Wald geholt, Peter macht daraus die Stenge, Verlängerungen des Mastes.

Gebaut wurde die Avontuur Anfang der 1920er Jahre auf der niederländischen Werft Otto Smit – ohne Auftraggeber. „Daher kommt der Name“, sagt Bockermann. Avontuur heißt auf Deutsch Abenteuer. „Das passt doch.“ Bis vor einigen Jahren war das Schiff ohne Mast und Segel als Frachter unterwegs, zuletzt als Ausflugsschiff, dann lag es zwei Jahre in Groningen. Bis Bockermann im vergangenen September den Segler ohne Segel für 185 000 Euro kaufte.

Mitte August will die Crew zur Sail nach Bremerhaven – fertig wird die Avontuur dann nicht sein. „Wir haben durch ein paar Verzögerungen drei Monate mehr auf der Uhr, die nicht geplant waren“, sagt Bockermann. Noch wird in den Frachträumen geschweißt, fast 25 Quadratmeter löchriger Boden mussten ausgetauscht werden.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass das richtig ist, was wir machen. Und notwendig“, sagt Bockermann, der noch der einzige Investor ist. Das soll sich bald ändern. Fünf Mann Besatzung, Eigner und Investoren sollen einmal von Timbercoast leben können, und es soll genug Geld für den Ausbau der Flotte abfallen. Bis dahin muss die Avontuur allein die Idee von Cornelius Bockermann transportieren, erst auf dem Nordatlantik, später auf einer festen Route im Südpazifik. „Dieses Schiff ist der Startpunkt. Es geht einfach nur darum, anzufangen.“

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