• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Deals
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • Veranstaltungskalender
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
  • Über uns
 
NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Umwelt: Eine Stadt setzt sich selbst unter Wasser

07.10.2011

DELMENHORST Der Garten von Mehmet Topal bietet ein Bild des Jammers. „Die Johannisbeersträucher, der Pfirsichbaum, der Flieder, die Apfelbäume – alles kaputt. Man hat zum Gärtnern keine Lust mehr“, sagt der 64-Jährige. Noch im Juli war das anders. Ein mediterranes Paradies war Topals Garten, mit Paprika, einem Feigenbaum, Wein. Jetzt: verschlammte Beete, kahle Bäume und ein verkrauteter Rasen. Seit Anfang August steht die Parzelle unter Wasser. Um das festzustellen reicht ein Spatenstich.

Amel Brüns schöpft im Heizungskeller ihres Hauses Wasser in einen Eimer. Die Brühe steht mehrere Zentimeter hoch, das Wasser dringt durch die Wände. Luftentfeuchter und Heizlüfter sind ein hilfloser Versuch, die Gebäudeschäden zu begrenzen. Seit Monaten gehe das so, berichtet die Delmenhorsterin. Ihre beiden Mieter verlangen Mietminderung.

Erst waren es nur Pfützen

Das Drama begann schleichend. Anfang des Jahres nahmen die Delmenhorster Stadtwerke ein altes Wasserwerk außer Betrieb, die Trinkwasserversorgung übernahm ein modernes Werk im Stadtsüden. 102 Jahre war in dem Graft-Wasserwerk Trinkwasser gefördert worden, um die aufstrebende Industriestadt zu versorgen. Immer noch als Wahrzeichen der Stadt gilt der Wasserturm. Seit Januar, mit dem Abschalten der Pumpen, ist das Bauwerk funktionslos geworden, der 500-Kubikmeter-Tank in seinem Innern wurde geleert. Neulich fand in dem Turm ein Kunst-Happening statt, Titel „Oben ohne“.

Erst waren es nur kleine Pfützen in der Graft. Sie wurden größer, stanken nach Faulgasen. Mücken machten sich breit. Die Bäume in der idyllischen Parklandschaft leiden, ihre Blätter sind verfärbt. Im regenreichen August haben sich in der bis ins Stadtzentrum hineinreichenden Niederung des Flüsschens Delme und den stadtauswärts gelegenen Weiden zusammenhängende Wasserflächen ausgebildet. Der Grundwasserspiegel ist seit dem Abschalten der Pumpen gestiegen, um 1,50 Meter. Damit hat niemand gerechnet.

Das versichern der Fachbereichsleiter Fritz Brünjes von der Stadtverwaltung und der Geschäftsführer der Stadtwerke Hans-Ulrich Salmen. Wochenlang wurde der Ball hin und her gespielt, wer die „Schuld“ trage. Kurz vor der Kommunalwahl präsentierte dann Oberbürgermeister Patrick de La Lanne auf einer Rats-Sondersitzung dem verdutzten Publikum ein Blatt aus einem hydrogeologischen Gutachten zu den Folgen der Wasserwerks-Abschaltung, das das Gegenteil nahelegte. In dem von Anfang 2004 datierten Kartenblatt sind Grundwasser-Höhenlinien eingezeichnet, denen zufolge der Pegel um bis zu einen Meter steigen könnte. Der Gutachter empfahl weitere Untersuchungen. „Das Blatt ist meinem Fachbereichsleiter zugespielt worden, anonym“, versichert der SPD-Politiker de La Lanne. Die Expertise sei für die Stadtwerke erstellt worden, man habe keine Ahnung gehabt. Der Rat beschließt eine Wiederinbetriebnahme des Wasserwerks für zunächst zwei Jahre als Pumpwerk, das Wasser soll in die Delme eingeleitet werden. In dieser Zeitspanne soll eine dauerhafte Lösung gefunden werden. „Wir haben im Rahmen des Bewilligungsverfahrens auch Expertisen eingeholt“: Stadtwerke-Chef Salmen bemüht sich um Schadensbegrenzung. Das ominöse Gutachten, dessen Verfasser längst verstorben ist, sei dem Stadtwerke-Aufsichtsrat bekannt gewesen. Es habe sich um eine „worst-case-Betrachtung“ gehandelt. Dennoch habe sich aus ihr das Ausmaß der durch den niederschlagsreichen August noch beförderten Vernässung nicht herauslesen lassen.

Salmen hält zwei Laborflaschen ins Licht. In einer eine klare Flüssigkeit – Grundwasser aus dem neuen Wasserwerk, in der anderen bräunlich verfärbtes Wasser aus der Graft. Die Verfärbung rührt von Huminen her. „Nahezu 80 000 Menschen vertrauen darauf, dass wir sie mit Trinkwasser beliefern. Störungsfrei und kostengünstig“. Salmen erinnert an die Überschwemmungskatastrophe von 1998. „Die Brunnen waren verseucht. Es dauerte sechs Monate bis wir die Verkeimung wieder weg hatten.“ Im Jahr 2005 wurde ein neues Wasserwerk im Stadtsüden in Betrieb genommen – das alte Wasserwerk wurde zum Auslaufmodell. Eine Entscheidung, für die viele den Stadtwerke-Chef heute verfluchen.

Salmen ist ein Mann, der polarisiert. Viele Delmenhorster trauen ihm zu, dass er den Aufsichtsrat nicht hinreichend informiert hat. Genährt wird der Argwohn durch die Vorgänge um das von den Stadtwerken erbaute Freizeitbad „Grafttherme“. Der Badetempel am Rande der Parkanlage hätte nämlich gar nicht gebaut werden dürfen, wäre das Trinkwassereinzugsgebiet rund um das alte Wasserwerk nicht aufgehoben worden.

„Da hat sich einiges kaputtgestanden“, sagt Stadtwerke-Mitarbeiter Torsten Prüß. Der Maschinenbau-Ingenieur ist mit seiner Mannschaft dabei, das vor neun Monaten abgeschaltete Wasserwerk wieder betriebsbereit zu machen. In der vergangenen Woche ist es soweit. Der Oberbürgermeister und der Stadtwerke-Chef knien am Wasserwerk an einem Gully, umringt von Fotografen und Kamerateams. Aus einem Schlauch ergießt sich ein Schwall Graftwasser in die Kanalisation.

Eine von vier Pumpen läuft

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den NWZ-Wirtschafts-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

„Die erste Pumpe läuft“, sagt Salmen. Vier sollen es werden. Vorerst wird das Wasser in den Schmutzwasserkanal eingeleitet, die Enteisenungsstufe des Wasserwerks funktioniert noch nicht. Der hohe Eisengehalt würde in der Delme ein Fischsterben verursachen. Bis zu 250 000 Euro soll die Grundwassersenkung pro Jahr kosten, „zwei bis drei Euro für jeden Bürger“, wie Salmen vorrechnet.

Dass Mehmet Topal und Amel Brüns ihre Schäden ersetzt bekommen, ist zweifelhaft. Rechtlich wähnen sich Stadt und Stadtwerke auf der sicheren Seite. Die Abschaltung eines Wasserwerks sei nicht wasserbehördlich genehmigungspflichtig, weil kein Eingriff in die Natur. Sondern das Gegenteil: Die Wiederaufhebung eines Eingriffs in die natürlichen Gegebenheiten. Ein Anrecht auf einen bestimmten Grundwasserstand könne man nicht geltend machen, sagt Fachbereichsleiter Fritz Brünjes. Stadt und Stadtwerke haben die Ansprüche der Geschädigten an ihre Versicherungen weitergeleitet. Ein ähnlicher Rechtsstreit in Berlin ist vor kurzem zum Nachteil der Geschädigten entschieden worden.

Wolfgang Bednarz Delmenhorst / Redaktion Delmenhorst
Rufen Sie mich an:
04221 9988 3
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.