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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Familie: Erfülltes Elternleben mit 25 Kindern

05.01.2013

Norderschwei Als der Theologiestudent Gerhard Roos seine Freundin Christel fragte, ob sie ihn heiraten wolle, sagte sie ja – unter einer Bedingung. Zu den leiblichen Kindern, die sie sich wünsche, müsse auch ein adoptiertes kommen. Gerhard Roos willigte ein. Das war 1967 in Hessen.

Inzwischen lebt das Ehepaar Roos in Norderschwei in der Wesermarsch und blickt auf ein erfülltes Elternleben mit 3 leiblichen Kindern, 3 Adoptivkindern, 7 Kurzzeitpflegekindern und 12 Dauerpflegekindern, darunter 7 mit unterschiedlich schweren Behinderungen, zurück. Für diese Lebensleistung werden der 69-Jährige und seine 66-jährige Frau am 17. Januar im Kreishaus in Brake mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Dass ein Ehepaar nicht weniger als 25 Kinder bei sich zu Hause aufnimmt und Verantwortung für sie übernimmt, dürfte weit und breit einmalig sein. Wie es dazu kam, ist eine ebenso einmalige Geschichte.

Beide Ehepartner sind tief im christlichen Glauben verwurzelt. Gerhard Roos entstammt einer alten hessen-nassauischen Pfarrersfamilie, und auch Christel Roos ist die Tochter eines Pastors. Nach der Schule begann sie bei der Diakonie eine Ausbildung zur Erzieherin.

Jens ist nicht erwünscht

Dazu gehörten auch Praktika in Kinderheimen. Was sie da in den 60er Jahren erleben musste, nennt sie „widerlich“. Kinder wurden in kurzen Abständen in immer neue Gruppen verschoben, fanden nie Zugehörigkeit und Geborgenheit. Wenigstens einem Heimkind wollten sie und ihr Mann nun geben, was jeder Mensch braucht.

1968 wurde ihr erster Sohn Bernd geboren, 1969 ihr zweiter Sohn Alex. Nach dessen Geburt riet der Gynäkologe Christel Roos dringend von einer weiteren Schwangerschaft ab. Sie fand, das sei genau der richtige Zeitpunkt, ein kleines Mädchen zu adoptieren. Das Jugendamt fragte, ob es auch ein Junge sein dürfe, denn fast alle Paare wollten Mädchen adoptieren. Gerhard und Christel Roos sagten ja, und nur fünf Wochen später war Jens, ein acht Wochen alter Säugling, bei ihnen. Er war der Sohn einer Stewardess, die auf keinen Fall Kinder wollte und keine Beziehung zu ihm aufbauen konnte. Abtreibung war damals verboten.

Bald hatten die drei Jungen eine große Schwester: Luisa, genannt Isa, kam im August 1970 als knapp Dreijährige zu ihnen. Sie kam aus dem Kinderheim, in dem Christel Roos einst ihr Praktikum gemacht hatte. „Jetzt ist es aber gut“, sagte sich das Ehepaar.

Doch ein Jahr später war Christel wieder schwanger, 1972 wurde Steffen geboren. Er war es auch, der jetzt zusammen mit seiner Frau und zwei Freuden die Eltern für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hat.

Der kleine Steffen veranlasste seinen Vater, den uralten Mercedes zu verkaufen und durch einen VW-Bus zu ersetzen.

Im November 1979 kamen Bernd und Isa aus der Schule zurück und riefen: „Wir müssen Marion aufnehmen.“ Die 13-jährige Klassenkameradin sollte schon zum zweiten Mal ihre Pflegefamilie verlassen. Mitte Januar 1980 fand sie im Pfarrhaus im rheinland-pfälzischen Taunus ein neues Zuhause. Sie war das erste Pflegekind der Familie und blieb fünf Jahre.

Fünf Kinder kommen

Im Sommer 1980 nahm die Vergrößerung der Familie dramatisch Tempo auf. Denn in einer Nacht wurde Gerhard Roos zu einem Binnenschiffer gerufen, der verzweifelt auf seine tablettenabhängige Frau einschlug, die mit den fünf Kindern nicht mehr fertig wurde. Der Pfarrer beruhigte ihn, nahm die fünf Kinder noch in der derselben Nacht bei sich zu Hause auf – die eigenen Kinder mussten ihre Zimmer räumen oder die neuen Pflegekinder aufnehmen –, die Frau des Binnenschiffers kam in eine Suchtklinik. Die Pflegekinder blieben etwa ein Jahr im großen Pfarrhaus.

Mit Süchten kannte sich Pfarrer Gerhard Roos aus, denn er betreute mehrere Alkoholiker. Ganz oft wurde er nachts angerufen. „Fast drei Jahre lang habe ich keine Nacht mehr als fünf Stunden geschlafen“, sagt Gerhard Roos.

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: Gerhard Roos und seine Frau wurden krank, sie stritten sich immer öfter. Das Arztehepaar, das die beiden unabhängig voneinander aufsuchten, nahm sie eines Tages gemeinsam ins Gebet – und dann wurde gehandelt. Im Frühjahr 1982 kauften sie in Dornholzhausen unweit ihrer Gemeinde einen Bauplatz und begannen ein eigenes Haus zu bauen. Gerhard Roos gab seine Stelle als Gemeindepfarrer auf und wurde im Sommer 1983 Religionslehrer an einer Berufsschule in Lahnstein. „Das war die Rettung“, sagt er.

Denn jetzt hatte er feste Arbeitszeiten und eine verlässliche Freizeit, die er seiner Frau und seinen Kindern widmen konnte.

Jetzt wollten sie auch wieder ein Kind aufnehmen. Es kamen zwei Kinder „mit extrem kompliziertem Hintergrund“, wie Gerhard Roos sagt, die zweieinhalb Jahre bei ihnen bleiben.

1985 halfen sie einer jungen Mutter aus schwierigen Verhältnissen, mit ihrem Säugling Jens besser zurecht zu kommen. Aber die Anstrengungen blieben ohne Erfolg, und die Mutter erklärte sich bereit, Jens zur Adoption freizugeben, wenn Familie Roos ihn nehmen würde. Sie adoptierten ihn und benannten ihn in Benjamin um, weil sie ja schon einen Jens hatten. Heute lebt er als Programmierer in Köln, seine Mutter ist mit 36 verstorben.

Erstes behindertes Kind

Im Oktober 1986 zogen die Brüder Peter (14) und Lothar (9) bei ihnen ein. Beide waren lernbehindert, Lothar hatte erst 30 Tage in einer Schule verbracht, davon 20 in einer Förderschule. Beide sind heute berufstätig. Lothar als Zerspaner, Peter in der Forstwirtschaft. Lothar hat ein Haus gekauft und renoviert.

1989 kam die fünfjährige Tamara, die zu 70 Prozent behindert war. Sie und Benjamin wurden ein gutes Gespann. Im selben Jahr kam das Ehepaar Roos in Kontakt mit dem Bundesverband behinderter Pflegekinder. Durch den Verband kam das erste schwer behinderte Kind Michael. Im Verband herrschte Streit, und Gerhard Roos betätigte sich als Friedensstifter. Es kam, wie es kommen musste: Im März 1990 wurde er zum Vorsitzenden gewählt.

Mit dem Zusammenbruch der DDR braute sich die nächste Herausforderung zusammen: Eine Welle von behinderten Heimkindern, die vollkommen unangemessen untergebracht waren, wie Gerhard Roos sagt: „Es war furchtbar.“

Ebenfalls 1990 kam Dennis in die Familie. Er war anderthalb Jahre alt und hatte nie die Neugeborenen-Station verlassen, weil er am Angelman-Syndrom litt: Sein Gehirn war nicht voll funktionsfähig, und er musste mit einer Sonde ernährt werden. Dafür war er ein Kraxelkünstler vor dem Herrn und kletterte auf jeden Schrank. Die Pflegeeltern rüsteten ihn mit einem Helm aus und richteten ihm ein Zimmer mit gepolsterten Wänden ein, in dem er sich austoben konnte. Dennis wurde drei Jahre alt, er war das erste Pflegekind, das bei Familie Roos verstarb.

1992 kamen die behinderten Kinder Cem und Niklas. Niklas war ohne Kleinhirn geboren. 1995 nahmen sie den Säugling Markus auf, der an der Muskelkrankheit Myotone Dystrophie leidet und als einziger noch bei ihnen wohnt. Im gleichen Jahr trat Gerhard Roos als Verbandsvorsitzender zurück.

Konzerte in der Kirche

1999 kam Christian, das letzte Pflegekind. Er war der Sohn des Jazzmusikers Joe Wulff. Er bat die Familie Roos, Christian aufzunehmen, weil er in Bangkok mit König Bhumibol, einem bekannten Jazzsaxofonisten, zur Session verabredet war. Christian, der an einer seltenen Muskelkrankheit litt, blieb für immer – auch als die Familie nach der Frühpensionierung ihres Oberhauptes 2001 in ihr ehemaliges Ferienhaus in Norderschwei zog.

Solange Christian lebte, trat sein Vater immer wieder bei Jazzkonzerten in der Schweier St.-Secundus-Kirche auf. Christian besuchte die Grundschule Schwei, die seitdem integrativ arbeitet und die Inklusion praktiziert.

Er starb friedlich am 2. Mai 2010 und ist auf dem Schweier Friedhof begraben. Gleich nebenan liegt Niklas, das andere Pflegekind, das für ihn ein Bruder war. So bleibt sich die bunt zusammengewürfelte Familie Roos nahe, im Leben und auch im Tod.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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