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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Hobbyzüchter Zur Vogelgrippe: „Es tut weh, die Tiere so leiden zu sehen“

23.01.2017

Berne Ein Foto mit den Hühnern? „Vergessen Sie’s“, er schüttelt den Kopf. Die Hühner dürfen nicht raus, und rein darf nur er, der bio­sicherheitsgeschulte Hühnerhalter: Er desinfiziert seine Schuhe in einer Desinfektionswanne, er säubert sich die Hände, er schlüpft in Schutzkleidung. Erledigen muss er das im Stall, vielleicht fünf Quadratmeter groß.

Lars Steenken, 40 Jahre alt, züchtet seit seiner Kindheit Rassegeflügel. „Aus Spaß an den Tieren“, sagt er. Draußen im Garten in Berne (Landkreis Wesermarsch) hält er zehn Hühner: Zwerg-Wyandotten. Die Hühner haben einen kleinen Schlafstall und einen großen Auslauf zum Picken.

Seit dem 16. November 2016 waren seine Tiere nicht mehr draußen – seit diesem Tag gilt die sogenannte Aufstallungspflicht für Geflügel, verfügt vom Veterinäramt Jade-Weser.

FRAGE: Herr Steenken, wie geht es Ihren Tieren?

STEENKEN: Die leiden. Sonst sind sie ja draußen – und sie müssen auch raus, sie brauchen die Scharrmöglichkeit.

FRAGE:Woran erkennen Sie, dass Ihre Tiere leiden?

STEENKEN: Sie wirken träger, die Aktivität ist nicht mehr da. Sie fressen weniger, sie legen weniger Eier. Bei den Hähnen verblassen die Kämme, die intensive rote Farbe geht raus. 

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Augen auf – so weit wie möglich

Steenken ist der Vorsitzende des Landesverbands der Rassegeflügelzüchter Weser-Ems. Gut 5000 Mitglieder mit insgesamt 100.000 Tieren gehören dem Verband an. Deutschlandweit sind 180.000 Mitglieder organisiert.

Wenn jeder Hobbyzüchter durchschnittlich 20 Tiere hält, dürften es bundesweit um die 3,6 Millionen Tiere sein. An sogenanntem Wirtschaftsgeflügel gibt es in den großen Mast- und Legeanlagen 120 Millionen Stück – allein in Niedersachsen.

„Uns geht es darum, die Rassen zu erhalten“, sagt Steenken. „Wir kümmern uns um Rassen, die auf der Roten Liste stehen. Alte Rassen.“

Die Züchter zeigen ihre Tiere auf Ausstellungen. Preisrichter (Steenken: „nach dreijähriger Ausbildung“) bewerten die Tiere: Farben, Standhöhe, Kamm, Genetik.

Zurzeit sind im Land alle Vogelausstellungen untersagt.

Die Maßnahmen, so heißt es bei den Behörden, dienen „dem Schutz sehr hoher Rechtsgüter. Die Gefahr der Weiterverbreitung der Seuche und der damit verbundene wirtschaftliche Schaden sind höher einzuschätzen als persönliche Interessen“.

FRAGE: Wie ist die Stimmung unter den Hobbyzüchtern nach mehr als zehn Wochen Aufstallungspflicht?

STEENKEN: Da herrscht eine große Unruhe. Die Mitglieder verstehen nicht, dass sie die Leidtragenden sein sollen, obwohl wir gar nicht wissen, wie die Übertragungswege tatsächlich sind.

FRAGE: Das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, das Friedrich-Löffler-Institut auf der Ostseeinsel Riems, geht davon aus, dass das Virus durch Wildvögel verbreitet wird . . .

STEENKEN: . . . ja, aber selbst wenn das so wäre: Was bringt dann die Aufstallung des Rassegeflügels? Angenommen, da hält jemand in Ostfriesland fünf Emder Gänse. Er muss sie einsperren: Tiere, die das ganze Jahr immer nur draußen sind und nun im Stall die Wände hochgehen. Und ringsherum rasten und fliegen abertausende Wildgänse! Wer soll das verstehen?

Familie Steenken wohnt am Weserdeich. Hinter dem Haus: ein schmaler Wasserlauf, dahinter schneebedecktes Ackerland, kilometerweit. Krähen picken im Schnee, am Himmel zieht ein Schwarm Wildgänse vorbei.

Wer die Steenkens besuchen will, kommt auf der Landstraße zuerst am Schild „Geflügelpest Beobachtungsgebiet“ vorbei. Steenkens Ställe liegen im zehn Kilometer großen Beobachtungsgebiet, seit es an Weihnachten einen Vogelgrippe-Ausbruch in einem Putenmaststall in Hude gab, gut zehn Kilometer entfernt. Mehr als 22 000 Tiere mussten in Hude getötet werden. Im Beobachtungsgebiet gelten die strengen Biosicherheitsregeln.

Die Hobbyzucht und die gewerbsmäßige Mast haben kaum noch Gemeinsamkeiten. „Das hat sich weit auseinanderbewegt“, sagt Steenken. „Ein Beispiel: Masthähnchen sind nach 35 oder 40 Tagen schlachtreif. Unsere Hühner piepen da noch!“ Noch ein Beispiel: „Bei einer Mastpute macht die Brust mittlerweile 40 Prozent des Gesamtgewichts aus.“ Er fragt: „Was macht so etwas mit dem Immunsystem dieser Hochleistungstiere?“

FRAGE: Die Behörden gehen davon aus, dass die Wildvogel-Population vollsitzt mit Vogelgrippe-Erregern. Angenommen, das Virus wird tatsächlich so verbreitet – dann könnten sich Ihre Tiere doch infizieren, wenn sie draußen herumliefen!

STEENKEN: Theoretisch ja. Theoretisch könnte es aber auch im Stall passieren. Schauen Sie, der ist ja nicht überall dicht, hier gibt es zum Beispiel ein Drahtgitter. Aber das Problem ist doch: Keiner weiß, wie die Übertragung zustande kommt! Es gibt nur Mutmaßungen! Wir wissen nur: Die Aufstallung hilft nicht gegen die Verbreitung. Das sieht man ja an den Ausbrüchen in den Putenställen – bei Tieren, die nie rauskommen!

FRAGE:Was glauben Sie: Warum gilt dann trotzdem eine Stallpflicht für Ihre Tiere?

STEENKEN: Ich glaube, das dient nur der Beruhigung der Öffentlichkeit. Aber mal ehrlich: Wenn Wildvögel die Überträger sind oder Mäuse, dann kann man es sowieso nicht in den Griff bekommen.

In den Rassezuchtvereinen rollt derzeit eine Austrittswelle, ähnlich wie bei den Vogelgrippe-Epidemie 2006, als es laut Steenken „drastische Verluste“ gab. „Viele trennen sich von ihren Tieren“, sagt er. „Es tut nämlich weh, die Tiere so leiden zu sehen.“ 

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FRAGE: Sie machen aber auf jeden Fall weiter?

STEENKEN: Wenn die tatsächlichen Übertragungswege nicht gefunden werden und wir hier so langsam jedes Jahr eine Aufstallungspflicht bekommen, dann mache ich das nicht mehr mit. Das tu ich mir und meinen Tieren nicht an.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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