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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

So geriet ein Überflieger aus Wildeshausen immer mehr unter Druck

30.05.2017

Oldenburg /Wildeshausen Am 27. März 2017 erreichte den Aufsichtsratsvorsitzenden der EWE, Stephan-Andreas Kaulvers, (wieder einmal) ein anonymer Brief. Unterzeichnet hatte ihn „Ein Mitglied des Aufsichtsrats der EWE AG“.

Der Brief befasste sich mit Timo Poppe, „Vorstandsmitglied der swb AG und Kandidat für einen Vorstandsposten der EWE AG“. Poppe, so schrieb der anonyme Autor, habe sich im Anschluss der Aufsichtsratssitzung vom 22. Februar 2017 von einem Fahrer der EWE in den Skiurlaub nach Österreich chauffieren lassen. Dafür habe er den Fahrer „privat für 250 €  ,unter der Hand‘ engagiert, ohne die korrespondierenden steuerrechtlichen bzw. sozialversicherungspflichtigen Beiträge ordnungsgemäß abzuführen“.

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Nach der Lektüre des Briefes tat Aufsichtsratschef Kaulvers das, was er in letzter Zeit so häufig getan hat: Er gab den Brief an die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG weiter, verbunden mit dem Auftrag, die Vorwürfe gegen Poppe zu überprüfen.

Der Kandidat

Poppe, 37 Jahre alt, ist der jüngste Top-Manager der Energiebranche. Er sitzt im Vorstand der Bremer Stadtwerke (SWB), einer Tochter der EWE AG: 2000 Mitarbeiter, 1,3 Milliarden Euro Jahresumsatz. In den vergangenen Jahren wurde Poppe immer wieder als möglicher Kandidat für den Vorstand der größeren EWE gehandelt (9000 Mitarbeiter, 7,5 Milliarden Umsatz). Diesmal sollte es ernst werden: Nach der Trennung von den EWE-Vorständen Nikolaus Behr, Ines Kolmsee und zuletzt Matthias Brückmann sollte Poppe in die Chefetage aufrücken.

Für Poppe spricht nicht nur seine gute Vernetzung im Konzern. Vor allem ist er im Gegensatz zu den drei gescheiterten und den zwei verbliebenen Vorständen ein echtes Kind der Region: geboren in Wildeshausen, wohnhaft Wildeshausen, scheinbar untrennbar verbunden mit Wildeshausen, Feuerwehmann, Gilde-Mitglied, Studium in der Nachbarstadt Vechta. Regionale Verwurzlung heißt für Poppe aber nicht Provinzialität: Mit Studienaufenthalten in St. Gallen, Harvard und Stanford rüstete er sich für eine Karriere beim größten Unternehmen Nordwestdeutschlands. Sein Aufstieg bei EWE schien unaufhaltsam. Bis jetzt.

Die Prüfer

Nach der fristlosen Kündigung von Vorstandschef Matthias Brückmann, der nach kaum eineinhalb Jahren an der Konzernspitze gehen musste, will der EWE-Aufsichtsrat keine erneute Blamage erleben bei der Besetzung von Vorstandsposten. Deshalb bekam die externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG den Auftrag, ein Gutachten zu erstellen „zur rechtlichen Einordnung der durch einen Vorstandsfahrer der EWE AG durchgeführten Fahrt von Herrn Timo Poppe nach Österreich“ – und zwar „zur im Rahmen der Auswahlentscheidung des Aufsichtsrats der EWE AG über die Bestellung von Herrn Timo Poppe zum Vorstand zu berücksichtigenden Feststellungen“.

Soll heißen: KPMG sollte überprüfen, ob Poppe vorstandstauglich ist.

Grundlage dieser Prüfung sind Gespräche mit Beteiligten und Zeugen. KPMG nennt das „Interviews“, betroffene EWE-Mitarbeiter sprechen lieber von „Verhören“, die geradezu inquisitorisch abliefen. Einer sagt: Es habe nur noch gefehlt, dass man ihm wie in amerikanischen Filmen mit einer Schreibtischlampe ins Gesicht geleuchtet hätte.

Die Fakten

Die EWE-Aufsichtsratssitzung vom 22. Februar wird in die Konzerngeschichte eingehen: In den Räumen der EWE-Akademie an der Oldenburger Amalienstraße feuerte das Gremium einstimmig Vorstandschef Brückmann. Weil es an dem Abend auch um die Besetzung zweier offener Vorstandsposten gehen sollte, waren die Vorstandskandidaten Timo Poppe und Torsten Maus (EWE-Netz-Chef) als Gäste eingeladen.

Die Sitzung zog sich. In einer der Wartepausen, so fanden die KPMG-Prüfer heraus, berichtete Poppe anderen Wartenden von seiner geplanten Fahrt nach Österreich, Zitat: „Mir ist alles egal, ich fahre in den Ski-Urlaub. Ich lasse mich fahren für EUR 250.“ Das sei ja günstig, soll einer der Wartenden gesagt haben. Poppes Antwort: „Ja.“

Die Sitzung endete gegen 22.30 Uhr. Tatsächlich wartete da bereits Poppes Privatwagen an der Amalienstraße; am Steuer saß M., bei der EWE als Fahrer von Vorstand Michael Heidkamp beschäftigt. M., ein Kamerad Poppes bei der Freiwilligen Feuerwehr, fuhr Poppe dann nach Österreich. Später, nach seiner Rückkehr nach Wildeshausen, gab Poppe ihm dafür 300 Euro.

Die KPMG-Juristen sollten nun beurteilen: Handelte es bei der Fahrt um eine unverbindliche Gefälligkeit oder um einen rechtsverbindlichen Vertrag? Waren die 300 Euro ein Geschenk oder ein Entgelt? Beging Poppe eine Pflichtverletzung, weil er als Führungskraft die Arbeitskraft eines Angestellten für private Zwecke nutzte? Und schließlich: Wie steht es um die charakterliche Integrität des Vorstandskandidaten Poppe?

Die Freunde

Der KMPG-Bericht liest sich nüchtern, farbige Details fehlen. Wer mehr erfahren möchte, muss sich in Poppes Umfeld in Wildeshausen umhören. Denn Poppe selbst spricht nicht mit der Presse über die Vorgänge. Ebenso wenig wie die Presseabteilung der EWE, die auf die „nicht vollständig geklärte Sachlage“ verweist.

In der Kreisstadt Wildeshausen, 21 000 Einwohner, weiß man, dass Timo Poppe seit Jahren mit einer Freundesclique in den Skiurlaub fährt; Poppe ist der Organisator. Diesmal sollte es nach Saalbach gehen, 970 Kilometer von Oldenburg entfernt: acht Männer, ein Trip von Montag bis Freitag.

Dann kam die Einladung zur Aufsichtsratssitzung. Poppe, so erzählt man sich in Wildeshausen, stornierte nicht etwa den Urlaub auf EWE-Kosten; er würde dann eben auf zwei Ski-Tage verzichten und nachkommen. Dazu buchte er einen Flug von Bremen. Als dann der Beginn der Aufsichtsratssitzung verschoben wurde, passte auch der Flug nicht mehr. Auch das, so heißt es in der Stadt, stellte er nicht EWE in Rechnung.

Poppe rief stattdessen M. an. M. und Poppe, das bestätigen Feuerwehrkameraden, sind seit vielen Jahren befreundet. Angeblich hat M. sogar einen Schlüssel für Poppes Haus. Poppe fragte M., ob ihn nicht einer der Feuerwehrkameraden in den Urlaub fahren könne, da er nach der Sitzung dazu nicht mehr in der Lage sei. Er werde sich auch erkenntlich zeigen. M. bot daraufhin an, Poppe selbst zu fahren – schließlich habe er gerade Urlaub.

Nach der Fahrt nach Österreich, auch das erzählt man sich in der Stadt, frühstückten Poppe und M. gemeinsam. Anschließend ging Poppe Skifahren, und M. schlief einige Stunden in Poppes Hotelbett. Auf dem Weg zurück nahm M. dann einen anderen Poppe-Freund mit, der sich verletzt hatte; beim Autofahren wechselten sich die beiden ab.

Einige Tage nach dem Urlaub gab Poppe M. dann die 300 Euro.

Das Poppe-Zeugnis

26 Seiten dick ist das Gutachten von KPMG zur Österreich-Fahrt. Darin kommen die Prüfer zu dem Schluss, dass der Fahrdienst als „rechtsgeschäftliche Verpflichtung der Beförderung“ auszulegen sei. Allerdings stelle der Vorgang „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit weder unter arbeitsrechtlichen noch unter steuerrechtlichen Gesichtspunkten eine justiziable Pflichtverletzung“ dar – von Poppe nicht und auch nicht von M. Auch sei Poppe kein „lohnsteuerpflichtiger geldwerter Vorteil“ entstanden. „Anhaltspunkte für eine fehlende gesetzliche Eignung“ von Poppe für ein Vorstandsamt gebe es demnach nicht. Aber: „Dies schließt eine Berücksichtigung im Rahmen der Auswahlentscheidung des Aufsichtsrats nicht aus, etwa im Rahmen der Beurteilung der charakterlichen Eignung.“

Der Aufsichtsrat hat seine Entscheidung über die Besetzung der offenen Vorstandsstellen vorerst verschoben.

Der Steuer-Vorwurf

Es gibt einen weiteren KPMG-Bericht, in dem Poppe eine Rolle spielt. Es geht dabei um Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung von Schichtzulagen, die auf Steuerhinterziehung und Sozialbetrug hinauslaufen könnten.

Kurz erklärt: In den Leitstellen von EWE Netz bekommen rund zwei Dutzend Mitarbeiter Zulagen für Nachtarbeit und Feiertagsdienste. Diese Zulagen können steuerfrei sein – aber nur, wenn dem Finanzamt sogenannte Spitzabrechnungen vorgelegt werden, die die Dienstzeiten nachweisen. EWE zahlte Pauschalbeträge. Aufgefallen war das bei Lohnsteuer-Außenprüfungen 2010 und 2014.

Timo Poppe ist nicht nur SWB-Vorstand, er ist auch Aufsichtsratsmitglied bei EWE Netz. KPMG kommt deshalb in dem zweiten Prüfbericht zu dem Schluss, dass Poppe Kenntnisse von den Steuerproblemen „hatte bzw. solche Kenntnisse jedenfalls hätte haben können“. Das lege „eine Verletzung seiner Pflichten als Aufsichtsrat nahe“. Hintergrund: Poppe habe 2010 und 2014 an zwei EWE-Vorstandssitzungen teilgenommen, bei denen die Steuerprüfungen Thema gewesen seien.

Tatsächlich zeigen die (knappen) Sitzungsprotokolle, dass die Steuerprüfung Thema war. Sie zeigen auch die Reaktion darauf: „Herr Dr. Sanders und Herr Wagener werden kurzfristig Gespräche mit dem Betriebsrat aufnehmen“ (21. 09. 2010), „Herr Behr erhält Auftrag, Thema Mehrarbeit und Schichtzulage bis 31.12.2014 konzeptionell zu beleuchten und Vorschläge zu erarbeiten“ (14. 10. 2014).

Hätte Poppe später nachfassen können? Sogar müssen, wenn er EWE-Vorstand werden will? KPMG schreibt, „die oben genannten Gesichtspunkte wird der Aufsichtsratsrat bei seiner Auswahlentscheidung berücksichtigen“, und warnt: Wegen der Presseberichterstattung könnte die Auswahlentscheidung des Aufsichtsrats „möglicherweise besonders gründlich hinterfragt werden“.

Interessant ist aber noch eine zweite Frage: Warum steht eigentlich vor allem Poppe in der Diskussion? Viel mehr als EWE-Netz-Chef Torsten Maus, ebenfalls Kandidat für den EWE-Vorstand? Und sehr viel mehr als die mit dem Steuerthema befassten Ex-Vorstände Sanders, Wagener, Behr und Werner Brinker, seinerzeit als Vorstandschef für Netz verantwortlich? Wie kam die Österreich-Fahrt in die überregionale Presse?

In der Energiebranche kursiert derzeit ein Gerücht, es war zum Beispiel auf der Messe E-World in Essen zu hören. Demnach soll Ex-Vorstandschef Brückmann davon überzeugt sein, dass eine kleine Gruppe von EWE-Führungskräften ihn zu Fall gebracht habe. Tatsächlich waren nach einer EWE-Konferenz am 3. Februar, auf der die Teilnehmer aufgefordert wurden, ein Solidaritätsschreiben für Brückmann zu unterzeichnen, rund 20 Führungskräfte an den Aufsichtsrat herangetreten, um weitere Vorwürfe gegen den ihrer Meinung nach untragbaren Chef vorzutragen. Am 7. Februar empfahl das Aufsichtsratspräsidium Brückmanns Rauswurf.

Der Rädelsführer der kleinen Gruppe, so munkelte man kurz darauf in Essen, soll Timo Poppe gewesen sein.

SPEZIAL: Lesen Sie hier alles rund um die EWE-Krise

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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