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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Familienschlacht im Schlachtkonzern

22.09.2012

Sögel /Rheda-Wiedenbrück Wer auf die Firmenzentrale des größten Schlachtkonzerns Deutschlands zufährt, kann von weitem einen Werbeslogan lesen: „Tönnies Fleisch  . . . worauf du dich verlassen kannst“, klebt da rotgrün am höchsten Hallendach in Rheda-Wiedenbrück.

Aber unten in den Produktionshallen fragen sich die Tönnies-Mitarbeiter inzwischen: Wie lange kann ich mich noch auf Tönnies verlassen? Sie befürchten, dass das Familienunternehmen nach 41 Betriebsjahren zerschlagen werden könnte. 8000 Menschen bangen um ihre Jobs, 1300 davon allein am Tönnies-Standort Weidemark in Sögel (Landkreis Emsland).

Angst vor Verkauf

Der Grund für ihre Angst ist ein Machtkampf zwischen Clemens Tönnies (56) und seinem Neffen Robert (34), der täglich an Schärfe zunimmt; Beobachter sprechen längst von der „Schlacht im Schlachthaus“. Es geht um Firmenanteile, Führungsqualitäten – und um fliegende Fleischstücke.

Zwar haben die beiden Streitparteien Stillschweigen über die Auseinandersetzung vereinbart; Robert Tönnies gab sogar per Pressemitteilung bekannt, dass er nichts bekannt geben werde.

Aber hinter vorgehaltener Hand äußern sich Tönnies-Führungskräfte umso deutlicher: Robert Tönnies wolle „das richtig große Geld“ machen“, vermutet ein Mitglied des Kreises der „Top 40“-Manager bei Tönnies; er wolle Anteile verkaufen, die Belegschaft sei für ihn dabei nur ein „Spielball“. Auch der Betriebsrat der Tönnies Lebensmittel GmbH hat sich mit der „Meinung der Mitarbeiter“ in die Diskussion eingeschaltet: „Lassen Sie uns aus Ihren Spielchen heraus, damit unsere Kolleginnen und Kollegen mit ihren Familien beruhigt leben können“, heißt es in einem Offenen Brief an Robert Tönnies. Und: „Tönnies muss Tönnies bleiben!“

Tönnies ist ein klassisches Familienunternehmen: Bernd Tönnies gründete die Firma 1971, Clemens Tönnies übernahm die Firmenleitung nach dem Tod des älteren Bruders 1994. Der kleine Bruder ist heute als jovialer und mächtiger Aufsichtsratschef des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 bekannt, auch die Firma spielt längst in der Champions League: Tönnies ist ein „gesundes Unternehmen in einer kränkelnden Branche“, schwärmt einer der Top 40. In diesem Jahr werde man beim Umsatz vermutlich die 5-Milliarden-Marke knacken.

„Das Unternehmen ist so groß, dass wir uns Unruhe in der Mitarbeiterschaft und bei den Kunden nicht leisten können“, sagt die Führungskraft. Aber mit solcher „wirtschaftlich schädigender“ Unruhe habe man es nun zu tun.

Zweifel an Kompetenz

Robert Tönnies ist der Sohn des Firmengründers Bernd. Dessen zweiter Sohn, Clemens jr., übertrug wegen einer Erkrankung seine Firmenanteile Anfang 2012 auf den Bruder, seither herrscht zwischen Robert und seinem Onkel Clemens eine Patt-Situation: Die beiden Gesellschafter sind jeweils mit 50 Prozent an der Tönnies-Gruppe beteiligt. Dann forderte Robert vom Onkel die Rückgabe eines Fünf-Prozent-Anteils, den er ihm auf Wunsch seines Vater geschenkt hatte. Er reichte Klage ein, Begründung: „grober Undank“.

Laut § 530 im Bürgerlichen Gesetzbuch kann eine Schenkung widerrufen werden, „wenn sich der Beschenkte durch eine schwere Verfehlung gegen den Schenker oder einen nahen Angehörigen des Schenkers groben Undanks schuldig gemacht hat“.

Juristisch beraten lässt sich Robert Tönnies von Professor Dr. Mark Binz, „einem für die Eskalation von Familienstreitigkeiten bekannten Anwalt aus Stuttgart“, wie Clemens Tönnies ihn in einem Brief an die Belegschaft nennt. Binz nennt diese Beschreibung hingegen „üble Nachrede“.

Für die meisten der „Top 40“ ist es eine Horrorvorstellung, dass Robert Tönnies mit Binz’ Hilfe den Machtkampf an der Tönnies-Spitze gewinnen könnte. Sie lassen kein gutes Haar an dem Neffen, der sich im Internet bei Wikipedia oder Xing gern „Geschäftsführer“ nenne, „obwohl er formaljuristisch nie einer war“: Er sei „jähzornig“ und „ohne soziale Kompetenz“.

Einige Führungskräfte haben Berichte gesammelt, die „Ausraster“ Roberts auflisten. So habe er einmal, „weil es nicht lief, wie er wollte, einen Bildschirm durchs Büro geschmissen“. Einem Mitarbeiter habe er eine Knochenkiste entgegengeworfen, einen weiteren soll ein Schinkenknochen getroffen haben. Ein anderes Mal soll Robert vor Wut in einen Schreibtisch getreten haben; ein Tischler musste ihn aus seiner misslichen Lage befreien.

Auch an Roberts fachlicher Kompetenz zweifeln die Top 40: Einen Leberkäse-Hersteller soll er gefragt haben, von wem er die Leber für den Käse beziehe, heißt es. Leberkäse ist eine Brühwurstart, Leber ist nicht darin enthalten. „Das ist so peinlich“, sagt einer der Leitenden.

Robert Tönnies will sich nicht im Einzelnen zu „Verunglimpfungen“ äußern, schreibt aber: „Die gegen mich gerichteten persönlichen Vorwürfe sind irreführend und größtenteils falsch.“

Am meisten in Rage bringt die „Top 40“ allerdings, dass Robert Tönnies die unternehmerische Leistung von Clemens Tönnies, den im Betrieb alle „CT“ nennen, in Frage stelle. Clemens habe das Werk seines Vaters „weitergeführt“, schrieb Robert an die Belegschaft. Die Geschäftsideen von Bernd seien „bis heute Grundlage unseres Erfolges. Als er im Alter von nur 42 Jahren starb, hinterließ er ein kerngesundes Unternehmen, das bereits über eine Milliarde Umsatz machte“.

Im Kreis der „Top 40“ hält man das für eine sehr optimistische Einschätzung der damaligen Lage. Bilanzzahlen aus dem Jahr 1994, dem Todesjahr von Bernd Tönnies’, zeigen: Zwar machte die Tönnies-Gruppe damals 1 006 365 795 DM (ca. 500 Millionen Euro) Umsatz, dem gegenüber standen aber Bankverbindlichkeiten in Höhe von mehr als 178 Millionen DM und eine Eigenkapitalquote von nur knapp über 4 Prozent. Heute liegt die Eigenkapitalquote bei über 60 Prozent, berichten die Top 40.

Der Betriebsrat schreibt dazu an Robert Tönnies: „Viele von uns kannten und schätzten Ihren Vater, doch der Betrieb, so wie er heute ist, den haben wir alle mit CT zusammen aufgebaut.“

Robert Tönnies will trotzdem „eine Unternehmensstruktur zu schaffen, die unabhängig von einer einzelnen Person zukunftsfähig ist“. Man brauche ein „stärker teamorientiertes Denken und Handeln“ statt eines „patriarchalischen Führungsstils“. In einem Brief an die Belegschaft wirft er seinem Onkel zudem vor, durch private Beteiligungen an Mitbewerbern wie der Zur-Mühlen-Gruppe mögliche „Interessenkonflikte“ geschaffen zu haben.

Clemens Tönnies vermutet in einem Brief an die Belegschaft, dass dieses Vorgehen seines Neffen „einer Art Drehbuch“ des Anwalts Binz folgt.

Der Tönnies-Streit: Ein Stillschweigen mit vielen Briefen.

Es geht vor Gericht

Schlichten kann den Familienstreit wohl erst ein Gericht – aber schon jetzt lähme der Zwist das Tagesgeschäft, klagen führende Mitarbeiter.

Das Unternehmen hat mit derartigen Lähmungen Erfahrung: In einem mehrjährigen Verfahren, an dem auch die Oldenburger Staatsanwaltschaft beteiligt war, mussten sich Clemens Tönnies und zwölf seiner Manager wegen Falschetikettierung von Hackfleisch vor Gericht verantworten. Erst vor einem Jahr wurde der Prozess gegen Geldauflagen eingestellt.

In der Tönnies-Zentrale in Rheda-Wiedenbrück erzählt man sich, dass Robert Tönnies die Geschäftsführer-Runde verlassen habe, als er erstmals von den Ermittlungen hörte: Ich habe damit ja nichts zu tun, soll er gesagt haben.

Der Betriebsrat fordert Robert Tönnies nun auf, nicht weiter „den sozialen Frieden in der Belegschaft“ zu stören.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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