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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Mann mit zwei Gesichtern

02.02.2016

Bremen /Oldenburg Dieses Datum hat schon jetzt im Terminkalender von Niels Stolberg eine besondere Bedeutung: Mittwoch, 26. Oktober 2016, könnte der Tag sein, an dem sein neues Leben beginnt. Ein Leben, das dann unbelastet ist von den Vorkommnissen um die Beluga-Reederei, ein Leben ohne den Mühlstein der juristischen Aufarbeitung des Firmenzusammenbruchs, ein Leben, in dem es dann um seine Zukunft geht.

Prozess am Dienstag: Lehrstunde über die Welt der Schwergutreederei

Der 26. Oktober ist der vom Bremer Landgericht zunächst angenommene Schlusstermin für das größte Wirtschafts-Strafverfahren in der Schifffahrtsbranche. Mehr als 50 Verhandlungstage sind allerdings in dem Mammutverfahren bis dahin zu absolvieren – und ob sich der Zeitplan einhalten lässt, weiß derzeit niemand. Auch in diesem Punkt gilt die Kalenderweisheit: Vor Gericht und auf hoher See befindet man sich in Gottes Hand.

Wer ist Niels Stolberg?

Einen ersten Schlagabtausch hat es zwischen der Staatsanwaltschaft und den vier Angeklagten gegeben. Kreditbetrug, Bilanzfälschung, Untreue und Betrug lauten die schwerwiegenden Vorwürfe der 800-Seiten-Anklageschrift. Während Niels Stolberg als Hauptangeklagter einen Teil der Vorwürfe einräumte, andere aber energisch zurückwies, gaben sich die drei mitangeklagten ehemaligen Beluga-Manager zerknirscht und weitestgehend geständig. Vielen Anklagepunkten liegen ihre vorherigen Aussagen zugrunde.

Voller Spannung erwarten jetzt nicht nur die zahlreichen Prozessbeobachter die nächste Phase des Verfahrens, wenn ab diesem Dienstag das Gericht mit der Befragung der Angeklagten beginnt. Sie erhoffen nicht nur Informationen über die Hintergründe des gigantischen Wirtschaftskrimis, sondern auch Antworten auf die Frage, wer Niels Stolberg eigentlich ist.

Ist der ehemalige Reedereichef der Menschenfreund und Motivator, der sich aufreibt für sein kreativ-anderes Unternehmen? Für die Reederei, die er nach dem Belugawal benannt hat, weil der so kraftvoll die Weltmeere durchkreuzt? Der fürsorgliche Firmenchef mit den Sprechstunden für Mitarbeiter, dem das Betriebsklima, der Beluga-Spirit, so am Herzen liegt, dass er die Firma auch für ein Angebot von 600 Millionen US-Dollar nicht verkauft?

Oder ist er der tyrannische Despot, der Mitarbeiter schon mal durch die Mangel jagt und sie so „rund und fertig“ macht, dass sie noch Jahre später voller Schrecken darüber berichten? Der Chef, der absoluten Gehorsam verlangte? Der Firmenbesitzer, der schon mal, wenn’s knapp war, private Mittel überwies und erklärte, das Geld stamme aus seiner Keksdose?

Hintergrund-Reportage: Beluga – Spuren eines Untergangs

Aus den bisherigen Aussagen seiner ehemaligen Mitarbeiter ergeben sich Hinweise auf beide Gesichter Stolbergs. Wortreich berichtete einer, wie er noch während seiner Probezeit von Stolberg so fertig gemacht worden sei, dass er geglaubt habe, sofort seinen Job zu verlieren. Stattdessen machte er anschließend Karriere im Unternehmen und Stolberg habe gegenüber einem Kunden später mal geäußert, dass er am Anfang halt mal durch den Scheuersack gemusst habe.

Deutlich unterstreichen sie aber auch, dass es nicht nur Scheuersack und Peitsche, sondern auch Zuckerbrot und Belohnung gegeben habe. Außerdem sei ihr damaliger Chef jemand gewesen, der eindeutig zu gefassten Entscheidungen stand und der auch die Verantwortung übernahm, wenn es bei den Mitarbeitern zu Zweifeln gekommen war.

Falsche Bilanzangaben

Weitgehend übereinstimmend sind die sachlichen Schilderungen der Verfahrenshintergründe: Als es finanziell eng wurde in der Beluga-Reederei und das Eigenkapital für 16 Schiffsneubauten fehlte, begann die erste Phase des Dramas. Durch fingierte Rechnungen wurde eine 100-Prozent-Finanzierung der Schiffe durch die Banken erreicht. Der juristische Fachbegriff dafür lautet Kreditbetrug. Stolberg unterstreicht aber, dass er die Banken nicht geschädigt habe. Tatsächlich hätten die Kreditgeber mit den Geschäften viel Geld verdient.

Die Phase zwei des Dramas begann, als Stolberg sich um weiteres Geld bemühte – diesmal beim US-Investor Oaktree. Dabei wurden falsche Angaben über Bilanzumsätze und Auftragsbestand gemacht.

In dem Verfahren vor dem Bremer Landgericht wird auch die dritte Phase zu klären sein, nämlich wann Oaktree auf die Unregelmäßigkeiten aufmerksam geworden ist.

Hinter vorgehaltener Hand wird von Branchenkennern gelegentlich die Vermutung geäußert, Oaktree könne einen eigenen Masterplan verfolgt haben, nachdem man schon bei der ersten Überprüfung der Beluga-Reederei auf Regelwidrigkeiten, beispielsweise bei der Schiffsfinanzierung, gestoßen sei. Danach sei man stillschweigend mit mehr als 100 Millionen bei Beluga eingestiegen, um später die Chance zu nutzen, Stolberg aus dem Unternehmen zu werfen, Insolvenz anzumelden und den profitablen Firmenkern, die Flotte der Schwerlastschiffe, in Eigenregie zu übernehmen.

Jürgen Westerhoff
Redakteur
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2055

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