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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Goldenstedter Züchter Bangt Um Existenz: Nur an furchtlosen Eseln kommt der Wolf nicht vorbei

20.11.2015

Goldenstedt /Colnrade Die Hunde rennen aufgeregt herum, die Esel schauen neugierig, die Schafe interessiert es nicht. Der Geländewagen von Tino Barth schlingert über einen matschigen Feldweg zu den Weiden hinter dem Dörfchen Einen.

Tagelanger Regen hat den Boden aufgeweicht. Die Hunte, die hier die Kreise Vechta und Oldenburg trennt, ist randvoll. Auf den Wiesen drückt Grundwasser nach oben. Der Elektrozaun, der die Schafe vor Wolfsangriffen schützen soll, ist unterspült. Tino Barth schaut besorgt. „Das muss ich heute noch umbauen.“ Viel Zeit bleibt nicht, es dämmert bereits.

Schafzüchter Barth kann sich keinen dritten Wolfsangriff leisten. „Wenn das so weitergeht, dann können wir schließen“, sagt der 46-Jährige aus dem Nachbardorf Rüssen (Kreis Diepholz).

Zwei Angriffe

Rund 200 Schafe hält Barth auf den Flusswiesen, die zur Gemeinde Goldenstedt (Kreis Vechta) gehören, wertvolle Mutterschafe und Zuchtböcke. Zweimal hat die junge Wölfin, die durch die Region streift, hier zugeschlagen. Anfang Oktober riss sie neun Schafe und wurde durch einen DNA-Test überführt. Auch der Angriff Ende Oktober dürfte auf das Konto der Wölfin gehen. Bilanz: ein Schaf gerissen, drei so schwer verletzt, dass sie eingeschläfert werden müssen.

„Goldenstedter Problemwolf“, sagen viele. „Goldenstedter Moorbestie“, sagt Tino Barth. Dabei hat der erfahrene Schäfermeister in den vergangenen Monaten aufgerüstet, die Zäune immer höher gezogen, bis auf 1,60 Meter, die Stromspannung erhöht, bis auf 8000 Volt. Die Wölfin interessiert das offensichtlich herzlich wenig. Sie springt und gräbt und springt – bis sie bei den Schafen ist. Nur an den drei Eseln, die rund 50 Moorschnucken und Fleischschafe bewachen, ist das Raubtier bisher nicht vorbeigekommen.

Deutliche Hinweise: Wolf wieder im Landkreis Vechta unterwegs

Blutbad in Goldenstedt: War es der Problem-Wolf?

Angler haben das Spektakel beobachtet, in der Morgendämmerung. Ein Wolf rennt am Zaun entlang, die Esel laut schreiend auf der anderen Seite. Zähne fletschend und bereit, den Feind mit kräftigen Bissen zu traktieren oder mit den Hinterbeinen zu treten.

Die Schafzüchter sind in heller Aufregung, seit sich die Wölfe in Niedersachsen wieder ausbreiten. Die Zahl der Nutztierrisse ist innerhalb eines Jahres dramatisch angestiegen. Letzte Woche haben sie vor dem Landtag demonstriert, um auf ihre Notlage aufmerksam zu machen. „Wölfe zerstören unsere Zukunft“, stand auf einem Plakat. „Wir fordern die sofortige Entnahme des im Raum Goldenstedt auf Nutztiere spezialisierten Wolfes“, hieß es.

Tino Barth streichelt einen der Hausesel, der Riesenesel hält scheu etwas Abstand. Molly, Zora und Gretchen haben ihren Job bisher gut gemacht. Wenn der Wolf nachts kommt, oder ein anderer Räuber, brüllen sie das ganze Flusstal zusammen. „120 Dezibel“, sagt Tino Barth und lacht. Er wohnt zu weit weg, aber ein befreundeter Rinderhalter aus Einen ruft an. Auch der hat Angst um seine Tiere. Man hilft sich gegen den Wolf. Tino Barth hat Angst, dass aus der Wölfin ein Rudel wird. Nach dem jüngsten Angriff auf eine große Herde im Kreis Diepholz sollen zwei Wölfe gesehen worden sein.

„Wenn die sich verpaart und ihre Fähigkeiten weitergibt, dann haben wir verloren“, sagt Barth. Dann könne es keine Weidehaltung mehr geben. Dann helfen auch die Kampfesel nicht mehr. „Der Esel stellt sich, tritt aus und ist das erste Tier, das stirbt.“

Tino Barth will, das der Wolf endlich verschwindet. Er ist sauer auf Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne), fühlt sich allein gelassen von der Politik. Dabei leisteten die Schäfer mit der Bewirtschaftung von Kleinbiotopen einen wichtigen Beitrag für den Naturschutz.

Drei Jahre Ausbildung

„Wir halten uns an alle Sicherheitsvorgaben, machen alles, was gefordert wird.“ 20 000 Euro habe er dafür ausgegeben. Auch die beiden Pyrenäenberghunde waren teuer. Drei Jahre Ausbildung in Herdenschutz, das kostet. Sie bewachen 50 Schafe eine Wiese weiter, der Kirchturm von Colnrade (Kreis Oldenburg) im Hintergrund.

Die Schafe halten Abstand zu den Hunden, sehen sie noch als Bedrohung. Schlechte Erfahrungen. Auch Esel und Hunde beäugen sich skeptisch aus der Entfernung.

Minister Wenzel hat vergangene Woche im Landtag in Hannover gesagt, dass zumeist ungeschützte Schafe von Wölfen gerissen werden – und auch weniger als öffentlich behauptet. Der Minister will dem Wolf einen Sender verpassen, ihn überwachen. „Eine Entnahme ist im Artenschutzrecht das letzte Mittel zur Problemlösung. Sie ist nur zulässig, wenn es dazu keine Alternativen gibt“, stellt er klar.

Tino Barth hält die offiziellen Zahlen über Wolfsrisse in Niedersachsen für geschönt. Danach hätte die Wölfin innerhalb eines Jahres 31 Schafe in den Kreisen Vechta und Diepholz getötet. „Blödsinn“, sagt Barth. Alleine bei ihm seien es 13 gewesen. Die eingeschläferten Schafe würden nicht mitgezählt. Er hält die Zahl 140 für realistischer.

Hilfe erhofft sich Barth jetzt von Frank Faß, Leiter des Wolfscenters Dörverden. Der will die Akzeptanz der Tierhalter beim Thema Wolf nicht gefährden und hält auch die Tötung für eine Option. Doch erst mal wollen Barth und Faß in diesen Tagen neue Zäune an der Hunte aufstellen, noch besser, noch wolfssicherer.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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