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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Emssperrwerk ist immer einsatzbereit

21.08.2019

Gandersum Tapp, tapp, tapp – in dem Betriebstunnel unter dem Emssperrwerk im ostfriesischen Gandersum hört man jeden Schritt. Es hallt in dem weiß gestrichenen Betonbauwerk, es ist kühl, und es riecht ein bisschen feucht. Genau auf der Mitte sorgt ein buntes Bild im Comic-Stil für Abwechslung: „Moin, leeve Lü“, lächelt ein fröhlicher Wattwurm den Nutzern des Tunnels entgegen. „Den hat uns der Maler gemalt, als er das letzte Mal hier gestrichen hat“, erzählt Armin Heine. Der 33-Jährige ist seit 2016 Betriebsleiter des Emssperrwerks.

Wie oft Weert Janssen-Zimmermann schon den fröhlichen Wattwurm in einer Tiefe von mehr als sieben Metern unter Normalnull gesehen hat, weiß er nicht. Der Ostfriese ist Sperrwerksmeister auf dem Emssperrwerk. Seit 19 Jahren ist er auf der Anlage, mit deren Bau 1998 begonnen wurde und die 2002 in Betrieb ging. „Als die ersten technischen Anlagen eingebaut wurden, sind ich und mein Kollege dazugekommen“, sagt der 55-Jährige und setzt bedächtig hinzu: „Man kennt sich schon relativ gut aus.“

Doppelte Funktion

Das Emssperrwerk ist ein gewaltiges Bauwerk. Es erstreckt sich in der Emsmündung zwischen Gandersum und Nendorp auf einer Länge von fast einem halben Kilometer – 476 Meter sind es genau. Es soll der Meyer Werft die Überführung ihrer Kreuzfahrtschiffe über die Ems erlauben und die Region vor Sturmfluten schützen. Es diene sowohl dem Küstenschutz als auch dem Erhalt der Wirtschaftskraft, sagt Heine.

Insgesamt hat das Emssperrwerk sieben voneinander getrennte Öffnungen. Die wichtigste davon ist die 60 Meter breite Hauptschifffahrtsöffnung. Daneben befindet sich die 50 Meter breite Binnenschifffahrtsöffnung. Durch diese beiden Portale fahren Schiffe Richtung Binnenland und Richtung Nordsee. 12 000 Schiffe passieren das Bauwerk pro Jahr. „Daran sieht man, dass wir nicht nur für die Meyer Werft da sind“, sagt Heinen.

Das Bauwerk steckt voller Technik. So sind in den Pfeilern riesige Elektropumpen, die bis zu 100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde fördern können. Mit ihnen wird – wenn nötig – der Wasserstand in der Ems angehoben, wenn die Meyer Werft ihre Schiffe überführen muss und das natürliche Hochwasser nicht ausreicht.

Aber auch die Tore, die die Ems im Fall einer Sturmflut und einer Aufstauung absperren, sind in den Pfeilerbauwerken verankert. Die beiden Schifffahrtsöffnungen sind mit Drehsegmenttoren ausgestattet – eine Technik, die vom Themsesperrwerk vor London stammt. Gewaltige Hydraulikzylinder drehen die tonnenschweren Sperren vom Untergrund in die Vertikale und verschließen so den Wasserstrom.

Janssen-Zimmermann und seine Kollegen müssen dafür sorgen, dass diese Technik zuverlässig funktioniert, wenn sie gebraucht wird. Jeden Tag müssen sie auf elektrische Relais und Hydraulikventile achten. Einmal im Monat werden die Tore, die nicht in der Hauptschifffahrtsrinne liegen, Probe gefahren, einmal im Vierteljahr auch die Hauptschifffahrtsöffnung.

Das Bauwerk soll Schifffahrt und Natur so wenig wie möglich beeinträchtigen, daher werden die Schifffahrtsöffnungen so selten wie möglich geschlossen. Ab und zu müssen sie aber betätigt werden, damit sie im Ernstfall funktionieren. „Wenn die Anlage nicht geht, wäre das im Sturmflutfall schlimm“, sagt Heine.

16 Sturmfluten seit 2002

Als das Sperrwerk geplant wurde, sei man von der Annahme ausgegangen, dass es alle zwei Jahre eine Sturmflut geben werde. „Inzwischen haben wir seit 2002 16 Sturmfluten gehabt – also deutlich mehr als mal gedacht war“, sagt Heine. Das Sperrwerk gehörte zu den umstrittensten Bauvorhaben Niedersachsens. Ein vom Verwaltungsgericht Oldenburg verhängter Baustopp verzögerte die Bauarbeiten um elf Monate, nachdem Umweltschützer geklagt hatten. Erst 2006 endeten die juristischen Auseinandersetzungen mit einem Vergleich am Bundesverwaltungsgericht.

Kritiker verstummten

Ihre jahrzehntelange Forderung, die Meyer Werft solle ihren Standort verlagern, haben die großen Umweltverbände WWF, Nabu und BUND inzwischen aufgegeben. Stattdessen kam 2015 der Masterplan Ems, auf den sich die Landes- und Bundesregierung, Naturschutzverbände, Landkreise, Stadt Emden und die Werft geeinigt hatten. Er soll die Wasserqualität der Ems verbessern und das Schlickproblem lösen.

Und hier kommt wieder das Sperrwerk ins Spiel – es soll zur flexiblen Tidesteuerung genutzt werden. Das Problem: Mit jeder Flut wird mehr Schlick in die Ems gedrückt als bei Ebbe wieder herausfließt. Das Flussbett verschlickt und muss aufwendig freigebaggert werden. Das Sperrwerk soll nun dazu dienen, den Tidestrom bei Flut abzuschwächen, indem es bei Flut eine Zeit lang geschlossen wird. Starttermin ist 2022. Bund und Land hatten sich jüngst darauf geeinigt, die Baukosten von 30 bis 40 Millionen Euro untereinander zu teilen.

Die Aktiven der örtlichen Bürgerinitiative „Rettet die Ems“ sehen diese Pläne kritisch. Es gebe keinen Beweis, dass die flexible Tidesteuerung tatsächlich die Verschlickung verringere, sagt Hajo Rutenberg als Sprecher der Bürgerinitiative. Aus seiner Sicht sei das Ausbaggern des Flusses für die Überführung der Kreuzfahrtschiffe die Ursache der Verschlickung: „Die öffentliche Hand wird sehr viel Geld ausgeben, ohne dass man weiß, ob es funktioniert.“

Bei den großen Umweltverbänden Nabu, BUND und WWF setzen die Experten hingegen sehr wohl auf die flexible Tidesteuerung. „Es gibt zwar noch viele Fragen, aber wir sehen im Moment keine weiteren Möglichkeiten, etwas gegen die Verschlickung zu tun“, sagt Elke Meier, Fachbereichsleiterin Naturschutz beim Nabu Niedersachsen.

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