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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Geplatzte Träume am laufenden Band

15.11.2014

Oldenburger Münsterland Warum sie nach Deutschland gekommen sind? Die beiden Frauen lachen. „Weil wir ein besseres Leben gesucht haben“, sagt Izabela Siawrys (32) aus Breslau. „So wie alle, die herkommen“, sagt Agata Wozniak (28) aus Warschau.

Die studierte Verwaltungsfachkraft Izabela kam mit ihrem Freund; ein Bekannter aus Polen hatte ihnen einen Job in einem Fleischverarbeitungsbetrieb in Essen/Oldenburg vermittelt. Die sonst üblichen 150 Euro Provision mussten die beiden nicht bezahlen, „weil es ja ein Freundschaftsdienst war“. Izabela unterschrieb einen Arbeitsvertrag, befristet auf sechs Monate; der Stundenlohn betrug sieben Euro.

Die Kosmetikerin Agata kam mit ihrem Mann nach Essen/Oldenburg; sie wollten sich auf eigene Faust einen Job suchen. Sie gingen von Fabrik zu Fabrik und fragten nach Arbeit. Der Pförtner eines Schlachthofs schickte sie zu einem Personaldienstleister nach Cloppenburg. Sie unterschrieben einen Vertrag, der Vermittler („das war kein Deutscher“) nannte ihnen einen Termin, wann sie sich bei dem Schlachthof einzufinden hatten.

„Wie die Roboter“

AGATA: Da war keiner, der uns etwas erklärte. Ich bin einfach den anderen Menschen gefolgt. Die Menschen gingen wie Roboter, sie sprachen nicht miteinander. In der Umkleide habe ich dann die anderen Frauen gefragt: Wo kriege ich das her? Wo dies? Ich bekam so einen Ritterhandschuh aus Metall. Dann gaben sie mir einen Träger mit Messern. Ich war schockiert – ich meine: Ich bin Kosmetikerin! Am Fließband habe ich mich zu den Frauen gestellt, die ebenfalls so einen Ritterhandschuh hatten. Auf einmal wurden ganz viele Kisten geliefert, die Frauen nahmen Fleisch heraus und schnitten mit den Messern schmutzige Stellen ab. Das habe ich dann auch gemacht.

IZABELA: Ich stand am Fleißband vor einer Maschine, aus der ich mit beiden Händen Schweinefleisch rausholen und in Folie packen musste. Da war ein Vorarbeiter, der die Leute schikaniert hat; mich hat er zweimal rausgeschmissen, weil ich Widerworte gegeben habe. (Sie lacht und spricht Deutsch:) „Ruhe! Was los?“ Das habe ich von ihm gelernt. Wir mussten immer um 13 Uhr anfangen und normalerweise bis 22 Uhr arbeiten, aber oft wurde es später. Bis 200 Stunden im Monat war alles in Ordnung, was darüber lag, sollte auf ein Zeitkonto gehen. Diese Überstunden habe ich bis heute nicht bezahlt bekommen.

AGATA: Ich musste um 16 Uhr anfangen und bis zum Ende bleiben: bis 24 Uhr, 1, 2, oder 3 Uhr. Die Arbeit war hart, wir mussten auch schwere Kisten heben und an andere Frauen weitergeben. Manche Menschen da waren wie Zombies. Die Arbeit hat mir nicht gefallen, aber ich habe mich nicht beklagt – ich war ja nach Deutschland gekommen, um zu arbeiten. Ich wollte Geld verdienen.

IZABELA: Mein Freund und ich wollten sparen, aber wir hatten keine Ahnung von dem System in Deutschland. Andere Polen bei der Arbeit haben uns gesagt, wir müssten zu einer dieser Vermögensberatungen in Cloppenburg gehen. Da gab es ein polnisches Paar, das uns erzählte, zu den Hauptkunden der Vermögensberatung gehöre Michael Schumacher, der Rennfahrer. Das Ehepaar sagte: „Wie könnt ihr nur so unversichert sein, wir kümmern uns um alles!“ Die haben eine Menge Versicherungen für uns abgeschlossen, mein Freund und ich zahlten jeder 100 Euro im Monat dafür. Später hörten wir, dass das Betrüger waren. Von unserem Konto verschwanden plötzlich Geldbeträge, wir mussten zur Polizei gehen. Wir haben noch Glück gehabt: Andere Menschen in der Firma hatten bei denen Versicherungen für 400 Euro abgeschlossen!

AGATA: Wir sollten einen Stundenlohn von 8,50 Euro bekommen – aber wir bekamen gar nichts. Der Personaldienstleister hat einfach nicht gezahlt. Als wir nachfragten, sagten sie: „Das Fleisch wurde ausgeliefert, aber es wurde noch nicht bezahlt.“ Wir hatten nichts zu essen, wir sind hungrig zur Arbeit gegangen. Wir sind zu denen nach Cloppenburg gefahren und haben gebettelt: Wir haben Hunger! Einmal haben wir 400 Euro in bar bekommen. Danach haben sie die Tür nicht mehr aufgemacht. Wir mussten aus dem Zimmer ausziehen, in dem wir wohnten, weil wir die Miete nicht bezahlen konnten.

IZABELA: Wir mussten uns zu dritt ein Zimmer teilen, in einem Haus mit 19 Polen. Ich habe mich so geschämt. Erst haben wir noch gescherzt: Kakerlaken gibt es hier jedenfalls nicht, die wurden von den Mäusen gefressen. Wir haben es uns so hübsch wie möglich gemacht. Das war aber kein Leben: mittags zur Arbeit, nachts nach Hause, morgens vielleicht ein bisschen Sport, sonst nichts. Jeden Abend tranken die Männer in dem Haus Alkohol. Einmal gingen sie mit Messern aufeinander los. Wenn mein Mann nicht da war, habe ich mich eingeschlossen in dem Zimmer. Wir mussten 75 Euro pro Person für das Zimmer bezahlen. Als russische Vermieter das Haus übernommen haben, sollten wir 200 Euro pro Mann bezahlen.

AGATA: Als wir aus unserem Zimmer mussten, weil wir kein Geld mehr hatten, haben wir immer Bekannte gefragt, ob wir bei ihnen übernachten dürfen. Wir haben auf dem Fußboden geschlafen, immer wieder bei verschiedenen Menschen. Manchmal kannten wir die gar nicht. Ich hatte mich bei der Arbeit verletzt, beim Kistenschleppen habe ich mir einen Leistenbruch zugezogen. Wir hatten keine Wohnung, nichts zu essen, kein Geld für meine Medikamente – ich bin dann wieder nach Cloppenburg zum Büro der Firma gefahren und habe gerufen: Ich will mein Geld haben! Ich habe gearbeitet dafür! Die Fäden von meiner Operation waren noch nicht gezogen. Die Firma hat dann Insolvenz angemeldet. Wir haben einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Geld haben wir bis heute nicht bekommen.

IZABELA: Nach einem halben Jahr habe ich in Essen gekündigt, weil ich zur Schule gehen und Deutsch lernen wollte. Das ging bei den Arbeitszeiten nicht. Ich habe in einem anderen Fleischbetrieb angefangen, diesmal über eine Zeitarbeitsfirma. Der Stundenlohn war sogar ein bisschen höher. Jetzt musste ich um 4 Uhr morgens anfangen. Ich stand neun Stunden auf einem Metallhocker am Fließband und musste Hähnchenkeulen überwachen. Wenn eine Keule nicht in Ordnung war, musste ich die rausnehmen. Es war eiskalt, am Ende des ersten Tages konnte ich meine Hände nicht mehr bewegen. Ich habe das nicht ausgehalten, ich bin psychisch krank geworden. Einen Monat später bekam ich meine Kündigung.

Leben mit Hartz IV

Dank der Vermittlung einer Landsfrau haben beide Frauen mit ihren Partnern inzwischen neue Wohnungen im Kreis Cloppenburg gefunden. Agata Woźzniak heißt in Wirklichkeit nicht Agata Woźzniak; sie sagt, man ihr habe gedroht, sie solle nicht mit Journalisten sprechen. Izabela Siawrys sagt: Mein Name kann ruhig in der Zeitung stehen, es war ja so, wie es war. Fotografieren lassen möchte sie sich aber nicht.

Izabela geht jetzt zur Schule, sie lernt Deutsch. Der Arbeitsagentur hat sie gesagt, sie wolle auf keinen Fall wieder in der Fleischindustrie anfangen. Ihr Freund hat bereits einen neuen Job gefunden, sechs Euro pro Stunde. Izabela erhält Hartz IV. Sie sagt: „Den Traum vom besseren Leben habe ich immer noch.“

Auch Agata hat der Arbeitsagentur gesagt: Ich will arbeiten, aber nie wieder mit Fleisch. Ihr Mann und sie lernen Deutsch, sie leben von Hartz IV. Sie sagt: „In Deutschland gibt es viele Menschen, die sehr gut leben. Ich glaube fest daran, dass ich irgendwann auch so leben kann.“

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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