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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Gesucht wird: Chef mit Nehmerqualitäten

06.05.2017

Oldenburg Es läuft perfekt, eigentlich.

Die Segler sind erfolgreich, sie nehmen an den Olympischen Spielen teil, sie gewinnen sogar eine Bronzemedaille. Und der Sponsor fährt jedes Rennen mit: Auf den Booten, auf den Segeln, auf den Neoprenanzügen, überall prangt sein Logo – EWE.

Eine Viertelmillion Euro pro Jahr lässt sich der Energieversorger das „EWE Sailing-Team“ zuletzt kosten. Alles passt: Steht Segeln nicht für Küste, Offshore, Windkraft – wie EWE?

Und doch, nur tröpfchenweise sickern die Segelerfolge nach außen. „Lass uns den Ball lieber flach halten“, heißt es in der Presseabteilung immer wieder, wenn die Sportler einen internationalen Sieg eingefahren haben. Denn Segeln: Steht das nicht vor allem für Exklusivität, Luxus, Jetset – also für all das, was ein regionaler Allround-Versorger auf keinen Fall sein will?

Eine knappe Pressemitteilung als Nachruf auf „rund 15 erfolgreiche Jahre“, dann ist Schluss. Als die EWE zum Jahreswechsel 2016/17 das Ende des EWE-Sailing-Teams bekannt gibt, atmen viele Mitarbeiter auf. Einer spottet: „Die größte Leistung aller Beteiligten war es, 15 Jahre lang geheim zu halten, dass die EWE ein Sailing-Team hat.“

Kapitel 2: Boxen, international

Rotgoldener Teppich, festlich gedeckte Tafeln, Abendkleider, Schmuck: Am 25. März 2016 feiert Kiew, Ukraine, eine glanzvolle Gala. Wladimir Klitschko, Ex-Boxweltmeister und Bruder des Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko, hat Geburtstag, er wird 40. An einem der runden Tische sitzt, begleitet von seiner Ehefrau, ein Gast aus Oldenburg: EWE-Chef Matthias Brückmann, angereist auf Firmenkosten. Brückmann ist nach eigenen Angaben ein alter Freund von Klitschko. Klitschko, Werbeikone, Unternehmer, Millionär, verzichtet an diesem Tag auf Geburtstagsgeschenke. Er wünscht sich stattdessen Spenden für die Klitschko-Foundation, eine Stiftung für benachteiligte Kinder.

Die betuchten Gäste spenden großzügig. Als die Spendensumme die 2,5-Millionen-Dollar-Grenze überschreitet, hat der Gast aus Oldenburg seinen großen Auftritt: Matthias Brückmann verkündet, dass EWE die Summe auf drei Millionen aufrunden wird, er sagt Klischko eine Spende von umgerechnet 253.000 Euro zu.

Lesen Sie hier alle Artikel zur Klitschko-Affäre im Spezial

In Oldenburg spricht Brückmann später von einem Coup. Er habe Klitschko für PR-Aktivitäten gewinnen können, berichtet er; der Boxer werde noch 2016 für Termine nach Oldenburg kommen. In kleiner Runde nennt Brückmann die 253.000 Euro als Gegenleistung ein „Schnäppchen“. Spende, Sponsoring, die Begriffe vermengt er großzügig.

Aber Klitschko kommt nicht. Schlimmer noch: Als die Geschichte bekannt wird, gerät Brückmann unter Druck. Journalisten decken auf, dass Brückmann nur einen Monat vor der Kiew-Reise dem EWE-Aufsichtsrat eine neue Spendenregelung vorgestellt hatte: Demnach darf der EWE-Chef künftig nur noch über Spendensummen von bis zu 50.000 Euro verfügen und nicht mehr, wie zuvor, von bis zu 500 000 Euro.

Später wird Brückmann darauf verweisen, dass die neue Spendenregelung erst zum 1. Juni 2016 in Kraft trat, also nach der Kiew-Reise. Die rechtliche Bewertung werden nun Juristen vornehmen müssen.

Das moralische Urteil fällten aber andere. Am 22. Februar 2017, elf Monate nach der Gala in Kiew, entlässt der EWE-Aufsichtsrat den Vorstandschef Matthias Brückmann fristlos. Die Entscheidung fällt einstimmig, 20:0. Man ist sich einig: Gala, Glamour, Kiew – das passt nicht zu EWE.

   

Kapitel 3: Teamsport, regional

In der EWE-Zentrale an der Oldenburger Tirpitzstraße hängen alte Imageplakate, sie zeigen EWE-Mitarbeiter und darunter die Worte: „von hier“. Matthias Brückmann war keiner „von hier“. Geboren in Heidelberg, erste Vorstandstätigkeiten in Mannheim. Dann kam Oldenburg, ein mehr als doppelt so großes Unternehmen. Bei der EWE sagen sie heute: Am liebsten war er woanders.

In Berlin zum Beispiel, wo EWE eine Dependance hat. Brückmann gilt als Mann, der feine Hotels schätzt. Edle Getränke. Schicke Autos. Teure Uhren. In Oldenburg bezieht er eine Villa im exklusiven Dobbenviertel. Exklusiv sind auch seine Freunde: Wladimir Klitschko, Veronica Ferres, Carsten Maschmeyer.

Das „von hier“ der EWE-Plakate – es steht nicht einfach für einen Standort. Es ist vor allem: ein Standpunkt.

Die EWE hat fast 9000 Mitarbeiter, der Umsatz liegt bei knapp acht Milliarden Euro, sie ist Aktiengesellschaft, fünftgrößter Energieversorger Deutschlands und größtes Unternehmen im Nordwesten sowieso. Und trotzdem ist EWE kein Unternehmen wie die anderen. Gegründet wurde es mit dem Auftrag, „für die Menschen in der Region Dienstleistungen so gut wie möglich und so günstig wie möglich zu erbringen“, wie der Geschäftsführer des EWE-Verbands, Heiner Schönecke, sagt. 84 Prozent der EWE-Anteile gehören den Städten und Landkreisen, weitere zehn Prozent EWE selbst und damit auch wieder den Anteilseignern.

Auch die EWE-Kunden sind „von hier“. Gas, Strom, Wasser, Telefon, Internet – es gibt kaum jemanden in der Region, der noch nie mit EWE zu tun hatte. Selbst nach der Liberalisierung des Energiemarktes ist es schwierig, Berührungen mit dem Unternehmen zu vermeiden.

Wenn die Menschen von hier das Gefühl haben, bei EWE wird liederlich mit Geld umgegangen, schreiben sie wütende Briefe an die Zeitung. 250.000 Euro für ein Sailing-Team in Rio? 253 000 Euro für einen ukrainischen Boxer? „Das ist doch mein Geld“, schreiben die Menschen. Mein Geld als Kunde. Mein Geld als Anteilseigner, als Bürger dieser Stadt, dieses Landkreises.

Als sich der Energiemarkt öffnete und die Monopole fielen, musste die EWE um Kunden werben. Unternehmen können dafür Reklameplakate aufhängen, Zeitungsanzeigen schalten, Fernsehspots drehen. Sie können aber auch: als Sponsor auftreten.

In der Tirpitzstraße kann man in einem Konferenzraum mit „Von hier“-Plakat Nils Brönstrup treffen, bei der EWE zuständig für Sponsoring. Er sagt: „Beim Sponsoring als Kommunikationsinstrument hat auch die Region etwas davon. Dinge entstehen, Freizeitangebote, die Region wird attraktiver gemacht.“ Brönstrup   sagt aber auch: „Beim Sponsoring muss der Gegenwert stimmen.“ Und der sei nicht immer leicht zu messen.

Am einfachsten ist er das bei den EWE Baskets, die ihren Sponsor sogar im Namen tragen. EWE unterstützt das Bundesliga-Team mit rund drei Millionen Euro im Jahr. Dafür fällt jedes Mal, wenn es um die Baskets geht, der Name EWE. Auf jedem Plakat, in jedem Artikel, in jeder Sportsendung ist EWE sichtbar. In der Halle, der EWE-Arena, sitzen 6000 Zuschauer.

Aber ist das drei Millionen Euro wert? Wer Sportvereine sponsert, muss Kritik einstecken können. „Es zerren sehr viele am Sponsoring“, räumt Brönstrup ein.

Immer wieder muss die EWE erklären, warum sie zum Beispiel Frauenhandball mit rund 500.000 Euro im Jahr unterstützt – nicht aber etwa Volleyball oder Tischtennis.

Wenn dann die EWE allerdings – wie vor Kurzem geschehen – erklärt, dass sie die Förderung für die Bundesliga-Damen des VfL Oldenburg langsam zurückfahren will, gibt es umgekehrt einen Aufschrei der Empörung. Auf unter 100.000 Euro soll die Summe sinken. „Wir bleiben größter Unterstützer“, heißt es bei EWE. Und trotzdem sprechen einige Leute im Haus bereits von einer „Imagekatastrophe“. Sponsoring ist ein Marketinginstrument mit Tücken: Schnell kann der Schaden größer sein als der Gewinn.

Wer entscheidet also, warum Handballerinnen gesponsert werden und keine Volleyballer? Ein Sailing-Team, ein Boxer-Auftritt?

Das Segel-Engagement sei über die Jahre so gewachsen, heißt es bei EWE. Es gilt aber als offenes Geheimnis, dass es vor allem der alte Vorstandschef Werner Brinker war, der einen Narren an den Seglern gefressen hatte. Er mochte die Typen, er mochte das jährliche Treffen auf der Insel Juist.

Als Brückmann 2015 den Chefsessel übernahm, wollte er vieles ändern. Er verordnete einen Sparkurs, und er wollte das Spenden- und Sponsoring-Geflecht entwirren. Die Kommunikationsabteilung stellte alle Verträge auf den Prüfstand: Was ist unsere Leistung, und was ist die Gegenleistung? So kam es zu den drastischen Kürzungen beim VfL, so kam es zum Untergang des EWE-Sailing-Teams.

Brückmann war bereit, den Kopf für unpopuläre Schritte hinzuhalten. Er wollte Veränderung, er forderte Transparenz. Sponsoring: nur mit schriftlichem Vertrag, in dem die Gegenleistung fixiert ist. Spenden: „dürfen einfach nicht nach dem Gutdünken von Einzelpersonen vergeben werden“.

Dann kam Kiew. Und im Schlepptau zog der Skandal weitere Skandälchen mit sich. Der EWE-Chef soll Mannheimer Freunde auf Firmenkosten nach Oldenburg eingeladen haben. Er soll Aufträge an Bekannte vergeben haben. Im Konzern sagen sie heute: Er hat Wasser gepredigt und Wein getrunken.

Mein Geld? Mein Unternehmen?

So soll Brückmann einem Oldenburger Bekannten eigenmächtig den Auftrag für einen EWE-Imagefilm zugesagt haben, Festpreis: 250.000 Euro (offenbar eine magische Zahl bei der EWE). Trotz Hinweisen aus den Fachabteilungen gab es keine Ausschreibung, auch keine Preisverhandlung.

Nur wenige Monate später verteidigt derselbe Brückmann den Rauswurf von Mitarbeitern aus Gesellschaften der Türkei-Gruppe der EWE, die angeblich der regierungskritischen Gülen-Bewegung angehören, mit folgenden Worten: EWE habe sich nicht von den Mitarbeitern getrennt, weil sie der Gülen-Bewegung angehörten – sondern weil sie bei Einstellungen, Beförderungen und der Auswahl von Lieferanten Mitarbeiter bevorzugt hätten, die zur Gülen-Bewegung gehörten. Brückmann nennt es „für EWE inakzeptabel, wenn Personal- und Einkaufsentscheidungen von persönlichen Beziehungen zu Bewerbern oder Dienstleistern beeinflusst werden“.

Meine Regeln, deine Regeln?

Brückmann hat nicht einfach nur die Latte gerissen, die er selbst gehängt hatte. Nach seinem Rauswurf ging er ohne Zögern in eine öffentliche Schlammschlacht mit der EWE. Mögliche Folgen für das Unternehmen, für die Region schienen ihm egal. Er war ja keiner „von hier“: EWE-Chef war für ihn ein Job, kein Standpunkt.

Kapitel 4: Endspiel national

Wer könnte Brückmann nun nachfolgen? „Von hier“ bedeutet natürlich nicht, dass der Nachfolger aus der Region stammen muss. Unternehmen brauchen frischen Wind, neues Blut, unbekannte Blickwinkel. „Von hier“, das kann man lernen – indem man den Kunden zuhört, den Mitarbeitern, den Anteilseignern, vertreten durch die Politiker im Aufsichtsrat und in den Verbandsorganen.

„Etwas weniger Kiew, dafür mehr Friesoythe“ – das hat der EWE-Verband als künftigen Kurs der EWE ausgegeben. Der Verband, das sind immerhin die Eigentümer des Unternehmens. Der neue Chef oder die neue Chefin muss national können und international auch – aber er soll dabei regional denken und fühlen.

Die EWE ist das größte und wichtigste Unternehmen der Region. Ihr Vorstandschef ist der wichtigste Manager der Region, vermutlich auch der bestbezahlte. Aber er muss verstehen, dass die Menschen „von hier“ ihn als ihren Angestellten ansehen – als Manager, der ihr Geld dafür einsetzt, dass sie sich möglichst gut und günstig versorgt fühlen können.

Dieser Text ist eine Leseprobe aus der aktuellen Ausgabe von „Die Wirtschaft – Oldenburger Land“. Alle zwei Monate liefert das Magazin auf 32 Seiten hintergründigen Journalismus aus der regionalen Wirtschaft. Weitere Informationen finden Sie hier.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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