NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Projekt Im Landkreis Cloppenburg: Auf diesem Bauernhof gibt es keine Geheimnisse

31.05.2017

Bösel /Garrel Wer bei Familie Hempen, Ginsterstraße 42 in Bösel, etwas über moderne Landwirtschaft erfahren will, muss sich an die Regeln halten.

Regel Nummer 2 lautet: Beachten Sie bitte die Vorschriften, Paragraf 6, Schweinehaltungshygieneverordnung.

Das bedeutet: Jeder Besucher muss durch die Schleuse. Er muss sich ausziehen, duschen, Einwegunterwäsche anziehen, Poloshirt, Latzhose und grüne Gummischuhe. Dann darf er weitergehen bis zum Schild „Hygienezone mit wertvollem Tierbestand“, wo er die grünen Gummischuhe wieder auszieht und blaue Gummischuhe anzieht. Er muss sich noch einmal die Hände desinfizieren, dann darf er rein zum Schwein.

Früher galten landläufig Schweine als schmutzig, heute sind es die Menschen.

Doch zuerst greift Regel Nummer 1: Niemand geht hier hungrig in den Stall! „Greifen Sie zu“, ruft fröhlich Sabine Hempen, 52 Jahre alt, gelernte Krankenschwester, seit 31 Jahren auf dem Hempenhof. Es gibt: Dinkelbrot und Quarkstuten (selbstgebacken), Erdbeermarmelade und Mehrfruchtgelee (selbsteingekocht), Salami und Schinken (von Combi, was für die Hempens so ähnlich ist wie selbstgemacht, weil Combi von der Goldschmaus-Gruppe beliefert wird und die Goldschmaus-Gruppe vom Hempenhof).

Regel Nummer 2 zeigt: Die Landwirtschaft hat sich verändert. Regel Nummer 1 beweist aber: Sie ist jedenfalls noch da, zum Glück; sonst hätten wir ja nichts zu essen.

Mit ihren Veränderungen ist die Landwirtschaft immer unsichtbarer geworden. Rund 280 000 Betriebe gibt es noch in Deutschland, nur noch ein Viertel der Zahl von 1970. Jeder dieser Landwirte erzeugt heute Lebensmittel für 145 Menschen; 1970 arbeitete ein Landwirt noch für 27 Menschen. Die Betriebe sind seltener geworden und verschlossener; es ist schwierig geworden, sie bei ihren Veränderungen zu beobachten.

Auch der Hempenhof liegt in Bösel am Ortsrand und der Schweinestall liegt hinter einem hohen Zaun. „Aber wir möchten den Leuten zeigen, dass wir nichts zu verstecken haben“, sagt Sabine Hempen. Viele Menschen denken nämlich genau das: dass moderne Landwirte etwas zu verbergen haben, dass hinter ihren Stallmauern Schlimmes vorgeht.

Eine neue Sicht?

Neben dem Hempenhaus steht deshalb jetzt ein modernes Besucherzentrum, draußen Klinker, drinnen Holz und ein großer Tisch für Regel Nummer 1. Der Hempenhof ist einer von drei Höfen, die beim neuen Projekt „Transparente Landwirtschaft“ mitmachen. Transparente Landwirtschaft, so steht es vorn an der Ginsterstraße auf einem Schild, soll „eine neue Sicht auf die deutsche Landwirtschaft“ ermöglichen.

Initiiert hat das Projekt die Goldschmaus-Gruppe aus Garrel, eine Erzeugergemeinschaft, die zu 52 Prozent den rund 400 Mitgliedslandwirten gehört. Zur Goldschmaus-Gruppe gehört der Schlachthof „Böseler Goldschmaus“, eines der größten Schlachthäuser Deutschlands; 1,6 Millionen Schweine werden hier jährlich zerlegt.

Goldschmaus hat eine hohe sechsstellige Summe in das Projekt investiert. Im Besucherzentrum auf dem Hempenhof sitzen auch die Goldschmaus-Vertreter Dr. Gerald Otto (42) und Ralf Martens (49) am Regel-Nummer-1-Tisch. „Vor 50 Jahren“, sagt Martens gerade, „gab es noch viel mehr Landwirte, die abends berichteten, was da so los war im Stall.“ (In Zahlen: Mehr als vier Millionen Betriebe waren es damals.) „Dann“, so Martens weiter, „ist ein Loch entstanden, ein Loch im Informationsfluss.“

Aber warum will ausgerechnet Goldschmaus das Loch stopfen, zu einem so hohen Preis? „Der gesellschaftliche Rückhalt ist eine ökonomische Notwendigkeit für uns“, sagt Gerald Otto. „Aber vor allem: Wir müssen wir die Landwirte bei der Stange halten, ohne sie geht es nicht.“

Dann also los jetzt: Regel Nummer 2. Duschen, Umziehen, Schweinestall.

Sabine Hempen zeigt den Abferkelstall, erklärt den Kastenstand („Wir wollen die Ferkel schützen, so eine Sau wiegt 250 Kilo und mehr“), die Fütterungsanlage, das Beschäftigungsmaterial für die Tiere. Martens spricht die „schwierigen Themen“ an, wie er sagt: Kastration, Nottötung kranker Ferkel, Kupieren von Ringelschwänzen. Alle Fragen sind erlaubt, sagt er.

Also gut: Warum müssen die männlichen Ferkel kastriert werden?

Martens holt das Eberspray, sprüht es auf ein Tuch und hält es allen Stallbesuchern unter die Nase. Zwei zucken zurück, vier bleiben ungerührt. „So riecht und schmeckt dann auch das Eberfleisch“, sagt Martens. „30 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer können das riechen. Unverkäuflich.“

Nebenan, im Wartestall, dann eine Überraschung: Blutflecken auf dem Stallboden. „Davor hatten wir zuerst Angst“, sagt Martens: „Würde so etwas alles kaputt machen?“ Sabine Hempen winkt ab: „Da wird sich ein Schwein am Fuß verletzt haben, vielleicht beim Spielen oder beim Beißen. Oder es hat sich die Kralle abgebrochen, da hilft dann Blauspray. Wir suchen das Schwein jetzt, und dann wird es behandelt. Wie ein Mensch auch.“

Nächste Frage: Wie halten Sie es mit Antibiotika?

„So wenig wie möglich“, sagt Hempen. Sie sagt aber auch: „Bösel hat 7500 Einwohner und vier Ärzte. Wir haben 7000 Schweine. Da wird auch mal eines krank und muss behandelt werden.“

Zeit und Geld

Wer vom Hempenhof fünf Kilometer weiter Richtung Garrel fährt, kommt irgendwann zum Hatkehof: Bösel, Aumühlen 4. Wieder ein Besucherzentrum, diesmal oben, es gibt: Käsehappen, Erdbeermilch, Buttermilchshakes; Regel Nummer 1. „Guten Appetit“, sagt Anne Hatke, 59 Jahre alt. Auf dem Hatkehof gibt es ebenfalls eine Hygieneschleuse, weil es auch einen Schweinestall gibt, vor allem aber gibt es Milchkühe. Kühe sind unkomplizierter, man darf sie ungeduscht besuchen.

Josef Hatke, 61 Jahre alt, zeigt den Offenstall, die Kälber-Iglus. Die häufigste Frage? „Warum haben die Kälber so große Ohrmarken?“, sagt Hatke. Er lacht, einfache Antwort: „Die Kälber wachsen, die Ohrmarken nicht. Irgendwann passt’s.“ Er erklärt den Melkstand: Doppelzwölfer, Fischgräten-System, soll heißen: Wie Fischgräten reihen sich dort 24 Kühe auf. Wenn sie sich denn aufreihen: Wer Hatke beim Melken zuschauen will, muss früh aufstehen.

Er zeigt auch die Laufställe, den alten und den neuen: heller, mehr Platz. Es gibt immer etwas zu verbessern, aber das braucht Zeit und kostet Geld. „Wir wollen den Leuten die Augen öffnen“, sagt Josef Hatke. „Wir sind überzeugt, dass wir gute Lebensmittel herstellen“, sagt Anne Hatke, seine Frau. „Das wollen wir den Leuten vermitteln.“

Bring- und Holschuld

Kann das funktionieren?

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Die Hempens, die Hatkes, Ralf Martens, Gerald Otto, alle zucken mit die Schultern. Aber zwei Dinge vermittelt das Projekt „Transparente Landwirtschaft“ auf jeden Fall. Erstens: Landwirtschaft ist nicht einfach eine Industrie oder gar ein System. Es sind Menschen, die von den Höfen leben, Familien: Sabine Hempen, ihr Mann Alfred, Sohn Tobias, Freundin Karen. Anne und Josef Hatke, Sohn Bernd, Freundin Simone, Enkel Anton. Menschen, die sagen: „Unsere Kühe gehören zur Familie.“

Zweitens: Seit Jahren wird von der Landwirtschaft eine Bringschuld eingefordert; die Betriebe sollen transparenter werden, sie sollen auf die veränderten Ansprüche der Gesellschaft eingehen. Die Gesellschaft hat aber auch eine Holschuld: Wer als Verbraucher über Landwirtschaft mitreden will, muss in die Ställe gucken, zum Beispiel auf dem Hempenhof oder auf dem Hatkehof. Er muss dann aber auch ein paar Stunden Zeit mitbringen – er soll ja alle Regeln einhalten können.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2020
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.