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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Halbzeitpause im Beluga-Prozess

14.07.2016

Bremen /Oldenburg Drei Wochen ohne Verhandlungstermin: Das Landgericht Bremen macht Sommerpause im Mammutverfahren gegen den früheren Chef der Bremer Beluga-Reederei, Niels Stolberg, und drei weitere Manager des Unternehmens. Für alle Prozessbeteiligten hat eine Art Halbzeitpause begonnen, die Möglichkeit, beim Pausentee innezuhalten, sich das Zwischenergebnis anzuschauen, eine Bilanz des aktuellen Stands vorzunehmen und sich auf den weiteren Verlauf vorzubereiten.

Für den Hauptangeklagten, den inzwischen in Oldenburg lebenden früheren Vorzeigeunternehmer Stolberg, steht viel auf dem Spiel. Mehrere Jahre Gefängnis drohen ihm, wenn das Gericht die Anklagepunkte bestätigt sieht. Es geht um schwere Vorwürfe: Kreditbetrug, Untreue, Bilanzfälschung und Betrug wirft die Staatsanwaltschaft den Angeklagten vor.

Prozessende im Oktober

Drei Jahre haben die Ermittler alle Vorgänge im Zusammenhang mit dem Beluga-Zusammenbruch durchleuchtet, die elektronischen Prozessunterlagen benötigen einen Datenspeicher von zehn Terabyte, allein die Anklageschrift ist 800 Seiten lang. Seit Januar wird verhandelt, für Oktober ist bislang das Prozessende vorgesehen. Ob die tatsächliche Planung so aufgehen wird, weiß natürlich niemand, denn vor Gericht sind bekanntlich ebenso wie auf hoher See immer Überraschungen möglich.

In die Prozesspause ging der Hauptangeklagte Stolberg ziemlich gelöst. Aus seiner Sicht ist vieles gut gelaufen in den vergangenen Monaten. Einige Anklagepunkte sind nach Meinung seiner Verteidiger regelrecht in sich zusammengebrochen, so dass Stolbergs Anwälte offenbar eine realistische Chance sehen, ihr Hauptziel zu erreichen, nämlich für ihren Mandanten eine Strafe zu erreichen, die zur Bewährung ausgesetzt werden kann.

Der ganze Bereich des Kreditbetruges beim Bau neuer Schiffe kann beispielsweise nach Ansicht der Verteidigung nicht mehr aufrechterhalten werden. Hier geht es um die Frage, dass Stolberg den Banken einen höheren Eigenanteil an der Schiffsbau-Finanzierung vorgetäuscht hatte, indem er sich einen Teil der Werftkosten verdeckt zurückzahlen ließ.

Die Zeugenaussagen beteiligter Bank-Mitarbeiter haben nach Meinung des Stolberg-Lagers deutlich gemacht, dass es den Banken bei der Kreditvergabe nicht wirklich auf die Höhe des Reederei-Eigenanteils angekommen sei. Tatsächlich wurde in dem Prozess deutlich, dass es einen regelrechten Konkurrenzkampf der Banken um den Kunden Stolberg gegeben hat. Entlastet wurde Stolberg auch von einem Hamburger Reeder, der von Beluga nach Ansicht der Anklage um insgesamt zehn Millionen US-Dollar betrogen worden war. Der langjährige Geschäftspartner Stolbergs fühlte sich keineswegs betrogen. Man habe für vier Schiffe einen Kaufpreis ausgehandelt und gleichzeitig festgelegt, zu welchen Bedingungen Beluga die Schiffe anschließend zurückmieten würde.

Die entsprechende Charterrate habe sich an dem Kaufpreis orientiert, so dass es keine Auswirkung gehabt habe, dass Stolberg von der Schiffswerft 2,5 Millionen Dollar pro Schiff als Provision von der chinesischen Bauwerft erhalten habe. Ihm jedenfalls sei keinerlei Schaden durch das Geschäft entstanden.

Untreue widerlegen

In einem weiteren Fall haben Stolbergs Anwälte angekündigt, einen Untreue-Vorwurf schriftlich zu widerlegen. Dabei geht es um einen Privatmann, der sich mit fünf Millionen Euro an der Finanzierung eines Stolberg-Schiffes beteiligt hatte.

Zugegeben haben Stolberg und seine Mitangeklagten von Anfang an, dass dem amerikanischen Investmentfonds Oaktree vor seinem Einstieg in die Reederei geschönte Bilanzzahlen und ein Auftragsbuch mit falschen Zahlen vorgelegt wurden. Andererseits sei Oaktree nach einem eigenen Masterplan vorgegangen, um die vollständige Kontrolle über die wirtschaftlich angeschlagene Beluga-Reederei zu bekommen. Der amerikanische Anlagefonds sei kein argloses Opfer gewesen, sondern habe vorher genau gewusst, in welchen akuten Schwierigkeiten Beluga steckte.

Wie groß die persönliche Belastung für den Reeder Stolberg damals war, wurde jetzt beim letzten Verhandlungstag vor der Sommerpause deutlich. Während seine Verteidiger den Deutschland-Chef von Oaktree befragten, saß nicht der distanziert-ruhige Ex-Reedereichef der vergangenen Monate neben ihnen, sondern ein deutlich angespannter Stolberg, der auch mit seiner Körpersprache zeigte, wie sehr ihn die Vorgänge von damals auch heute noch belasten. Immer wieder tauschte er sich mit seinen Anwälten aus, wenn er sich sichtlich darüber aufregte, wie der Investment-Manager die kritischen Nachfragen der Stolberg-Verteidiger von sich abtropfen ließ.

Zuversichtlich in Pause

Gleichwohl gingen Stolberg und seine Anwälte am Ende zuversichtlich in die Verhandlungspause. Im August werden die Verhandlungen fortgesetzt – unter anderem mit einem nicht öffentlichen Gesprächstermin, bei dem sich die Prozessbeteiligten über den weiteren Verlauf des Verfahrens austauschen wollen. Das Ergebnis dieses Gesprächs könnte erhebliche Auswirkungen auf den Prozess haben. Vielleicht kommt das Ende viel schneller als zunächst gedacht. Da gilt wieder die Spruchweisheit von den Überraschungen auf hoher See und vor Gericht.


Alle Beiträge sehen Sie unter   www.nwzonline.de/beluga-krise 
Jürgen Westerhoff
Redakteur
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2055

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