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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Höchstspannung elektrisiert Anwohner

17.06.2017

Gristede /Kayhauserfeld /Beverbruch /Cappeln Rechts vom Bauernhof kommt die Stromleitung ins Blickfeld, überspannt die Kürbisse, hängt träge überm Rosenkohl, lässt die Erdbeeren links liegen, verschwindet hinter den Feldern zwischen hohen Erlen. „Unter einer Hochspannungsleitung wollen viele Kunden keine Erdbeeren pflücken“, erläutert Landwirt Arnd Eyting (52) die Anordnung der Felder.

Gristede: Arnd Eyting auf seinem Hof.Bild: Seng

Gristede, ein Ortsteil der Gemeinde Wiefelstede, mitten im Ammerland. Auf dem Eytjehof herrscht schon am frühen Morgen reger Betrieb. Obst, Gemüse und Pflanzen gehen über den Ladentisch. Es duftet nach Kräutern.

Sehen Sie hier eine Grafik im PDF-Format zum geplanten Verlauf der Stromtrasse

„Wir haben uns an den Anblick gewöhnt“, sagt Arnd Eyting. Also, den Anblick der Leitung. Die steht ja immerhin seit den 1970ern. Als Eyting noch ein kleiner Junge war. Damals habe sich niemand über den Bau beschwert.

Aber, dass man um die Masten herumackern muss, das stört den Landwirt schon. „Ein großes Problem.“ Und bei feuchtem Wetter gebe es manchmal Entladungen.

Mit der alten 220-Kilovolt-Leitung hat man sich in Gristede arrangiert. Die Bebauung sei mit den Jahren sogar näher an die Trasse herangerückt, erzählt Eyting, der auch Vorsitzender des Ortsvereins ist.

Mit der Planung der neuen 380-Kilovolt–Leitung kann das Dorf wohl erst recht leben. Sie soll weiter nördlich verlaufen, in Richtung Wiefelstede, in einer breiten Schneise quer durch dichten Wald, die „Gristeder Büsche“. Auch in Petersfehn und Friedrichsfehn soll der Abstand zu den Orten größer werden.

In den Wald

Der Netzbetreiber Tennet hat Anfang Juni seine Pläne für die neue Trasse von Conneforde nach Cloppenburg vorgestellt – nach fast zwei Jahren Prüfung. Ausgewählt wurde der Korridor C, der über rund 70 Kilometer weitestgehend auf der Strecke der bestehenden 220-Kilovolt-Leitung verläuft. Die leistungsfähigere 380-Kilovolt-Leitung wird benötigt, um den Windstrom nach Süddeutschland zu transportieren. Steht im Bundesbedarfsplangesetz für den Netzausbau.

Die Reise entlang der Stromtrasse beginnt am Umspannwerk Conneforde, nördlichster Zipfel des Ammerlands. Ein wichtiger Knotenpunkt des deutschen Stromnetzes. Höchst- und Hochspannungsleitungen aus allen Richtungen treffen sich hier, unterschiedliche Spannungsebenen werden verbunden. Das Auge verliert sich schnell in dem Wust aus Leitungen, Transformatoren und Schaltanlagen. Dahinter der Ferienpark Bernsteinsee, ein großer Campingplatz, ein Freibad. Der Kontrast könnte kaum größer sein.

Hinter Conneforde biegt die 220-Kilovolt-Leitung, die später abgebaut werden soll, in Richtung Süden kurz nach Friesland ab, verläuft einige Kilometer entlang der Kreisgrenze. Bis zum großen Bogen bei Gristede soll das auch der Weg der geplanten 380-Kilovolt–Leitung sein. Gar nicht so einfach, einer Stromtrasse zu folgen, die quer über Wiesen, Felder und durch Wälder verläuft, die Zäune, Gräben und Bäche locker überwindet, die sich nicht um Straßen oder Gleise schert.

Zwischen Garnholterfeld und Hellermoor wird der Weg äußerst holprig. Das Auto macht einen Satz. Ein Reh steckt den Kopf neugierig aus einem Getreidefeld. Eine Kurve, nächste Bremsung: Hase auf der Straße. Die Stromleitung läuft links, rechts tauchen ein Windpark und eine Biogasanlage auf. Vor einem Gehöft steht ein Protestschild gegen den Bau der Küstenautobahn. „Keine 3. Autobahn durch unser schönes Ammerland.“ Hier hat man andere Sorgen als 380 Kilovolt.

Das Amt für regionale Entwicklung Weser-Ems in Oldenburg hat in dieser Woche das Raumordnungsverfahren für die neue Stromtrasse eröffnet. Kommunen, Verbände und betroffene Bürger können sich ab sofort zu den Plänen äußern. In etwa einem halben Jahr dürfte feststehen, ob der Korridor C genehmigt wird. „Mit einer Inbetriebnahme rechnen wir 2023“, sagt Janina Schultze von Tennet.

Südlich von Gristede kreuzt die Leitung die A 28, verläuft durch unzählige Baumschulen schnurstracks Richtung Küstenkanal. Also, die bestehende Leitung. Die künftige Trasse soll in Bad Zwischenahn abtauchen. Zehn Kilometer Erdkabel werden geprüft. Besser gesagt im Ortsteil Kayhauserfeld.

Unter die Erde

Das Engelsmeer ist ein Moorsee in einem 1,7 Hektar großen Landschaftsschutzgebiet, umgeben von Birkenwald und Sandpisten. „Das Engelsmeer ist unsere Perle in Kayhauserfeld“, sagt Michael Cordes (30), Vorsitzender des Ortsbürgervereins, FDP-Ratsmitglied in Bad Zwischenahn. Vor fünf Jahren habe man angefangen, hier zu renaturieren. „Das Engelsmeer ist uns lieb und teuer“, sagt Cordes. „Der Strom muss ja irgendwo lang, aber es gibt idealere Standorte.“

Kayhauserfeld: Michael Cordes am Moorsee.Bild: Seng

Tennet hat angegeben, dass die Kabel in der Nähe des Engelsmeeres in die Erde geführt werden könnten. Dieser Übergabepunkt wäre ein weithin sichtbares Bauwerk. Doch wo genau?

Michael Cordes vermutet eine große Wiese am Ortsrand als möglichen Standort. Am nächsten Tag ruft er an, gibt teilweise Entwarnung. Nach neuen Informationen soll die Stromtrasse östlich des Birkenwegs und damit auch des Landschaftsschutzgebiets unter die Erde abtauchen. Aber der Suchkorridor ist ja einen Kilometer breit, die Unsicherheit bleibt.

Am Ende des Birkenwegs beginnt die Gemeinde Edewecht. „Wir favorisieren die Erdverkabelung, insofern ist das eine sehr positive Nachricht“, sagt Bürgermeisterin Petra Lausch (parteilos) zu den Tennet-Plänen. Außer vielleicht für die Anwohner während der Bauphase. Und für einige Landwirte, die um ihre Böden fürchten.

Die alte Leitung überspannt zwischen Jeddeloh 1 und Harbern 1 den Küstenkanal. Die neue Leitung soll darunter verlegt werden. Irgendwo in der Gemeinde Wardenburg, wahrscheinlich in Harbern, dürfte sie wieder ans Tageslicht kommen. Der Landkreis Oldenburg ist erreicht.

Weiter geht die Fahrt Richtung Benthullen: durch Alleen, teilweise über Schotter- und Buckelpisten. Die 220 Kilovolt-Leitung hat Zuwachs bekommen. Eine kleinere 110-Kilovolt-Leitung, die dem Netzbetreiber Amprion gehört, verläuft parallel. Beide halten Abstand zu den Ortschaften.

Etwas weiter östlich, in Littel, stehen noch die großen Banner mit dem roten Stop-Zeichen an der Landstraße. „Keine 380 kV-Stromtrasse F!“ Diese Variante ist vorerst vom Tisch. Doch die alte Stromtrasse verläuft in Sichtweite.

Nächster Stopp: Beverbruch (Gemeinde Garrel). Die beiden Stromleitungen haben sich im Landkreis Cloppenburg den Landstraßen 847 und später 167 angeschlossen, verlaufen durch große Felder, immer in Sichtweite.

„Die müssen von der Siedlung weg, wir leiden darunter.“ Norbert Budde (49) ist sauer. Direkt hinter dem Friedhof des 850-Seelen-Dorfes steht ein großer Strommast, daneben ein kleinerer. Der Abstand zur Neubausiedlung beträgt keine 200 Meter. „Von meinem Haus aus kann man sie hören – bei bestimmten Wetterlagen.“ Budde erzählt von vielen Krebsfällen in der Nähe der Leitung. „Das kann nicht gesund sein.“

Am Friedhof vorbei

Jetzt soll hier auch noch eine 380-Kilovolt-Leitung gebaut werden. Vielleicht etwas weiter weg vom Ort, aber mit 50 bis 70 Meter hohen Masten. Darf es dazu noch ein Umspannwerk sein oder eine Konverterstation, wo die Erdkabel aus der Nordsee ankommen? Wo der von den Offshore-Windparks erzeugte Gleichstrom in Wechselstrom umgewandelt werden soll.

Norbert Budde, Vorsitzender des Bürgervereins, rechnet mit dem Schlimmsten. „Wenn wir einen Konverter bekommen, kriegen wir noch mehr. Wir haben einfach Angst, dass es nicht bei einer Leitung bleibt.“

Beverbruch: Norbert Budde und Anne Breitenbach. Bild: Seng

Budde verweist darauf, dass Beverbruch sowohl Suchraum für eines von zwei geplanten Umspannwerken im Raum Cloppenburg als auch für eine von drei Konverterstationen ist. Die Angaben von Tennet, dass angeblich im benachbarten Nikolausdorf nach dem Standort für das Umspannwerk gesucht werde, seien falsch, sagt der Schornsteinfegermeister und zeigt es auf einer Karte. „Wir werden veräppelt“, schimpft er.

Der Bürgerverein hofft, dass niemand sein Land für einen Konverter verkauft. Anders als beim Bau von Stromleitungen sei dabei keine Enteignung möglich. „Wer verkauft, bleibt hier nicht“, droht Budde. In Beverbruch nimmt die Spannung zu.

Elf Kilometer Land- und Bundesstraße noch, dann endet die 220-Kilovolt-Leitung im Umspannwerk des Wallfahrtsortes Bethen. Am Ortseingang macht ein unübersehbares Schild deutlich, was Bethen nicht auch noch will: eine „Monster-Konverterstation“. Tennet favorisiere aus „rein wirtschaftlichen Gründen“ einen Trassenverlauf in unmittelbarer Nähe von Siedlungen, kritisiert Cloppenburgs Bürgermeister Wolfgang Wiese (CDU).

Letzte Station ist die Gemeinde Cappeln, südlich von Cloppenburg. Im Rathaussaal kann man sehen, welches Thema den parteilosen Bürgermeister Marcus Brinkmann (44) momentan umtreibt. An den Wänden hängen große Karten, farbig eingezeichnet die möglichen Korridore für die 380-Kilovolt-Trasse. Wenn alle Wege nach Rom führen, dann führen alle Leitungen nach Cappeln.

„Meine größte Sorge ist, dass unsere Gemeinde zerschnitten wird“, sagt Marcus Brinkmann.

Dass ein Umspannwerk im Ortsteil Nutteln gebaut wird, gilt als sicher. Im schlimmsten Fall wird für die weiterführende Stromleitung nach Merzen (Kreis Osnabrück) der Korridor gewählt, der quer durchs Gemeindegebiet führt. Tennet will die Pläne dafür im Herbst vorstellen. Und auch der Bau einer Konverterstation in Cappeln ist gut möglich.

Durch die Gemeinde

Brinkmann hat sich wie andere Politiker aus Cloppenburg die Konverter in Heede (Kreis Emsland) angeschaut. Dort wurden mehr als zehn Meter hohe Hallen gebaut, um die hochkomplexe Technik unterzubringen. Rund 30 Hektar Fläche werden für eine Station benötigt.

Der Cappelner Bürgermeister ist auf Tennet nicht gut zu sprechen, wirft dem Netzbetreiber „gestörte Kommunikation“ und „Salamitaktik“ vor. Über offene Punkte werde nicht geredet, Fragen würden nicht beantwortet. „Das ist kein Thema, das ich mir als Gemeinde gewünscht habe“, seufzt Brinkmann.

Der Bürgermeister hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, will Tennet davon überzeugen, dass unterirdische Gleichstromleitungen nach Süden besser sind. Eine Cappelner Bürgerinitiative hat in einem offenen Brief gefordert, die Gemeinde solle viel Geld für mehr Gutachten und gute Anwälte ausgeben. „Jede Chance, die ich habe, werde ich nutzen“, sagt Marcus Brinkmann. Im Kampf gegen die Stromleitung.


Weitere Artikel zum Thema unter   www.nwzonline.de/news/tennet 
Die Antragsunterlagen von Tennet unter   www.380kv-ccm.niedersachsen.de. 
Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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