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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Ich bin froh, dass es endlich losgeht“

19.01.2016

Oldenburg /Bremen Er ist jetzt wieder ganz oben: 8. Stock, viel weiter kommt man in Oldenburg nicht.

„Die letzten fünf Jahre waren die Hölle“, sagt Niels Stolberg, 55 Jahre alt. Er blickt durch die großen Fenster nach unten auf die Straße: winzige Menschen, winzige Probleme.

Irgendwo hier oben müssen noch seine Urkunden und Preise stehen: Unternehmer des Jahres, Entrepeneur des Jahres, Mutmacher der Nation, Ehrenbürger.

15 Jahre war es für Niels Stolberg nur bergauf gegangen, alle schienen den Gründer der Schwergut-Reederei Beluga zu lieben.

Dann fiel er, es dauerte wenige Minuten.

Der Rauswurf

1. März 2011, nachmittags, die Beluga-Zentrale auf dem Bremer Teerhof, im Kalender ist ein Meeting eingetragen. „Wie war das Wochenende?“, fragt ihn Hermann Dambach. Dambach ist der Deutschland-Chef des US-Investors Oaktree. Stolberg hatte die Amerikaner 2010 ins Boot geholt; Beluga war durch die Schifffahrtskrise in schwere See geraten. 2008 hatte die Reederei noch 70 Millionen Euro Gewinn gemacht, Ende 2009 hatte man bereits 57 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Mit Oaktree kam frisches Geld nach Bremen: rund 100 Millionen Euro.

Es ist Stolbergs Meetingraum, Stolberg sitzt auf seinem Stammplatz. Links und rechts von ihm haben sich Oaktree-Anwälte platziert. Stolberg sieht in ihre ernsten Gesichter, „irgendwie komisch“, denkt er noch. „Und dann schlagen sie auch schon auf mich ein“, so erinnert Stolberg sich. Sie brüllen schlimme Worte, „Betrug!“, „Fälschung!“. Stolberg wird schwindlig, er legt seinen Kopf auf den Tisch, alles dreht sich, ihm ist schlecht.

Jemand begleitet ihn in sein Büro, Stolberg folgt wie in Trance. Er darf seine persönlichen Gegenstände einpacken. Er muss seine Schlüssel abgeben. Dann steht er draußen auf dem Teerhof, hinausgeworfen aus der eigenen Firma.

„Das ist das Schlimmste, was mir je passiert ist“, sagt er.

Es geht schlimm weiter für ihn, mit Strafanzeigen, Vernehmungen, Durchsuchungen. Betrugsvorwürfe, Bilanzfälschungsvorwürfe, Untreuevorwürfe. Stolbergs Vermögen wird eingefroren. Die Boulevardpresse besucht den „Pleite-Reeder“, Schlagzeile: „Ich lebe von 1800 Euro im Monat!“

Die Zeitungen berichten über immer neue Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft Bremen ermittelt wegen Waffenschmuggel; Stolberg soll Panzer nach Myanmar verschifft haben. Sie ermittelt wegen Spendengeld-Veruntreuung; Stolberg soll 500 000 Euro aus der RTL-Spendengala, die für seine „Beluga School for Life“ in Thailand gedacht waren, auf ein Beluga-Konto überweisen lassen haben. Die Schule hatte er für Tsunami-Waisen gebaut.

„Das hat mich so getroffen“, sagt Stolberg. Den Vorwurf nennt er „absurd“, in die „School For Life“ seien mindestens 5,5 Millionen Euro privates Geld geflossen. „Ungelogen“, sagt er.

Die Vorwürfe

Mittlerweile ist dieser Vorwurf vom Tisch, ebenso wie der Vorwurf Waffentransport. Die Staatsanwaltschaft hat die Verfahren eingestellt Allerdings nicht wegen erwiesener Unschuld, wie Stolberg es sich gewünscht hätte. Sondern nach § 154 Strafprozessordnung: Die Staatsanwaltschaft kann von der Verfolgung einer Tat absehen, wenn das Strafmaß neben der zu erwartenden Strafe für eine andere Tat kaum ins Gewicht fällt.

Betrug, Untreue, mehrfacher Kreditbetrug, das hat Gewicht – das sind die Vorwürfe, für die sich Stolberg ab dem 20. Januar vor dem Landgericht Bremen verantworten muss.

In Oldenburg sagt Niels Stolberg: „Ich bin froh, dass es endlich losgeht.“

Endlich – das sagen auch viele andere Menschen. Das Gericht soll Ihnen sagen, wer dieser Niels Stolberg ist: ein Wohltäter, der Schulen für Waisenkinder baute? Oder ein Windhund, der trickste und sogar betrog?

Stolberg hat mit einem Co-Autor ein Buch über sein Leben geschrieben: „Unsinkbar“ ist der Titel. Eigentlich sollte es im Herbst erscheinen, jetzt melden die Online-Händler: „Derzeit nicht verfügbar. Ob und wann dieser Artikel wieder vorrätig sein wird, ist unbekannt.“ Stolberg spricht nicht über sein Buch; nach NWZ -Informationen wird es nicht erscheinen, bevor der Stolberg-Prozess beendet ist.

Lesen kann man es also noch nicht, aber dem Hörensagen nach will Stolberg auf den 230 Seiten vor allem versuchen, Niels Stolberg zu erklären: geboren in Brake/Unterweser. Ein Junge, der am Wasser aufwuchs und der immer am Wasser bleiben wollte. Der einen großen Ehrgeiz entwickelte, der sogar um die deutsche Meisterschaft mitsegelte. Der nie ein „normaler“ Unternehmer sein wollte, wie Stolberg sagt. Der stattdessen ein „sozialer Unternehmer“ sein wollte. Gern erzählt Stolberg von seiner Mutter, einer Buchhändlerin: „Sie hat mir mitgegeben: Du sollst nicht nur ein erfolgreicher Mensch sein – Du musst auch ein guter Mensch sein.“

Im 8. Stock klingelt ein Handy. Kurzes Gespräch, es geht um Schifffahrt, es geht um Schwerguttransporte. „Es gibt immer noch Menschen, die mit mir zusammenarbeiten wollen“, sagt Stolberg, „Menschen, die meiner Expertise vertrauen.“ Er ist Geschäftsführer der Beratungsfirma „Best Ship Consult“. „Das ist ein kleines Rad, das ich hier drehe“, sagt er.

1800 Euro im Monat?

Der Schreibtisch der „Best Ship Consult“ steht jetzt bei Stolberg in der Wohnküche.

Stolberg hat wiederholt erklärt, dass es einen Stolberg-Freundeskreis gebe, der ihn unterstütze. Mit Hilfe der Unterstützer fand er seine Anwälte, die Kanzlei Feigen Graf aus Frankfurt/Main. Feigen vertrat prominente Angeklagte wie Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß oder Post-Chef Klaus Zumwinkel.

„Ich habe Fehler gemacht“, sagt Stolberg mit Blick auf seinen Prozess. „Ob das strafrechtlich relevant ist, müssen jetzt andere entscheiden.“ Sein größter Fehler, das sagt er immer wieder, sei die Liaison mit Oaktree gewesen.

Über die Anklagevorwürfe spricht Stolberg nicht. Journalisten sagt er das, was prominente Angeklagte Journalisten eben so sagen: dass er voller Zuversicht in den Prozess gehe. Voller Vertrauen in seine Anwälte, die ihm gesagt hätten, dass der Betrugsvorwurf keinen Bestand haben werde. Voller Vertrauen in die Bremer Justiz, die das genauso sehen werde.

Sollte zu einer Verurteilung Stolbergs kommen, wird das Gericht bei der Bemessung der Strafe eine Würdigung des sozialen Engagements von Stolberg vornehmen. Viel wird davon abhängen, was die Öffentlichkeit über ihn künftig denken wird: Wohltäter oder Windhund?

„Ich glaube, viele Leute sehen nur das, was in den vergangenen fünf Jahren passiert ist“, sagt er. „Sie fragen nur: Kommt der ins Gefängnis? Aber es gibt auch Leute, die mich 20 Jahre lang beobachtet haben. Und die wissen: Der hat tolle Dinge gemacht.“

Die Zukunft

Stolberg meint Dinge wie die „Beluga School For Life“ (die es nicht mehr gibt). Oder sein Engagement für den „Maritimen Campus“ in Elsfleth (den es noch gibt). „Das alles hat mir kein Geld gebracht“, behauptet er. Wie viel privates Geld hat er wohl in solche Projekte investiert? Vielleicht 30 Millionen Euro in 15 Jahren, schätzt Stolberg. „Aber schreiben Sie das nicht, das versteht sowieso keiner.“

Im persönlichen Gespräch, nach einigen Stunden, sagt er zunächst: dass mit Niels Stolberg auch in Zukunft zu rechnen sei. Dass er hoffe, dass ihm das Gericht eine Chance gebe, „für eine zweites Leben“. Dass er aber nie mehr „das große Rad“ drehen wolle.

Und noch ein bisschen später sagt er: dass es manchmal schlimm sei. Dass er schlechte Nächte habe. Dass er nachts hochschrecke. Voller Fragen: was da wohl kommen möge.

Nachts im 8. Stock, im Winter, in Oldenburg: Da sieht man unten keine winzigen Menschen mehr, keine winzigen Problemen. Da sieht man die Nacht, schwarz.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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