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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Ich kann nicht im Büro sitzen“

28.08.2013

Oldenburg Man kann ja vieles machen nach der Schule: studieren, um die Welt reisen, zur Bundeswehr gehen. Es gibt aber auch junge Menschen, die eine andere Aufgabe suchen. Eine die noch nicht einmal unbedingt etwas mit dem späteren Beruf zu tun haben muss. Eine Auszeit, ohne Zeit zu verschwenden. So wie Büşsra Gülal, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Kinderkrankenhaus absolviert.

Die Wände sind farbenfroh bemalt an Büsra Gülals Arbeitsplatz, die Fotos der Mitarbeiter werden von bunten Bilderrahmen eingerahmt, in den Zimmern liegt Spielzeug in den Regalen: alles Ablenkung von den Schmerzen und anderen Symptomen mit denen die Patienten in die Kinderklinik am Klinikum Oldenburg kommen. Spätestens die typischen langen Flure und die Schwestern in ihrer weißen Arbeitskleidung erinnern einen dann doch daran, dass man im Krankenhaus ist.

Büsşra Gülal trägt ebenfalls Weiß, fällt allerdings mit ihrem roten Kopftuch ein wenig aus der Reihe. „Ich dachte zuerst, das müsste auch weiß sein. Aber die Farbe ist egal.“ Also sorgt die 20-Jährige mal mit Gelb, mit Pink oder Violett für zusätzliche Farbtupfer. Klar seien viele Kinder neugierig, warum sie es trage. Ansonsten sei ihr islamischer Glaube überhaupt kein Thema.

Büsra Gülal ist waschechte Oldenburgerin. Ihre Familie hat zwar türkische Wurzeln, doch die junge Frau gehört bereits zur dritten Generation, die in Deutschland lebt, leicht herauszuhören an ihrer typisch norddeutschen Sprachfärbung. In Osternburg ging sie zur Haupt- und Realschule, wechselte dann an die Berufsfachschule für Sozialpflege an der BBS 3 und machte dort im Anschluss ihren Abschluss an der Fachoberschule Sozialpädagogik. Den Weg in die soziale Branche hat sie demnach bereits früh eingeschlagen. „Ich kann nicht im Büro sitzen.“ Doch ihr Berufswunsch war ursprünglich Hebamme. „Für die Ausbildung gab es aber sehr viele Bewerber für wenige Plätze“, erzählt sie. Als eine Freundin Büsra Gülal von ihrer Erfahrung mit dem FSJ erzählte, wurde sie neugierig – und bewarb sich erfolgreich um eine Stelle beim Roten Kreuz (DRK), das sie ans Klinikum vermittelte.

Beim DRK Landesverband Oldenburg wollten im vergangenen Jahr fast 500 junge Menschen einen ähnlichen Weg gehen. 160 von ihnen wurden angenommen, davon 130 für ein FSJ, 30 beim Bundesfreiwilligendienst. 30 Prozent der Teilnehmer arbeiten direkt bei DRK-Einrichtungen. Der Rest wird an kommunale und andere Träger vermittelt.

Im gesamten Bundesland sind laut niedersächsischem Sozialministerium derzeit rund 2500 junge Menschen im FSJ tätig, die sich in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Kindertagesstätten aber auch in Bereichen wie Sport, Kultur oder Denkmalpflege engagieren. Sie nutzen die Zeit zur Orientierung, als Abwechslung und um der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. „Man sollte es einfach ausprobieren und reinschnuppern“, meint Büsşra Gülal. Das sagt sie, obwohl ihr Dienst auf der Station 362 der Kinderklinik an Tagen mit Frühschicht bereits um sechs Uhr beginnt. Nach der Übergabe geht es durch die Zimmer: Patienten wecken, Fieber messen und Frühstück bringen sind einige ihrer Aufgaben. Oft schauen Büsra Gülal die ausgebildeten Schwestern bei ihrer Arbeit über die Schulter, gerade wenn es um Medikamente oder Untersuchungen geht. Für die 20-Jährige zeugt das nicht von fehlendem Vertrauen, sondern von Verantwortung. „Ich fühle mich sicher“, sagt sie, denn ihr ist bewusst, dass ihr als FSJ-ler der fachliche Hintergrund fehlt.

Büsra Gülals wichtigste Ressource ist daher Zeit. Wenn die Schwestern im Stress sind, kann sie sich schon mal eine Weile ausklinken, um mit einem Kind zu spielen oder einen jungen Patienten zu trösten. Als FSJ-ler ist sie zwar Teil des Teams, aber nicht als voll belastbare Arbeitskraft eingeplant. Sie soll niemanden ersetzten, sondern nur ergänzen. Wie eine Vollzeitkraft werden FSJ-ler auch nicht bezahlt. 373 Euro Taschen- und Verpflegungsgeld bekommt Gülal im Monat. „Aber ich wohne ja noch bei meinen Eltern. Daher ist es ausreichend“, sagt sie.

In Zukunft soll sich ihr Einsatz aber auch auf dem Konto zeigen. Denn während viele nach dem Ende ihres Dienstes in anderen Branchen ihr Glück suchen, hat Büsşra Gülal am Klinikum ihre Berufung gefunden. Bis Mai kommenden Jahres hat sie ihr FSJ zunächst verlängert. Für spätestens Oktober 2014 hat sie bereits die Zusage, dort ihre Berufsausbildung als Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin zu beginnen.

Für ihre Kolleginnen auf der Station ist das die richtige Entscheidung. „Sie hat so eine freundliche Ausstrahlung. Das ist beim ersten Kontakt mit Kindern schon die halbe Miete“, lobt Anke Köster.

Nun hat Büsra Gülal erst einmal Frühstückspause, später ist Visite. Alltag auf der Station, den die Oldenburgerin nicht mehr missen möchte. „Ich bereue mein FSJ nicht.“

Patrick Buck Redakteur / Redaktion Oldenburg
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