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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Im hohen Alter ein flotter Renner

29.06.2012

OCHOLT Über den Mittag hat sich Lokführer Sebastian Bauer aus dem Staub gemacht. „Der kommt pünktlich zurück”, gibt sich Thomas Wermers gelassen. Der Chef-Organisator der Arbeitsgemeinschaft Westfalendampf aus Emsdetten lehnt sich im Halbpackwagen, angekoppelt an die Lok 01 1066, im Bahnhof Westerstede-Ocholt entspannt zurück. Der Zug steht seit Wochenanfang in der Ammerländer Station. Da kennt man Bauer und lädt ihn schon mal in die Nachbarschaft zum Essen ein.

Ein Zug wie dieser erregt auch auf dem Abstellgleis Aufsehen. 01 1066 ist ein Paradepferd unter den noch betriebsfähigen deutschen Dampflokomotiven. Baujahr 1940, wurde sie am 31. Mai 1975 ausgemustert. Mit Ölfeuerung seit 1957 entwickelt sie 2470 PS und erreicht 140 Stundenkilometer. Die Ulmer Eisenbahnfreunde haben sie gekauft und setzen sie vor Sonderzügen ein.

Asyl auf den Schienen

Mit dem Abstellgleis ist es im Schienenverlauf von Ocholt nicht so einfach. Ein Zug von 300 Metern Länge passt ungeteilt kaum noch in einen Bahnhof. Die Lok mit Doppeltender und einem Wagen hat Asyl auf Schienen der rührigen Museumsbahn Ammerland-Saterland (MAS) an der Nordseite gefunden. Die anderen zehn Wagen parken auf einem angemieteten Gütergleis der Emsländischen Eisenbahn an der Südseite. Dazwischen rollt der rege Tagesverkehr Richtung Leer und Oldenburg.

Diese Trasse nimmt der Zug an diesem Sonnabend unter die Räder. Da wird er als Sonderzug in die Fahrpläne zwischen Oldenburg und Goslar eingepasst. Für den Bahnhof Wüsting erreicht das Zug-Ungetüm eine überragende Dimension. „Wüsting”, muss Wermers gestehen, „kannte selbst ich noch nicht.“ Doch es gab wegen der guten Zusteigemöglichkeit viele Anfragen von Fahrgästen aus der Landkreis-Gemeinde. Insgesamt werden 600 Fahrgäste alle Abteile in 1. und 2. Klasse besetzen.

Wermers kann tief durchatmen, weil auch diese von der AG Westfalendampf organisierte Tagesreise ausgebucht ist. „Wir hätten mehr Wagen füllen können”, erklärt der im Erwerbsberuf bei der Stadt Münster tätige Bauleiter. Aber da bekäme selbst der Kraftprotz 01 bei der Steigung in den Harz zu viel Last an den Haken. Von Mai bis Juli hat Westfalendampf fast an jedem Wochenende einen Zug im Einsatz. Meistens gehen die Plätze binnen einer Woche weg

Die ermutigende Bilanz kommt nicht von ungefähr. Wermers (48) und seine rund 20 Mitstreiter haben sich mit ihrer Konzentration rein auf die Organisation einen guten Ruf erworben. Eigene Fahrzeuge hält die AG nicht vor. „Die Museumsbahn-Vereine haben genug zu tun mit Unterhaltung und Aufarbeitung ihres rollenden Materials”, erklärt Wermers das Geschäftsmodell. „Sie sind uns dankbar, dass wir die Fahrzeuge mieten und die Züge voll besetzen.“

Wobei: Der Begriff Geschäftsmodell kaschiert die wirtschaftliche Lage im nostalgischen Bahnverkehr. Ohne Herzblut, Organisationstalent und handwerkliches Können ehrenamtlicher Bahnfreunde stünden oder lägen alle Loks und Wagen aus den Vorkriegs- und frühen Nachkriegsjahren beim alten Eisen. Die Deutsche Bahn hat ihre Nostalgiefahrten gestrichen.

Dampfloks verkauft

Bei den freien Veranstaltern hat sich der Markt reguliert. Mitte der 80er-Jahre hatte die damalige DDR viele Dampfloks devisenbringend verkauft. Übrig sind auf Normalspur heute knapp 30, die allen technischen Anforderungen genügen.

Die AG muss eng kalkulieren. 17 Liter Schweröl verschlingt die Lok pro Kilometer, was einen Kilometerpreis von zwölf Euro erbringt. 70 000 Liter Wasser werden aufgefüllt. Der Kilometer-Trassenpreis liegt zwischen vier und fünf Euro. Es kommen die Überführungskosten für die im Heilbronner Eisenbahnmuseum hinterstellte Lok dazu. Lokführer Bauer steuert privat zwei Wochen Urlaub bei. Weil Schweröl fest wie Kaugummi wird, muss die Maschine zwei Wochen unter Dampf gehalten werden, erst eine in Westerstede-Ocholt, dann eine in Norden. Bauer hat sich die Essens-Einladung wohlverdient.

Die 01 1066 zeigt sich bestens in Schuss. „So super habe ich sie noch nie gesehen”, entfährt es Helmut Boekhoff, einem Mitglied der ammerländisch-saterländischen Eisenbahnfreunde. Jedes Veteranen-Fahrzeug auf deutschen Schienen kennt er mit Nummer. Lokführer Bauer wird ihm später beipflichten. „Unheimlich gutmütig” nennt der 28 Jahre alte Schwabe mit dem Joachim-Löw-Dialekt die Lok. Und es zieht Respekt in seine Stimme, wenn er ihr „gelegentlich das Verhalten einer vornehmen Dame” bescheinigt: „Sie kann auch launisch reagieren, man muss auf ihre Tagesform achten.”

Bauer ist auch im Hauptberuf Lokführer. Für die Führung der Dampflok hat er sich beim Verein UEF – Historischer Dampfschnellzug zusätzlich qualifiziert. Gerade erst hat er auch die Ausbildungs-Berechtigung erworben. „So geben wir altes Wissen weiter”, sagt er. „Es ist wichtig, eine Historie zu bewahren.”

Unerwarteter IC-Einsatz

Manchmal rückt ein Denkmal unversehens in die Tagesaktualität. 01 1066 ist am vergangenen Sonntag in Emden plötzlich zu Intercity-Ehren gekommen. Weil ein IC aus dem Rheinland um zweieinhalbe Stunden verspätet in Emden eingetroffen war, musste der Lokführer seine Pause beginnen. Kurzfristig übernahm die betriebsbereite Dampflok die restliche Planleistung nach Emden-Außenhafen und zurück.

Für Helmut Boekhoff war das vor Ort eine Zeitreise. „Ich habe erlebt, wie diese Lok 1975 auf der Emslandstrecke den letzten dampfbespannten Schnellzug in ganz Westeuropa geführt hat”, erinnert er sich lebhaft. „Und jetzt dieser Einsatz.“ Einen Vergleich hat er parat: „So etwas ist, als wenn man eine Ju-52-Besatzung fragen würde, ob sie mal eben den Linienflug nach London übernehmen könnte...“

Ein Prestigeobjekt für jede Bahnverwaltung war in der Dampfbahn-Ära die Lokbaureihe 01. Auch heute ist die 01 1066 der Ulmer Eisenbahnfreunde mit ihren zwei Meter hohen Treib- und Kuppelrädern eine imposante Erscheinung. Die 24,13 Meter lange Maschine wiegt 111,6 Tonnen, entwickelt eine Zugkraft von 2470 PS und erreicht 140 km/h.

Um 7.40 Uhr verlässt der Sonderzug an diesem Sonnabend Gleis 4 des Oldenburger Bahnhofs. Weitere Halte sind danach Wüsting um 7.50 Uhr,

Hude um 8.04 Uhr, Delmenhorst um 8.20 Uhr, Bremen um 8.39 Uhr. Goslar wird um 11.40 Uhr erreicht. Zurück geht es um 18.30 Uhr mit Halt in

Bremen (21.30), Delmenhorst (21.46), Hude (22.00), Wüsting (22.11) und Ankunft in Oldenburg um 22.22 Uhr.

 @   http://www.westfalendampf.de

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