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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Die Auswirkungen sind dramatisch“

30.05.2018
Frage: Welchen Begriff bevorzugen Sie: Insektenschwund oder Insektensterben?
Tumbrinck: Ganz klar: Insektenschwund. Menschen sterben, Insekten sterben – aber das ist wirklich ein Schwund. Insektensterben wird oft benutzt, weil es dramatischer klingt. Es ist dramatisch, aber der falsche Begriff.
Frage: Wie stark ist der Insektenschwund?
Tumbrinck: Wir haben Untersuchungen vom Entomologischen Institut Krefeld. Sie haben Insekten gefangen und seit Ende des Jahrtausendseinen Rückgang der Insekten-Biomasse um 75 Prozent festgestellt.
Frage: Was sind die Ursachen des Insektenschwunds?
Tumbrinck: Wir wissen vor allem, was es nicht ist. Es ist nicht die Lichtverschmutzung. Und es ist auch kein „schlechtes Management“ der Schutzgebiete. Die Untersuchungen sind alle in Naturschutzgebieten gewesen. Schlechtes Management, wenn etwa nur eine Baumart wächst, das hätte keine Auswirkungen auf die Masse haben dürfen. Die eine große Ursache, die wir zuordnen können, ist, dass es aus der Landwirtschaft kommt. Aber was, das ist die Frage.
Frage: Was gibt es für Vermutungen?
Tumbrinck: Wir wissen, dass die Flurbereinigung einen Effekt hat. Wenn Hecken, Säume und Brachen verschwinden, verschwinden Pflanzen- und Tierarten. Das erklärt aber nicht diesen massiven Rückgang und diese Menge. Arten verschwinden, aber andere müssten dann in Masse da sein und das ist nicht der Fall. Wir vermuten, dass der Insektizideinsatz ein Faktor ist, aber es gibt keine direkten Beweise. Es gibt indirekte Hinweise, etwa auf die Stoffklasse Neonikotinoide, die jetzt zum Glück verboten ist. Ein Effekt wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.
Frage: Wie sind die Auswirkungen des Schwunds?
Tumbrinck: Die sind ziemlich dramatisch. Die Artenvielfalt hat bereits in den letzten 100 Jahren abgenommen. Für eine Rauchschwalbe ist es auch egal, welchen Falter sie frisst. Aber fallen dreiviertel der Insekten weg, wirkt sich das aus. Wir sehen bei insektenfressenden Vögeln massive Rückgänge. Vögel füttern ihre Junge mit Insekten oder Würmern. Ist die Nahrung nicht mehr in der Menge da, gibt es keine Junge mehr oder es kommen nur ein, zwei durch oder sie sind nicht so fit. Die Population sinkt langsam. Das klassische Beispiel für Menschen ist die Bestäubungsleistung. Insekten – und nicht nur die Honigbiene – leisten den Großteil der Bestäubungsleistung bei vielen Nutzpflanzen. Der Nabu hat vor ein paar Wochen in einem Supermarkt alles ausgeräumt, was an Bestäubung hängt. Das waren 60 Prozent der Waren. Wir zerstören nicht alle Lebensräume, wir vergiften nicht alle Insekten – aber wir drücken die Masse in den Keller. Und ob das für die Bestäubung reicht, ist fraglich. Klar, die Honigbiene bleibt. Aber wir wissen nicht, was passiert, wenn Arten verschwinden, wenn sich das Ökosystem so massiv verändert. Wenn es nur noch wenige Arten gibt, dann ist es viel sensibler und anfälliger, auch für Schädlinge, die freie Bahn haben, weil die Gegenspieler fehlen. Das hängt alles zusammen.
Frage: Was wäre das schlimmste Szenario?
Tumbrinck: Wir haben Gebiete, die intensiv landwirtschaftlich genutzt werden – Obstplantagen in China, Mandelplantagen in Kalifornien – die man nur mit Honigbienen bestäubt, die dahin gekarrt werden. So einen Grundzustand wird man irgendwie halten können. Aber die gesamte biologische Vielfalt ist dann im Keller. Getreide wird noch wachsen – wahrscheinlich. Vielleicht gibt es auch Probleme mit der Bodenfruchtbarkeit, denn die sinkt auch weiter ab.
Frage: Wieso sinkt die Bodenfruchtbarkeit?
Tumbrinck: Boden, Bodenfruchtbarkeit und Bodenlebewesen sind ein noch ziemlich unerforschtes Gebiet. Der Schlüssel für die Menschheitsernährung ist fruchtbarer Boden, der eine hohe Lebensvielfalt hat. Doch keiner weiß, was im Boden so vor sich geht.
Frage: Also kann es sein, dass es im Boden auch einen Insektenschwund gibt?
Tumbrinck: Ja, aber keiner weiß es.
Frage: Was kann oder muss die Politik ändern?
Tumbrinck: Dass es nur ein ganz einfacher Mechanismus war – also Neonikotinoide verbieten – das glaube ich nicht, denn die Dinge sind komplexer. Der Schlüssel wird die EU-Agrarpolitik sein. Das Agrargeld sollte an Landwirte gehen, aber so, dass biologische Vielfalt gefördert und nicht vernichtet wird. Das sieht auf EU-Ebene gerade düster aus. Außerdem sagen wir vom Nabu, dass der Pestizideinsatz für Privatpersonen verboten werden sollte. Dann wären Siedlungen weitestgehend pestizidfrei und wir würden merken, dass es mehr Arten und auch Masse gibt. In der Agrarlandschaft brauchen wir mehr Hecken, mehr Feldsäume, mehr Brachen. Und wichtig wäre, die Naturschutzgebiete zu optimieren, statt intensiver Landwirtschaft mehr Ökolandbau.
Frage: Gibt es etwas, was einzelne Personen tun können?
Tumbrinck: Den ökologischen Landbau fördern, indem man die Produkte kauft und die Nachfrage steigert. Keine Pestizide im Garten einsetzen. Im Garten oder auf dem Balkon kann man mit heimischen Pflanzenarten, die Pollen und Nektar bieten, Insekten anlocken, auch mit Küchenkräutern. Thymian, Salbei oder auch Lavendel – da braucht man sich nur mal davor stellen. Da ist jede Menge los. Und die Kräuter kann man ja auch super für die Küche nehmen. Da kann man für sich und für die Tiere was tun.

Eine Multimedia-Reportage gibt es unter   www.nwzonline.pageflow.io/bienensterben 
Sach an!-Moderatorin Emily hat einen Imker besucht   www.youtube.com/sachanchannel 
Manuela Wolbers
Volontärin, 2. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003

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