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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Wenn der Wind sich plötzlich dreht

14.02.2019

Jade Bei Ostwind entsteht im Haus von Rita Zucker immer Unruhe. „Es fühlt sich an, als wenn die Nackenhaare aufgestellt sind“, sagt sie. Die Familie ist rastlos, Arbeiten draußen werden nur in großer Eile erledigt, der Schlaf ist unruhig. „Meine Tochter stöhnt nach solchen Nächten immer: ‚Wie soll ich so zehn Stunden bei der Arbeit volle Leistung bringen?‘“

Familie Zucker wohnt in Jade (Landkreis Wesermarsch). Rita Zucker, hellgrauer Bubikopf, winterfeste Schuhe, Wollmantel, steht an einem Feld in der Wesermarsch. Sie ist naturverbunden, liebt die Ausritte mit ihren Pferden. In ihrer Nachbarschaft stehen Windparks. Vom Feldweg aus kann Zucker sehen, wie die weißen Flügel in knapp 100 Metern Höhe die nebelige Luft schneiden. Das Drehen der Flügel im Wind beeinflusst das Leben der Familie, sagt Zucker: „Wenn sich der Wind gedreht hat, möchten wir eigentlich nur eine Woche durchschlafen. So fertig sind wir.“

Drei Windparks stehen in der Umgebung. Bollenhagen, in Betrieb seit Februar 2016. Jaderaußerdeich, in Betrieb seit Januar 2008. Achtermeer, in Betrieb seit 2001. Und es sollen noch mehr Windräder werden. Der Windpark Jaderaußendeich soll erweitert werden. Vier jeweils 150 Meter hohe Windräder sind vorgesehen. Bauherren sind EWE Erneuerbare Energien und Jade Energy. Geplanter Baubeginn ist 2021. Für Anwohnerin Rita Zucker eine Horror-Vorstellung.

14 Windräder stehen bislang in der Gemeinde Jade. Allein der Windpark in Bollenhagen mit acht Anlagen produziert nach Angaben des Betreibers Innovent so viel Strom, dass er damit rechnerisch mehr als 10 000 Haushalte versorgen kann. Das sind fast fünfmal so viele Haushalte, wie es in der 6000-Einwohner-Gemeinde gibt.

Gemeinde hat genug geleistet

„Die Gemeinde hat ihren Anteil übererfüllt“, sagt Knut Brammer. Brammer, 63 Jahre alt, weißer Vollbart, graues Haar, blickt mit demselben Argwohn wie Rita Zucker vom Feldweg auf die Windräder. Er ist genau wie sie Anwohner und aktiv in der „Jader Bürgerinitiative für eine umweltverträgliche und menschenwürdige Energiepolitik“. Außerdem ist Brammer CDU-Fraktionsvorsitzender. Er sagt: Wenn der Rat über die Erweiterung des Windparks abstimmt, wird er sich dagegen aussprechen.

Und er ist nicht der Einzige. In der Gemeinde stehen die Zeichen mittlerweile auf Sturm. Im Juli 2015 noch hatte der Gemeinderat einstimmig die weiteren Planungen im Windpark auf den Weg gebracht. „Die politischen Gremien tun sich jetzt schwer, eine Entscheidung zu fällen. Die Akzeptanz in der Form ist nicht mehr da“, sagt Henning Kaars im Jader Rathaus. Der große, schlanke Mann im blauen Anzug ist Bürgermeister der Gemeinde und hofft auf eine Entscheidung im März. Er selbst wird nicht mitabstimmen. Der 54-jährige UWG-Politiker hat sich für befangen erklärt. Denn er ist ein Anlieger am Windpark.

Er mahnt, dass die Entscheidung mit allen Konsequenzen getragen werden müsse. Denn der Gemeinde Jade drohen Klagen.

Zumindest gerüchtehalber.

Wurden Klagen angedroht?

Es ist zu hören, dass eines der Unternehmen bei einem Nein zur Windpark-Erweiterung klagen will. „Die Vorhabenträger haben einiges an Vorarbeit geleistet, im Vertrauen, dass der Windpark umgesetzt wird. Damit verbunden ist ein finanzielles Risiko“, sagt Kaars. Für die Mitglieder der BI klingt das schon fast nach Erpressung.

EWE-Konzernsprecherin Ina Buchholz bestätigt, dass beide Unternehmen bereits „in die Erstellung von städtebaulichen Verträgen, ornithologische Gutachten und vollumfängliche Unterlagen für den Bebauungsplan und Flächennutzungsplan investiert“ haben. Der geschäftsführende Gesellschafter von Jade Energy, Eike Sanders, spricht von mehreren Hunderttausend Euro Kosten. Die Unternehmen würden davon ausgehen, dass das Vorhaben wie geplant umgesetzt werden kann. Von einer Klage ist bei den Bauherren (noch) keine Rede.

In Angriffsstellung gebracht hat sich allerdings die Bürgerinitiative. Mit vier bis fünf Klagen von Privatleuten rechnen die Mitglieder der Bürgerinitiative, falls sich die Gremien in Jade für die Erweiterung des Windparks Jaderaußendeich entscheiden sollten. Und die Gegner der Windenergie gehen noch einen Schritt weiter: Sie stellen den Nutzen der Windparks infrage.

„Mit den Windparks wollten wir unseren Beitrag zur Energiewende leisten“, sagt der Jader Bürgermeister Henning Kaars. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Gemeinde musste Anfang der 2000er handeln. Denn das niedersächsische Landesraumordnungsprogramm fordert für den Landkreis Wesermarsch – einem „besonders windhöffigen“ Landesteil – eine zu erbringende Mindestleistung von 150 Megawatt. Mittlerweile werden in der Wesermarsch 440 Megawatt Strom durch Windräder produziert, teilt der beim Landkreis Wesermarsch zuständige Dezernent Matthias Wenholt mit.

Stephan Barth, 42 Jahre alt, sitzt in seinem Büro an der Universität Oldenburg. Er ist Geschäftsführer des Forschungsunternehmen Forwind und weiß um die Bedeutung der Windparks: „Es gibt zwei tragende Säulen der Energiewende: die Windkraft und die Solarenergie. In Norddeutschland ist die Windenergie wichtiger.“

Da der Wind über dem Meer nicht so stark abgebremst wird wie über Land, ist der norddeutsche Raum geeigneter für die Windenergie, sagt der Forscher. Auch ist das norddeutsche Flachland nicht so dicht besiedelt. So wird der Wind weniger verwirbelt und die Windräder weniger stark mechanisch beansprucht, erklärt der Experte.

Nach Zahlen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hatten erneuerbare Energien 2018 einen Anteil von 35 Prozent an der Stromerzeugung. Bis 2030 sollen laut Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD 65 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen werden.

Der Wind dreht sich zunehmend

Ist dieses Ziel realistisch? Bei aller Sympathie für die „grüne Energie“ dreht sich der Wind zunehmend. Die BI in Jade will beispielsweise weniger statt mehr Windräder. Anwohnerin Rita Zucker sagt: „Die Politiker achten die Natur und die Heimat der Menschen nicht. Da wird so über die Menschen hinweggefegt. Ich erwarte, dass sich ein Bürgermeister oder ein Ratsmitglied kümmert. Es ist ja fast so, als wäre ich nicht existent!“ Zornesfalten ziehen sich über ihre Stirn.

Dem widerspricht Bürgermeister Kaars. Erst jetzt habe sich der Wind gedreht, erst jetzt gebe es Widerstände. Den Konflikt in Jade nehmen auch die Parteien wahr: Sowohl die SPD, CDU als auch UWG und Grüne sprechen davon, dass die Interessen der Anwohner gut mit den Zielen der Energiewende abgestimmt werden müssten.

Das größte Ärgernis für die Gegner der Anlagen stellt die Lärmbelastung dar. Brammer und Zucker sind zu Herbert Kleemann gefahren. Er lebt in einem Bauernhaus unweit des Windparks Jaderaußendeich. Das rustikale Haus ist liebevoll restauriert. Auf der gemütlichen Diele erklärt Kleemann zwischen dunklen Deckenbalken und moderner, heller Küche, wie sehr auch ihn das Rauschen und Sirren der Windräder stört.

„Im Obergeschoss haben wir eine große Fensterfront eingebaut. Wenn der Wind falsch weht, sind die Fenster wie ein Ohr nach draußen“, sagt der Immobilienmakler Kleemann. Knut Brammer und seine Frau haben ihr Nachtlager längst im Büro aufgeschlagen. Weil in ihrem Schlafzimmer nicht mehr an erholsamen Schlaf zu denken sei.

„Jeder Errichtung einer Windenergieanlage lag ein immissionsschutzrechtliches Genehmigungsverfahren zugrunde“, sagt Matthias Wenholt vom Landkreis. Schädliche Umwelteinwirkungen, Gefahren, erhebliche Nachteile und Belästigung und gesundheitliche Folgen sind durch die Planung auszuschließen, erklärt Wenholt weiter. Emissionen sind allerdings möglich.

Die Mitglieder der BI kritisieren, dass Lärm-Gutachten nur auf Mittelwerten basieren. Vor-Ort-Messungen? Fehlanzeige. Wenholt sagt hingegen, dass die Lärmprognose durch Messungen vor Ort überprüft werde. Auch diese Werte müssten die zulässigen Richtwerte einhalten.

Bürgermeister Kaars wohnt auch in unmittelbarer Nachbarschaft zum Windpark Jaderaußendeich. Und hört nach eigenen Angaben nichts. „Wir haben damit keine Probleme, uns geht es nicht schlechter“, sagt der Rathauschef.

Das Unwohlsein im Hause Zucker löst vor allem der nicht hörbare Infraschall aus, meint die Familie. Windforscher Barth erklärt in seinem Büro in Oldenburg, was es mit dem Infraschall auf sich hat. Dieser wird sehr individuell wahrgenommen. Er entsteht, wo Wind auf Gegenstände trifft. Auch Flugzeuge, Straßen- und Schienenverkehr erzeugen Infraschall. „In einigem Abstand von den Anlagen ist der Infraschall so hoch wie sonst in der Natur“, sagt Barth. Gesundheitliche Folgen durch Infraschall sind ausgeschlossen, erläutert das Innenministerium von Baden-Württemberg. Andere Institutionen und Forscher sagen, dass Infraschall krank machen kann. Die Fachwelt ist sich uneinig.

Häuser sacken ab, Risse in den Wänden

Die Anwohner sorgen sich nicht nur um die Gesundheit, sondern auch um ihre Häuser. Weil das Grundwasser für den Bau der Windparks abgesenkt werden musste, sackten anderen Häuser ab. Nun ziehen sich Risse durch die Wände. Bei anderen Häusern, die auf Pfählen errichtet wurden, fangen diese an zu modern, weil sie nicht mehr vom Grundwasser konserviert werden.

Die Angst, dass so etwas beim Bau der vier neuen Windräder passiert, ist groß. „Eine Beweissicherung ist nicht zwingend erforderlich“, erklärt Dezernent Wenholt. Sie sei aber in der Vergangenheit gemacht worden. Bürgermeister Kaars sagt, dass in einem bestimmten Radius um die Windparks Gutachten für die Häuser erstellt wurden. Dieser Radius reicht der BI nicht. Sie fordert, dass mehr Häuser überprüft werden.

Reicht das, um die Pläne stoppen zu können? Die Bürgerinitiative hat weitere Ansatzpunkte gefunden. Schon der Bau der bisherigen Windparks ist ihrer Ansicht nach nicht mit rechten Dingen zugegangen.

Die Windräder in Jaderaußendeich stehen laut Kartenmaterial des Energieatlas’ Niedersachsen außerhalb des Vorranggebiets Wind. Das hat Knut Brammer herausgefunden. Es sei mit dem Kartenmaterial nicht abschließend zu klären, ob die Anlagen innerhalb des vorgesehenen Gebiets errichtet wurden, sagt das niedersächsische Umweltministerium. Der Landkreis Wesermarsch will aber laut Dezernent Wenholt die Gebietsgrenzen überprüfen lassen und die Daten mit dem Energieatlas abgleichen. Im Rathaus in Jade sagt Henning Kaars: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Anlagen abgeschaltet werden.“

Die Gegner der Windräder legen nach. Sie werfen den Investoren des Windparks Bollenhagen beispielsweise Wortbruch rund um die Gewerbesteuer vor: Die falle gar nicht in Jade an und sei auch nicht so hoch, wie prognostiziert, schimpfen die Mitglieder. Dem widerspricht Innovent-Geschäftsführer Dirk Ihmels. Er sagt: Die Gewerbesteuer für den Windpark Bollenhagen fällt zu 100 Prozent in Jade an.

Auf Gewerbesteuereinnahmen kann die Gemeinde auch hoffen, wenn der Windpark Jaderaußendeich erweitert wird, sagt die EWE-Pressesprecherin. Ein Windpark lohnt sich aus Gemeindesicht, erklärt Bürgermeister Kaars. Die Steuereinnahmen sind derzeit allerdings noch nicht so hoch, wie gehofft. Das liege aber beispielsweise an den Abschreibungen. Die Einnahmen würden mit den Jahren steigen, heißt es im Rathaus.

Akzeptanz erhöhen

Die Situation in Jade scheint verfahren. Können Anwohner wie Rita Zucker, Knut Brammer und Herbert Kleemann von der Windenergie überzeugt werden? „Personen. die einmal dagegen waren, sind immer dagegen und schwer mit Argumenten zu überzeugen“, glaubt Forwind-Geschäftsführer Barth. Anwohner reagierten auf Windräder natürlicherweise häufig mit Ablehnung. Alternativen zur Stromerzeugung sieht der Windenergie-Experte aber nicht.

Die Akzeptanz könne erhöht werden, wenn die Bürger beteiligt werden, sagt Barth. Beispielsweise finanziell. So ist es auch beim Windpark Bollenhagen. Für 1000 Euro konnte ein Anteil erworben werden. Den Bürgern gehört so zusammen eines der acht Windräder.

Mit einem Bürgersparbrief sollen die Bürgen bei den vier neuen Anlagen in Jaderaußendeich ins Boot geholt werden und eine „überdurchschnittliche Rendite“ bekommen, sagt Ina Buchholz von EWE. „Wenn ich von meiner Terrasse aus auf das Windrad schaue und bei jeder Umdrehung mitverdiene, stört mich der Anblick nicht mehr“, glaubt Forscher Barth.

Am 28. März kommt der Gemeinderat zusammen. Dann wird sich zeigen, wie stark sich der Wind in Jade gedreht hat.

Mareike Wübben Cloppenburg / Redaktion Münsterland
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