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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Jeder bestimmt Arbeitszeit selbst

05.03.2012

DITZINGEN Der Ehemann. Die drei Kinder. Der Haushalt. Und dann das Telefon, es klingelt bestimmt einhundertmal am Tag: Da fragt ein Kunde nach der neuen Stanz-Laser-Maschine, ein zweiter hat Probleme mit der Steuerungssoftware, der dritte braucht stärkeres Biegewerkzeug, sieben Stunden am Tag geht das so, fünf Tage die Woche. „Eigentlich“, sagte sich Nicole Gaßmann (51) oft, „müsstest du dein Leben dringend mal entschleunigen.“

Bloß wie?

Wettbewerb um Köpfe

Ditzingen, Baden-Württemberg: 25 000 Einwohner leben hier, die Arbeitslosenquote liegt bei vier Prozent.

Am südlichen Stadtrand stehen die gläsernen Würfel der Firma Trumpf, und in einem Büro im Erdgeschoss sitzt jetzt der Arbeitsdirektor von Trumpf unter einem grauschwarzen Giacometti-Plakat und zeigt in alle Himmelsrichtungen.

„Nebenan“, Dr. Gerhard Rübling (57) zeigt nach Süden, „haben wir Bosch.“ Er zeigt nach Westen, „zehn Minuten sind es zu Porsche“, sein Finger kippt nach Südwest, „und in fünfzehn Minuten bin ich bei Mercedes“. Rübling könnte so weitermachen, er könnte von Hewlett Packard sprechen oder von IBM, aber er fragt nur: „Kriege ich die guten Leute – oder kriege ich die nicht?“

Denn Trumpf, gegründet 1923, ist zwar ein Weltmarktführer: zwei Milliarden Euro Umsatz im Geschäftsjahr 2010/2011, 8500 Mitarbeiter weltweit, 2500 davon am Standort Ditzingen. „Aber“, sagt Rübling, „ich baue leider keinen schicken Porsche.“

Die Trumpf-Produkte sind sozusagen unsichtbar, man braucht sie, um andere Produkte zu bauen: Autoproduzenten, Waschmaschinenhersteller oder Schiffsbauer biegen, schneiden oder stanzen mit Trumpf-Werkzeugmaschinen ihre Bleche. Aber wenn die Bleche dann ein Auto, eine Waschmaschine oder ein Schiff sind, steht VW oder Miele oder Meyer Werft oben drauf.

Im Wettbewerb um die besten Köpfe musste sich Rübling also etwas einfallen lassen, und weil er gelernter Soziologe ist, fiel ihm zunächst etwas auf: „Wir haben eine unglaubliche Vielfalt an Lebensmodellen, aber wir haben nur ein einheitliches Arbeitsmodell: morgens kommen, abends gehen, lebenslänglich.“

Und Rübling hatte eine Idee: Lass’ die Leute doch so arbeiten, wie sie wollen!

Nicole Gaßmann, Mitarbeiterin im Kundenservice, wollte die Entschleunigung. Seit dem 1. Januar 2012 arbeitet die Stuttgarterin statt 35 Stunden nur noch 28 Stunden die Woche, statt fünf Tagen nur vier. Dafür verzichtet sie auf rund 300 Euro netto, „aber das leiste ich mir eben“.

Alle zwei Jahre darf sie neu entscheiden: Sie kann zu ihrer Basisarbeit von 35 Stunden zurückkehren, sie kann weiter reduzieren, sie kann aufstocken. Begründen muss sie ihre Wahl nicht.

Arbeitszeit aufgestockt

„Mahlzeit, Mario!“ In der Blechfertigung kennen die Arbeiter Mario Mörk (27). Der Leonberger hat hier zwischen den haushohen Werkzeugmaschinen gelernt, bei Trumpf ließ er sich zum Industriemechaniker ausbilden, er machte seinen Maschinenbautechniker und den Fertigungssteuerer, er wurde zum Synchro-Spezialisten.

„Synchro“, Mörks Augen leuchten, wenn er davon spricht, „das ist eine Philosophie!“ Im synchronen Produktionssystem, kurz Synchro genannt, geht es um die Minimierung der Verschwendung von Zeit, Material, Arbeitskraft. „Es geht um die ständige Verbesserung“, erklärt Mörk, mit dem Klemmbrett in der Hand steht er im blauen Trumpf-Kittel in der Produktionshalle: „Wo sind Fehlerquellen? Wo gibt es noch Potenziale?“

Potenziale erkennen: „Ich bin ein konservativer Mensch“, sagt Mörk über sich selbst. Er möchte ein Haus kaufen, da sollte der Eigenkapitalanteil so hoch wie möglich sein. Zum 1. Januar hat der 27-Jährige seine Arbeitszeit von 35 Stunden auf 40 Stunden aufgestockt. „Genug Arbeit ist ja da“, sagt er. Bis zu 300 Euro netto verdient er jetzt mehr im Monat.

Mario Mörk ist noch jung, er hat eine feste Freundin. Vielleicht will er später eine Familie gründen, dann kann er die Arbeitszeit wieder herunterschrauben. Er könnte sogar zwei Jahre lang ganz zu Hause bleiben, wenn er die beiden Jahre davor für den halben Lohn arbeitete. Das Trumpf-Modell ermöglicht ein sogenanntes Sabbatical.

Im Büro des Arbeitsdirektors steht neben dem Giacometti-Plakat ein Flipchart, mit schnellen Strichen zeichnet Rübling sein Arbeitszeitmodell aufs Papier, „Bündnis für Arbeit 2016“ ist der offizielle Name.

Rübling malt eine Basisarbeitszeit von 35 Stunden wöchentlich aufs Blatt, man kann sie hochfahren zu einer Wahlarbeitszeit von bis zu 40 Stunden oder runterfahren auf bis zu 15 Stunden. Jeder Mitarbeiter kann zudem bis zu 1000 Stunden auf ein Freizeitkonto einzahlen. Und er kann zusätzlich ein oder zwei Stunden pro Woche für die betriebliche Altersvorsorge arbeiten; der Arbeitgeber zahlt darauf einen Zuschuss und verzinst das Ganze mit 4,25 Prozent.

Synchro-Spezialist Mario Mörk, der sich selbst konservativ nennt, nutzt auch dieses Angebot. „75 Prozent der Belegschaft am Standort tun das“, sagt Rübling.

Aufgewertet

Darf denn jeder Mitarbeiter die neue Freiheit nutzen?

Rübling lächelt. Da war dieser Motorradfahrer, vier Monate lang wollte er Mexiko bereisen. „Geht nicht“, befand der Abteilungsleiter, „das ist der einzige Mann, den ich habe für den Job.“ Haja?, fragte der Arbeitsdirektor, das ist ja interessant. Und was machen Sie, wenn der Mann kündigt? Oder wenn er krank wird?

Der Motorradfahrer durfte nach Mexiko reisen, der Abteilungsleiter wurde angewiesen, schleunigst seinen Personalstamm zu vergrößern.

Wie groß ist der bürokratische Aufwand? „Dank moderner IT-Technik ist das kein Problem“, sagt Rübling. Und die Kosten? „Ich gehe davon aus, dass ich Geld spare“, rechnet er vor: „Die Personalrekrutierung geht schneller, wenn ich den Job anbieten kann, der zum Bewerber passt.“ Was sagen die Mitarbeiter? „Im März testen wir die Zufriedenheit“, sagt Rübling, dann steht die nächste Mitarbeiterbefragung an.

Die meisten verlängern

Im Kundenservice sitzt Nicole Gaßmann vor ihren zwei Computermonitoren, auf dem Kopf trägt sie ein Headset. Sie sagt: „Ich fühle mich aufgewertet, weil ich selbst entscheiden darf.“ Die Sache mit dem Entschleunigen müsse sie freilich noch üben, „noch lege ich auf den freien Tag immer alle Behördengänge und Arztbesuche“.

Mario Mörk berichtet stolz in der Blechfertigung: „Übermorgen habe ich den Notartermin für mein Haus!“

500 Mitarbeiter am Standort Ditzingen haben ihre Arbeitszeiten mit dem „Bündnis für Arbeit 2016“ verändert, 90 Prozent von ihnen haben die Arbeitszeit erhöht. Aber Direktor Rübling zielt mit dem Modell vor allem auf künftige Mitarbeiter: „Wenn wir die guten Leute kriegen wollen, müssen wir ihnen das bieten, was sie wollen.“

Mehr Bewerbungen

Da war diese junge Ingenieurin, zehn Minuten weiter bei Porsche hatte sie ihre Doktorarbeit geschrieben. Anschließend bekam sie Angebote von Porsche, Mercedes und Trumpf. Sie entschied sich für Trumpf, die unsichtbare Marke. Warum? „Ihr Partner hat gesagt: Wenn du da hin gehst, müssen wir uns für den Fall, dass wir einmal Kinder wollen, keine Sorgen machen.“

Mehr Bewerbungen

Die Presseinterviews. Die Termine mit neugierigen Firmenchefs. Und dann die vielen Vorstellungsgespräche: Seit es das „Bündnis für Arbeit 2016“ gibt, hat die Zahl der Bewerbungen bei Trumpf um 50 Prozent zugenommen. „Unser Modell spricht sich herum“, stellt Rübling fest.

Eigentlich, sagt der gelernte Soziologe, würde er gern für einige Monate an die Uni zurückkehren, um das Thema „Anders arbeiten“ zu er forschen. „Das kommt nicht in Frage“, befand die Trumpf-Vorstandsvorsitzende, Nicola Leibinger-Kammüller. So kam es zum bislang einzigen Ablehnungsfall im Trumpf- Arbeitszeitmodell: Dr. Gerhard Rübling, Arbeitsdirektor.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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