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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Langsam verschwindet der Meiler

02.11.2019

Kleinensiel Schafe grasen blökend auf dem Deich. Die umliegenden Felder sind abgeerntet, die Bäume herbstlich bunt. Die Wesermarsch-Landschaft ist idyllisch. Durch die Nebelschwaden wirken die Umrisse der riesigen Kuppel des Kernkraftwerkes Unterweser (KKU) unwirklich. Seit Mitte der 1970er Jahre steht die Nuklearanlage schon dort und äußerlich wird sich daran bis 2032 nichts ändern, denn der 2018 begonnene Rückbau läuft von innen nach außen. Zuerst wird der strahlungssensible Kontrollbereich komplett entkernt. Erst ab 2032 beginnt dann der konventionelle Abriss.

Von Abbruch spricht Gerd Reinstrom deshalb im Moment lieber nicht. „Da denken die Menschen gleich, da rollt der Bagger“, sagt Reinstrom, der schon seit 1982 im KKU arbeitet und die Anlage seit 2013 leitet. „Der Rückbau ist eine filigrane Demontage.“ Und daran sind viele beteiligt. Der Parkplatz vor der Anlage ist voll. 165 eigene Mitarbeiter sind an dem Rückbau beteiligt und 160 Beschäftigte von Drittfirmen.

Seit dem 21. Februar 2019 ist das Werk brennstofffrei. Die Brennelemente lagern in 40 Castorbehältern mit je neun Elementen in einem getrennten und gesicherten Nebengebäude, das der Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) untersteht. Im Frühjahr 2020 sollen die Unterwasser-Arbeiten an den Einbauten des Reaktordruckbehälters beginnen. 2032 soll der sogenannte nukleare Rückbau beendet, also der besonders geschützte Kontrollbereich abgebaut sein. Soweit der Zeitplan.

Die Beschäftigten des Kernkraftwerkes haben sich alle schon mal in grauen oder olivgrünen Unterhosen, Trägerunterhemden und schicken Badeschlappen gesehen. Das Umziehen ist alltägliche Mehrfachroutine. Privatkleidung in den Spind legen, Feinrippwäsche und Schlappen anziehen, dann durch die Schleuse, wo die Strahlung anhand von zwei Dosimetern gemessen und kontrolliert wird, raustreten und den orangen Overall, orange Socken und weißen Schuhe anziehen. Es gibt mehrere Schleusen. Das ganze zwei, drei Mal am Tag.

Die Arbeitskleidung wird in der eigenen Wäscherei gewaschen. Lars Wiese kennt das Prozedere seit Jahren. Der Strahlenschutz-Ingenieur war acht Jahre beim Rückbau des AKW Würgassen (NRW) dabei und kam 2015 in die Wesermarsch. „Wir wollen verhindern, dass über die Kleidung beim Verlassen des Kontrollbereichs eventuell radioaktive Stoffe auf das Betriebsgelände gelangen können“, formuliert Wiese das Ziel des täglichen Umziehens.

Im sogenannten Ringraum, der den unteren Teil des Kraftwerkes ringförmig umläuft, wird derzeit Platz geschaffen für die Reststoffverarbeitung. An den Wänden des schlauchförmigen und zwei Meter unter der Erdoberfläche verlaufenden Ringraums sind Gradzahlen zur Orientierung angebracht, die bis 360 Grad gehen. Es gibt viele Gänge, Treppen und Aufzüge. „Wer das erste Mal hier ist, der kann sich nur verlaufen“, sagt Werkssprecher Jörg Gaspar. Ungefähr auf 67,5 Grad wird derzeit ein 4,10 Meter hoher Nischenraum vermessen, wo bis vor Kurzem ein riesiges Nachkühlsystem stand. Dort soll eine Nassstrahlanlage hin, um abgebaute Montageteile zu reinigen.

Insgesamt fallen beim Rückbau im Kontrollbereich 193 000 Tonnen Abfälle an. Nur zwei Prozent sind radioaktiver Abfall wie die Brennelemente, die für die Endlagerung bestimmt sind. Vom Gesamtvolumen sollen 11 600 Tonnen freigemessen werden. In dem nicht unumstrittenen Freimessungsverfahren gelten Baureste dann als unbedenklich, wenn sie eine Strahlendosis von 10 Mikrosievert pro Jahr und Person nicht überschreiten.

Der Arbeitskreis Wesermarsch ist einer der schärfsten Kritiker des Rückbauprozesses. Die Initiative klagte gegen die Stilllegungsgenehmigung, weil sie wichtige Vorgaben für nicht erfüllt hält, und den Rückbau sieht Hans-Otto Meyer-Ott vom Arbeitskreis mehr als kritisch. Er will eine Lagerung der Abfälle auf der 20 Kilometer entfernten Deponie Brake-Käseburg verhindern. „Nach der Strahlenschutzverordnung ist sie dafür nicht geeignet“, sagt er.

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