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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Entschärfung: Klingel-Kontrolle im Sperrgebiet

17.12.2011

CLOPPENBURG Das ist sein Haus, das graue Kästlein da unten auf dem Evakuierungsplan, aber der schwarze Strich geht mitten hindurch. „Grenzgebiet“, sagt Christopher Korth, der 61-jährige Ingenieur steht am Landwehr und guckt ein bisschen ratlos über seinen Gartenzaun: Die Fensterläden sind geschlossen, dahinter schläft sein Vater Helmut, 97 Jahre alt, es ist ja erst kurz nach 9 Uhr. Muss der alte Herr evakuiert werden wie der Nachbar links – oder darf er bleiben wie der Nachbar rechts?

Ein paar Meter weiter, in der Augustin-Wibbelt-Straße, klingelt bereits die Feuerwehr. „Mal gucken, ob diesmal jemand aufmacht“, sagt Theo Schlömer (61) von der Freiwilligen Feuerwehr Emstek und grinst, er kennt die Antwort schon: Die Straßen in der Evakuierungszone sind wie ausgestorben. Aus der Hermann-Löns-Straße winken zwei Polizisten herüber. „Menschen haben wir nicht gefunden“, ruft einer, „bloß das hier“, er wedelt mit einem zerknitterten Evakuierungsplan. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagt Schlömer, „die Leute wissen also Bescheid.“

500-Meter-Radius

Mitten in der Stadt, gegenüber der St.-Andreas-Kirche, liegt eine britische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg im Dreck, sie wiegt fünf Zentner. Sprengmeister Oltmann Harms aus Ruhwarden (Landkreis Wesermarsch) soll sie um 11 Uhr entschärfen, deshalb müssen 5000 Cloppenburger bis 9 Uhr ihre Häuser verlassen haben. Die Stadt hat einen strengen 500-Meter-Radius um den Fundort gezogen.

Christopher Korth geht in sein Haus und weckt seinen Vater. „Eine Bombe?“, fragt der verdutzt, „aus dem Weltkrieg?“ Erinnerungen an früher werden wach, der alte Mann ist sehr nervös. Korth geht noch einmal nach draußen, am Ende der Straße sieht er Theo Schlömer und die Polizisten. Ob sein Vater bleiben darf? „Das muss die Einsatzleitung entscheiden.“

Wer sein Haus nicht selbstständig verlassen kann, kann Hilfe rufen, zum Beispiel über das Bürgertelefon.

Auf dem Parkplatz vor dem Museumsdorf sitzt Frank Lüllmann vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in einem VW-Bus, bei ihm landen die Hilferufe als Auftrag. „Eine gehbehinderte alte Dame“, ruft er, „den Namen haben wir nicht, nur eine Adresse.“ Maik Matthäus (23) und Oliver Meyer (20) steigen in Einsatzwagen 45-64.

Sie fahren an einer ersten Straßensperre vorbei und an einer zweiten, „da hinten ist die Bombe“, sagt Matthäus; er zeigt auf den grünen Speziallastwagen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes und die meterhoch gestapelten Sandsäcke, dann biegt er nach rechts ab.

Kurz hinter der Evakuierungsgrenze finden sie die alte Dame, sie ist total durchnässt. „Ich wollte nur schnell einkaufen gehen“, erklärt die 84-Jährige, „ich dachte, wenn ich wiederkomme, ist alles vorbei mit der Bombe. Aber das dauert ja länger, und jetzt kann ich nicht zurück nach Hause.“ Matthäus und Meyer helfen ihr in den Einsatzwagen, „wir bringen Sie zur Stadthalle“, sagt Oliver Meyer. Wagen 45-64 fährt zurück ins Sperrgebiet.

Warten in der Stadthalle

Die Stadthalle liegt direkt hinter dem schwarzen Strich, im Eingang warten Anna Abeln (21) und Dörte Harries (44) mit einer Liste. „Jeder wird hier registriert“, erklären die beiden Rotkreuzhelferinnen, „beim Reingehen und beim Rausgehen.“ „Hasse, Edith“, diktiert die alte Dame Abeln und Harries in den Block. Sie ist Nummer 99 auf der Evakuierungsliste.

„Hoffentlich geht alles gut“, sagt Edith Hasse, „die Druckwelle von so einer Bombe kann alles ganz schön durcheinanderwirbeln. Meine Generation weiß das genau!“

Über der Stadthalle säbelt sich ein Hubschrauber durch graue Wolken, er soll herausfinden, ob noch Menschen auf den Straßen unterwegs sind. Aber schon bald meldet sich der Pilot bei der Einsatzleitung ab: Er fliegt zurück nach Rastede, die Sicht ist einfach zu schlecht.

Am Landwehr ist Helmut Korth, 97 Jahre alt, inzwischen evakuierungsbereit. Er hat sein Geld eingesteckt und seine Papiere, bloß die Schuhe fehlen noch. „Frühstücke ruhig erst etwas“, sagt Christopher Korth zu seinem Vater. Aber sein Vater will nicht, er ist zu aufgeregt.

Nur ein paar Straßen weiter, im Mannschaftsraum der Feuerwehr, entscheidet derweil die Einsatzleitung über die Evakuierungsmaßnahme Korth. Ergebnis: Der alte Mann darf bleiben.

Im Mannschaftsraum steht rechts ein geschmückter Weihnachtsbaum, links daneben leuchtet eine Leinwand, sie zeigt den Evakuierungsplan mit dem schwarzen Strich. Der Bürgermeister ist da, die Polizei, Vertreter des Landkreises sind gekommen. Es ist jetzt kurz nach 11 Uhr, Sprengmeister Harms hat gegenüber der St.-Andreas-Kirche mit seiner Arbeit begonnen. „Bislang ist bei uns alles sehr gut gelaufen“, berichtet Polizeisprecher Frank Soika. Rund 400 Helfer waren im Einsatz, es gab 51 Evakuierungsfahrten.

Da platzt Feuerwehrmann Hubert Schröder in die Runde: „Die Bombe ist entschärft!“ Es ist 11.23 Uhr, Polizeisprecher Soika eilt zum Dienstauto, auch Bürgermeister Dr. Wolfgang Wiese fährt zum Fundort.

Dort steht Oltmann Harms neben den Sandsäcken im Regen, in der Hand hält er den Metallzünder. Die Bombe liegt transportbereit hinter ihm auf der Laderfläche des grünen Speziallasters, in Munster soll sie in Kürze gesprengt werden. Der 62-Jährige verzieht keine Miene, als er die Glückwünsche des Bürgermeisters entgegennimmt. Das hier war vermutlich sein letzter Job: Nächste Woche geht er in den Ruhestand.

Detonator fehlt

Soika gibt eine Meldung an alle Rundfunkstationen frei, auch Stadthalle und Sporthalle Leharstraße werden informiert: Die Evakuierungszone hinter dem schwarzen Strich ist aufgehoben.

„Das ist schon komisch“, sagt Christopher Korth in seinem Haus am Landwehr, „wir haben früher an der Langen Straße gewohnt – und da, wo die Bombe lag, haben wir als Kinder gespielt.“ Er schüttelt den Kopf; was da alles hätte passieren können.

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Am Fundort verzieht Oltmann Harms jetzt doch eine Miene, er lächelt. Diese Bombe, sagt er, hätte niemals explodieren können, „sie hatte gar keinen Detonator“. Aber so etwas weiß auch ein Kampfmittelexperte immer erst hinterher.

 ?zeigt einen Beitrag unter http://www.NWZonline.de

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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