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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

gnadenhof: Letzte Station für betagte Reitpferde

18.10.2011

RüDERSHAUSEN Der Moorboden bebt spürbar, noch bevor die Tiere zu sehen sind. Dann preschen sie um die Ecke: Die Mähnen flattern im Wind, als etwa 40 Großpferde auf die Weide galoppieren. Sie haben ausgedient. Rückenprobleme, Arthrose und andere Krankheiten machen die Tiere für den Reitsport unbrauchbar. Auf dem Gnadenhof „Pferdeoase“ von Bernhard Kutz und Ingrid Lindenberger dürfen sie in Ruhe altern.

Bernhard Kutz umarmt jedes einzelne der über 40 Vereinsmitglieder und die Freunde, die heute zum Helfen gekommen sind. Seine 70 Jahre sind dem drahtigen kleinen Mann mit dem grauen Lockenkopf und dem bayrischen Akzent nicht anzusehen. Kutz läuft von einer Seite des Hofes zur anderen, vergibt Trensen und Halfter und teilt Gruppen ein.

Höhepunkt dieses Tages wird für alle Helfer der Moment sein, in dem alle Tiere von den drei Sommerweiden geholt und vereint auf die große Übergangsweide hinterm Haus gelassen werden, bevor sie dann zwei Wochen später in den Stall kommen.

Lebensabend geopfert

„Die beiden könnten sich einen wirklich schönen Lebensabend machen. Stattdessen arbeiten sie sich von sechs Uhr morgens bis elf Uhr abends halb tot“, flüstert eine Frau der anderen zu, die stumm nickt. Bernhard Kutz kümmert sich seit 1985 auf dem Gnadenhof um das Wohl ausrangierter Pferde. Manche werden hier über 30 Jahre alt.

„Turnierpferde gehören zu den am wenigsten artgerecht gehaltenen Tieren überhaupt“, findet er, und Ingrid Lindenberger stimmt ihm zu. Die statistische Lebenserwartung von Sportpferden liege bei 7,2 Jahren.

Früher mal saß Kutz auf der anderen Seite. Als Jockey feierte er 196 Siege in 13 Jahren. Dann beendete ein Unfall seine Karriere. „Ich habe gesehen, wie unmenschlich viele ihre Tiere behandelt haben. Ich habe mich dazu entschlossen, das zurückzugeben, was die Pferde mir gegeben haben“, sagt er. Von anfangs 16 auf jetzt 60 Hektar hat sich die Pferdeoase inzwischen erweitert. „Einige der Tiere hier hatten 14 Besitzer – das ist grausam“, sagt Lindenberger.

Viele Gnadenhöfe hat Kutz besichtigt, in keinen, betont er, würde er seine Pferde geben: „Da leben die Pferde am Ausgang einer Mülldeponie“ – Kutz’ Stimme wird lauter, als er das sagt, dann macht er eine Pause, als könne er es selber nicht fassen. 10 000 Anmeldungsformulare hat er im Raum Oldenburg verteilt, um Werbung für seinen Verein zu machen. Nur 30, sagt er, seien zurückgekommen.

Im Gänsemarsch zur Weide

Die erste Gruppe ist jetzt an der ihr zugeteilten Weide angekommen. Unter ihnen ist auch Ulrich Clemen. Seitdem er das Pony seiner Tochter hierher gebracht hat, ist er Vereinsmitglied. Inzwischen ist „Baldour“ tot, aber der 67-Jährige Elsflether ist noch dabei. Von allen Seiten laufen die Pferde auf die Gruppe Menschen zu, die am Gatter auf sie warten. Die meisten lassen sich problemlos ans Halfter nehmen. „Die wissen schon, was jetzt kommt, und freuen sich auf die anderen“, sagt Clemen. Dann setzt sich der Tross in Bewegung, zu Fuß geht es am rechten Straßenrand in Richtung Gnadenhof.

Hans-Hermann Lagershausen ist Tierarzt in Berne. Er kennt die Problematik: Viele Mädchen wollen reiten, denken beim Kauf aber nicht daran, dass das Tier mal alt wird und dann Geld kostet. „Es gibt vor dem Gesetz nur zwei Gründe, ein Pferd zu töten: Entweder Sie wollen es essen, oder es ist unheilbar krank“, erklärt der Mediziner.

Jedes Pferd braucht seit dem Jahr 2000 einen sogenannten „Equidenpass“. Dort wird festgelegt, ob das Tier später geschlachtet werden darf. Lagershausen rät dazu, die Option der späteren Schlachtung nicht von Anfang an auszuschließen. Viele entscheiden sich allerdings dagegen. Zum einen wollen sie die Tiere schützen, zum anderen wird die Behandlung im Krankheitsfall schwer. „Nur wenige Medikamente sind für Schlachtpferde zugelassen“, erklärt Lagershausen.

Ulrich Clemen führt heute zum ersten Mal Hengst Robadour. Der zuckt ab und zu mit dem Kopf, lässt sich aber – auch mit Hilfe von Lockmöhren – ansonsten widerstandslos die Straße entlangführen. Dass er krank ist, sieht man dem stämmigen Tier mit dem glänzenden Fell nicht an. „Er hat Hüftprobleme und kann deswegen nicht mehr geritten werden“, erklärt Clemen.

„Wir sind aus Niederbayern hierhergekommen und haben gesehen, wie gut der Moorboden in der Wesermarsch für die Gelenke der Pferde ist“, erzählt Bernhard Kutz, als alle Tiere auf dem Hof angekommen sind. „Wir dachten, hier ist ein Zuchtgebiet, hier gibt es 10 000 Zuchtpferde – da müssen doch alle gleich mitmachen bei unserer Idee“, sagt Kutz und zieht die Mundwinkel nach unten und die Augenbrauen nach oben. „Das Schneeballsystem hat nicht funktioniert.“

Die Boxen sind voll

Dem Gnadenhof fehlt Geld. „Hier rufen ständig Leute an, zehn Pferde musste ich allein in der letzten Woche ablehnen, denn unsere Boxen sind voll. Ein Pferd kostet vier Euro am Tag, inklusive allem drum und dran“, sagt Kutz ernst. Mehr könne er nicht leisten. Gern würde er weiter anbauen und noch mehr Pferden helfen, auch wenn er zusammen mit einer Ein-Euro-Kraft den Hof bewirtschaftet. Nur zehn Euro kostet die Mitgliedschaft im Jahr – die Masse hätte es bringen sollen.

Als die Pferde schließlich gemeinsam auf die Weidefläche gelassen werden, stehen die Helfer noch lange und schauen ihnen beim Toben zu. Viele werden erst im Frühling wiederkommen. Solange werden Bernhard Kutz und Ingrid Lindenberger die Stellung halten.

 @ Mehr Bilder unter http://www.NWZonline.de/fotos-region Der Equidenpass ist seit Juli 2000 erforderlich. Durch die von der Europäischen Union (EU) getroffene Entscheidung ist der Pass für alle Pferde, Ponys und Esel vorgeschrieben, unabhängig von deren Nutzungsart.

Einige Medikamente dürfen im Krankheitsfall nicht mehr verabreicht werden. Ob ein Tier später geschlachtet werden darf, wird in dem Pass vorab verbindlich festgelegt. Aspirin ist dann beispielsweise tabu.

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Die Pferdeoase in Rüdershausen zählt etwa 150 Mitglieder. Der Mindestbeitrag beträgt 10 Euro im Jahr. Die Pferde können sich auf 50 Hektar Weideland austoben.

 @ Mehr Infos unter

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