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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Liebeserklärung an das Wattenmeer

09.06.2011

BREMEN Immer dann, wenn sich das Meer dem Druck der Gezeiten beugt und sich das Wasser zurückzieht, lässt die See einen Blick in ihr Innerstes zu. Das ist an jenem strahlend schönen Sommertag im Juni 2009 nicht anders. So empfindsam, so schutzlos und so rein wirkt sie aus der Vogelperspektive betrachtet. Sie hat eine zarte Haut mit Poren, die sich öffnen und wieder schließen. Doch das wirklich Einzigartige sind diese feinen, spinnennetzartigen Falten. Wattrinnen sagt der Meereskundler nüchtern dazu. Aber klingt das nicht zu profan? Sind es nicht auch Spuren einer langen Evolutionsgeschichte?

Spionagekamera für CIA

Zwei Jahre später. Eine Menschentraube steht auf der Straße vor dem Bremer „Cinema“ im Ostertor. Sie alle sind gekommen, um sich vorab einen Kinofilm anzuschauen, der an diesem Donnerstag seine Premiere feiert. „Die Nordsee von oben“ heißt dieser Streifen, der nur ein Thema kennt: die Nordsee von oben. Als „exotischen Heimatfilm“ kündigen die beiden Produzenten, Silke Schranz und Christian Wüstenberg, ihr Projekt an. Sie schwärmen von „Farben wie in der Südsee“, Bildern, die Kunstwerken ähneln und einer Natur, die ihrem Maler Modell stand. Christian Wüstenberg weiß, dass das gewagte Worte sind. („Als braune Brühe ist sie einem eher im Gedächtnis.“) Und fast schon entschuldigend fügt er hinzu, dass er selber gebürtiger Otterndorfer ist und „platt war“, als er die Panoramabilder erstmals gesehen hat. Schnell gibt er noch ein paar Hintergrundinformationen preis: Ein volles Jahr haben der 41-Jährige und seine Lebensgefährtin in die Fertigstellung des Films gesteckt, 38 Stunden Bildmaterial ausgewertet. Das Ergebnis ist eine 90-minütige Liebeserklärung ans Wattenmeer. „Doch bevor wir jetzt zu lange schnacken: Film ab!“, gibt Silke Schranz endlich die Ansicht frei.

Was folgt, ist ein Leinwandflug, bei der die Gesetze der Schwerkraft scheinbar ausgehebelt sind. Festgeschnallt im roten Kinosessel wird der Zuschauer auf eine Reise mitgenommen, die bei den Ozeanriesen der Meyer Werft im emsländischen Papenburg startet. Von dort geht es zum Autoverladehafen in Emden. Die Route führt vorbei am rot-gelb geringelten Pilsumer Leuchtturm, an Robbenkolonien, einsamen Sandbänken und an von Menschen bewohnten Inseln. Die Helikopterkamera („Eine Spionagekamera, die ursprünglich für den CIA entwickelt wurde“, ist Wüstenberg stolz) tastet sich weiter voran: Spiekeroog, Langeoog und Wangerooge erscheinen im Zoomer. Immer näher fokussiert sich das Teleobjektiv auf Ausschnitte. Weg vom großen Ganzen könnte das Motto lauten. Quadrate aus Salzwiesen sind zu sehen, Priele wie Blutadern – eine Geometrie, für deren Anordnung es keinen Mathematiker braucht. Die Sonne lässt das alles in changierenden Grüntönen schimmern – Smaragd, Oliv oder Tannengrün. Die Farbpalette ist gewaltig. Und dann ist da auch noch diese unendliche Weite. Sehnsuchtsbilder, die zum Träumen einladen. Doch wo ist eigentlich das typische Nordseewetter mit seiner stürmischen Brandung und den Schaumkronen auf den Wellen? „Das kennt man doch zu genüge“, winkt Wüstenberg ab.

Ein Raunen geht durch den Kinosaal: „Waren wird da nicht schon...?“ und „Sollen wir nicht mal...?“ wird geflüstert, als Harlesiel, Jadebusen und Kaiser-Wilhelm-Brücke in Wilhelmshaven von oben auftauchen. Wie kleine Bauklötze sehen die bunten Strandkörbe am Südstrand aus tausend Meter Höhe aus. Der Mensch schrumpft dabei auf Ameisengröße.

Trügerische Idylle

Mal mit ruhiger Hand, dann plötzlich im Schweinsgalopp wird die Reise fortgesetzt. Auch „das Land hinter dem Deich“ wird gewürdigt. Es gehört ja doch alles irgendwie zusammen, erklärt die Stimme aus dem Off.

Wesermündung und Bremerhaven treten ins Bild. Es geht weiter gen Norden. Neuwerk und Cuxhaven werden abgearbeitet. Vogelgezwitscher, Helikoptergeräusche und das Blöken von Schafen unterlegen den Film akustisch. Mit einem Augenzwinkern wird das geschäftige Hin- und Herfahren der Hubwagen im Hamburger Containerhafen von Wiener-Walzer-Klängen begleitet. Stumpfe Arbeitsabläufe, die wie eine durchdachte Choreografie wirken. Aber auch der Flügelschlag eines Vogelschwarms entwickelt eine ganz eigene Faszination. „Ist das nicht toll?“, schwärmt Christian Wüstenberg, so als wollte er sagen: „Die Perspektive verändert eben alles.“

Dass die Idylle trügerisch ist, wird im Film nicht verschwiegen. Ausgelöst durch Sturmfluten, aber auch von Menschenhand erzeugt. Technische Meisterleistungen wie die Papenburger Ozeandampfer, die geplante Elbvertiefung oder eine Ölplattform mitten im Weltkulturerbe Wattenmeer sprechen für sich. Sie mahnen und wollen dem Zuschauer bewusst machen, dass das 4410 Quadratkilometer umfassende Gebiet ein fragiles Ökosystem ist – und jederzeit zerbrechen kann.

Mit irritierend schönen Bildern wird der Zuschauer entlassen. Die Reise ist vorbei, doch die Eindrücke bleiben.

Mirja Zipfel
Friesoythe
Redaktion Münsterland
Tel:
04491 9988 2902

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