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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Abenteuer auf einer einsamen Insel

10.10.2017

Mellum /Varel Bedächtige Stille liegt über dem Watt – kaum Wind und keine Wellen. Die kleine Düneninsel ist durch die dichte Wolkendecke in ein fahles Licht getaucht. Ein Schrei durchbricht das Idyll. Philip und Lukas schauen sich an. Sie wissen sofort, was los ist. „Das ist der Ruf einer Brandseeschwalbe“, sagt Lukas. Philip nickt.

Mit Seevögeln kennen sich der 26-jährige Philip Christophersen und der 19-jährige Lukas Folger aus. Sie sind zwei der vier Naturschutzwarte, die derzeit auf der Insel Mellum leben. 14 ehrenamtliche Männer und Frauen haben die Insel in diesem Jahr betreut. Mellum liegt etwa neun Kilometer von Horumersiel (Landkreis Friesland) entfernt – mitten im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Normalerweise ist die über 400 Hektar große Insel unbewohnt. Nur von März bis Ende Oktober leben dort Menschen – die Naturschutzwarte. Auf der Insel duzt man sich.

Im Rhythmus der Natur

Auf Mellum ticken die Uhren anders. Gemeinsam leben aktuell vier junge Männer nach dem Rhythmus der Natur.

Wenn die ersten Sonnenstrahlen sein Zimmer durchfluten, schlüpft Philip in eine kurze Hose und zieht einen Pullover über. Er durchquert den Flur, vorbei am leuchtend gelben Friesennerz von Lukas und den dunkelgrünen Wathosen, es geht raus an die frische Luft. Barfuß läuft er über die Trampelpfade aus zusammengepresstem Sand, Gras und Gewöhnlichem Strandhafer.

Sein schwarzes A6-Notizbuch mit roten Ecken und einem Bleistift trägt Philip stets griffbereit bei sich. Denn die wichtigste Aufgabe der Naturschutzwarte ist die Beobachtung und Dokumentation. Auf seinem Kontrollgang notiert er Veränderungen in Flora und Fauna sowie sämtliche Vogelarten, die er hört und sieht: eine weibliche Kornweihe, eine Steppenweihe oder einen Gelbbrauen-Laubsänger. Gelebt wird auch nach den Gezeiten. „Außerhalb des Deiches können wir uns nur bei Niedrigwasser aufhalten, sonst schrecken wir die Vögel auf“, erklärt der Student. Das Wichtigste auf der Insel ist: so wenig wie möglich in die Natur eingreifen.

Das Kurzhalten von Bewuchs rund um das Haus zum Feuerschutz, sich um die Station kümmern, Menschen informieren und die Zusammenarbeit mit den Naturschutzbehörden und der Nationalparkverwaltung gehören ebenfalls zu den Aufgaben.

Lukas steigt 29 Stufen hinauf und blickt von der Holzplattform mit dem Spektiv, einem Beobachtungsfernrohr, über die Insel. Er wirkt glücklich. „Wenn ich ganz oben auf dem Turm stehe, fühle ich mich wie der König der Insel“, sagt er und lacht. Ihn reizt es, den ganzen Tag draußen zu sein. Nach seinem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) auf Wangerooge hatte der gebürtige Bremer Lust, eine weitere Insel kennenzulernen. Da der Abiturient noch nicht weiß, wie er seine berufliche Zukunft gestalten möchte, hat er sich auf Mellum sozusagen eine Auszeit genommen.

Gefangen fühlen sich die beiden nicht. Eher frei in ihrer Arbeit. Mit dem Handy können sie, wenn sie auf dem Deich stehen, mit ihren Familien und Freunden telefonieren oder schreiben, denn guter Empfang ist bei typischem Nordseewetter keine Selbstverständlichkeit.

54 000 Müllteile am Tag

Zum Schutz der Insel Mellum gründete sich 1925 der Mellumrat. Die Naturschutz- und Forschungsgemeinschaft betreibt neben Mellum auch die Stationen auf den Inseln Minsener Oog sowie Wangerooge. „Uns liegt die Aus- und Weiterbildung besonders junger Menschen in Sachen Naturschutz am Herzen. Hier leisten wir wichtige Basisarbeit“, sagt der Vereinsvorsitzende Dr. Thomas Clemens. Er sitzt auf einer gepolsterten Bank und blickt vom Ausflugsschiff „MS Wega II“ auf die graue Nordsee.

Der 70-jährige Vareler nutzt jede Gelegenheit, um auf die Insel zu kommen. In diesem Jahr gab es nur vier Exkursionen dorthin. Eins seiner Ziele ist es, die Menschen für den Naturschutz zu sensibilisieren.

Wie wird man Naturschutzwart?

Für die kommende Saison sucht der Mellumrat bereits Naturschutzwarte. Wer in der Zeit von März bis Oktober für mindestens vier Wochen auf der Insel auf der Insel ehrenamtlich im Naturschutz arbeiten möchte, kann sich jetzt bewerben.

Die Unterlagen sollten an die Email-Adresse info@mellumrat.de geschickt werden.

Weitere Informationen zur Mitgliedschaft im Mellumrat oder den Naturschutzwarten gibt es unter der Telefonnummer 04451/84191.

So geht es auch Naturschutzwart Philip. Er studiert in Karlsruhe „Biodiversität und Umweltbildung“. Auf Mellum absolviert er ein Praktikum. Im Zivildienst auf Amrum hat er bereits erste Erfahrungen gesammelt. „Mir ist es wichtig, unsere Umwelt zu schützen“, sagt Philip und lächelt.

Vorsichtig watet er durchs Watt. Patsch. Er spürt etwas Hartes unter seinen Füßen – ein Stück Plastik. Er hebt es auf. Einige Meter weiter entdeckt er einen leuchtend roten Fleck. Es ist der Teil eines Fischernetzes. Einige Meter weiter haben die Wellen einen Ball angespült. Beides packt er und trägt es zur Station. Dort liegt ein riesiger weißer Sack, in dem der Müll gesammelt wird.

Alle zwei Jahre lesen die Naturschutzwarte mit etwa 40 freiwilligen Helfern Müll auf: Plastikfolien, Luftballon-Reste, Glasscherben, Trinkbecher, Verpackungsfolien, Bälle, Wurstpellen, Spielzeuge und so weiter. 2013 sammelten sie an einem Tag am Strand und in den Dünen rund 54 000 Müllteile (etwa 16 Kubikmeter). Diese Aktionen dienen dazu, das öffentliche Bewusstsein für die Problematik des Meeresmülls zu fördern, so Dr. Thomas Clemens.

Tote Tiere einsammeln

Ein Vogel liegt regungslos auf dem grauen Wattboden. Vorsichtig beugen sich Lukas und Philip über das Tier und stellen fest: Die Eiderente lebt nicht mehr. Lukas zieht seine Handschuhe und eine Plastiktüte aus der Tasche. Mit spitzen Fingern hebt er den verendeten Vogel in die Tüte. „Es ist schon unangenehm, sie anzufassen, wenn sie gerade gestorben sind“, sagt Lukas. Er verzieht das Gesicht.

Die Naturschutzwarte legen großen Wert auf einen respektvollen Umgang mit dem Tier. Sie legen es in eine Gefriertruhe, bis es mit dem Boot abtransportiert und für die wissenschaftliche Sammlung des Landesmuseums „Natur und Mensch“ in Oldenburg präpariert wird.

Bei routinemäßigen Strandkontrollen wurden in diesem Jahr bisher 90 tote Vögel registriert, wie eine Fluss-Seeschwalbe, ein Baßtölpel, ein Mittelsäger, drei Dreizehenmöwen, eine Mantelmöwe und eine Trauerente. Außerdem wurden 56 Seehunde oder deren Überreste mit Längen zwischen 35 und 95 Zentimetern sowie ein Schweinswal gefunden.

Den Insulanern pfeift der Wind um die Nase. Ein wenig Sand wirbelt durch die Luft. Die Dünen werden aufgeweht. Stürme sorgen dafür, dass sich die Insel ständig verändert. Die Sturmfluten nagen an Mellums Ufer. Sie spülen den angesammelten Sand davon. Schlickfelder verlagern sich. Die Insel Mellum ist ein Musterbeispiel ungestörter Dynamik.

„Tjü-dü-dü“ ruft es. Blitzschnell fluppen die Gummideckel vom Fernglas. Lukas dreht sich in die Richtung, aus der der Vogelruf stammt. „Ein Rotschenkel?“ fragt Philip, der ein Stück hinter ihm barfuß im Gras steht. Lukas, der den Vogel über den Salzwiesen fliegend erspäht hat, nickt. Philip notiert den Vogelnamen.

Die Naturschutzwarte auf Mellum arbeiten ehrenamtlich. Im Gegensatz zu Rangern sind sie nicht fest angestellt. 550 Männer und Frauen üben den Beruf des Rangers bundesweit aus. Elf davon sind im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer tätig. Sie widmen sich dem Naturschutz und betreuen Gäste.

Es ist nachmittags. Lukas und Philip gehen barfuß vorbei an den Schränken voller naturkundlicher Bücher. Dort sind Titel einsortiert wie „Pflanzen im Meer“ oder „Meeresfische“ ebenso wie Werke zur „Ökologie der Vögel“ im Regalbrett darunter. In der Ecke gegenüber steht ein kleiner Metallofen. Es riecht nach verbranntem Holz. Die jungen Männer füllen Kaffee in ihre Tassen. Mit beiden Händen umfassen sie die Becher.

Es fehlt Milch. Philip geht los. Aus dem dunklen Vorratsraum dringt ein verzweifeltes: „Oh nein!“. Lukas eilt hinzu. „Wir haben gestern keine Milch bekommen“, sagt Philip. Das bedeutet für die Inselbewohner: zwei Wochen darauf verzichten. Denn nur alle 14 Tage werden Lebensmittel mit dem Boot geliefert.

Plumpsklo im Bunker

Auf der Station ist Wasser und vor allem heißes Wasser ein kostbares Gut. Das Duschen ist ein Abenteuer. Lukas könnte kochendes und kaltes Wasser in einem Kessel mischen. Um dies zum Duschen nutzen zu können, müsste er den Plastikschlauch und die Gießkannenkappe aus dem Regal zusammenstecken und am Kanister befestigen. Meistens waschen sich die Inselbewohner jedoch einfach aus dem Kessel mithilfe einer kleinen Schüssel.

Genauso abenteuerlich ist Plumpsklo „Bruno“. Bei Wind zieht es ganz schön, denn es wurde draußen auf den Resten eines gesprengten Bunkers errichtet.

„Luxus gibt es hier nicht“, sagt Lukas – dafür aber Teamgeist. Die Insulaner lernen viel voneinander – nicht nur über Vögel und Pflanzen, auch über sich und das Zusammenleben. Das macht das Inselleben so besonders.

Anna Lisa Oehlmann
Volontärin, 3. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003

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Landkreis Friesland | Mellumrat

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