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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Macht der Moorschutz die Bauern kaputt?

22.11.2014

Hetthorn /Düring /Im Nordwesten Enno Schwarting ist entsetzt. Die rote Linie zieht sich am grünen Rand des Nachbarackers entlang. Nur ein schmaler Feldweg und ein paar kahle Bäume trennen das künftige Moorschutzgebiet von seinem Bauernhof. So will es die rot-grüne Landesregierung. Zumindest auf dem Papier. Denn unter dem Acker ist es gar kein Moor. „Da sind 40 Meter Sand drunter“, schüttelt Bauer Schwarting verständnislos den Kopf. Das hätten Probebohrungen ergeben. Der Sand wäre fast im Wesertunnel verbaut worden, Anfragen gab es. Doch der 57-jährige Landwirt wollte keinen See vor seiner Haustür – und will auch kein Moorschutzgebiet ohne Moor.

Rund 500 Meter weiter östlich beginnen die ausgedehnten Acker- und Gründlandflächen von Schwarting. Ein Misthaufen dampft in der zarten Novembersonne. Die Rapspflanzen wachsen auf Sandboden. Richtung Horizont fällt das Land zum Fluss Lune hin deutlich ab. Da sei nur Schlick drunter, erklärt Schwarting. Kein Moor weit und breit. Und trotzdem alles rot markiert auf den Karten des Agrarministeriums.

Futter für Milchvieh

Die Landwirte in Niedersachsen laufen Sturm gegen das neue Landesraumordnungsprogramm. Agrarminister Christian Meyer (Grüne) will rund 100 000 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche wiedervernässen und in Moore verwandeln. Angeblich vor allem, um den Torfabbau in diesen Gebieten zu verhindern.

Die Regionen an Ems und Weser, das Herz der Landwirtschaft, wären besonders betroffen. Alleine im Landkreis Cuxhaven, geprägt durch Milchviehhaltung, fürchten laut Landvolk mehr als 800 Betriebe um ihre Flächen. Einige sehen sich sogar in der Existenz bedroht. Rund 18 000 Hektar sollen dort als Vorranggebiet für Torferhaltung und Moorentwicklung ausgewiesen werden.

Bei Bauer Schwarting im Loxstedter Ortsteil Hetthorn schlagen die Moorschützer besonders hart zu. Von 110 Hektar Betriebsfläche sollen 75 Hektar ins Vorranggebiet. „Da bist du platt, da fällt dir nichts mehr zu ein“, beschreibt der Landwirt seine Gefühlslage. Fast eine Million Euro habe er in den vergangenen 15 Jahren in seinen Milchviehbetrieb investiert, für Ställe, Maschinen, Landkauf. Und jetzt? „Das ist mein Lebenswerk, dass durch das Gesetz kaputt gemacht wird.“ Dabei ist Schwarting sicher, dass es auf seinem Grund und Boden nur ganz wenige Stellen mit der geforderten Moorauflage von 1,30 Meter gibt. Die Karte des Ministeriums: völliger Quatsch. „52 Hektar sind falsch ausgewiesen.“

Im Juli dieses Jahres hat Meyer das Moorschutzprogramm vorgestellt: Land ankaufen, Torfabbau eindämmen, Moorflächen gewinnen, lautet die Zielvorgabe. Die Trockenlegung großer Flächen für die Landwirtschaft in früheren Zeiten bedrohe den Fortbestand der Moore, argumentiert Meyer. Dazu kommt der Klimaschutz. Mehr Moor gleich weniger Kohlendioxid, lautet die Formel. Torfindustrie und Naturschützer vereinbarten parallel, wo noch Torf abgebaut werden darf.

Und die Landwirte? Die protestieren, sammeln Unterschriften, schicken massenweise Stellungnahmen nach Hannover. Der Kreislandvolkverband Oldenburg schreibt einen Protestbrief, nennt Meyers Pläne „unerträglich und existenzbedrohend“. Das sei „verantwortungslose Panikmache wider besseres Wissen“ schlagen die Grünen im Landkreis zurück.

Im Landkreis Wesermarsch fürchten die Bauern eine „schleichende Enteignung“. Das Landvolk Köterende etwa zeichnet ein düsteres Bild, wenn die Gräben und Drainagen zur Entwässerung nicht mehr instandgehalten werden dürfen: wertvolles Acker- und Grünland säuft ab, Keller stehen unter Wasser, die Mückenplage ist vorprogrammiert. Moorschutz sei auch Schutz für die Häuser und die Grundlage der landwirtschaftlichen Existenz, hält die Bürgerinitiative „Moorfreunde Wesermarsch“ dagegen.

Das Landvolk in Cloppenburg wird konkret: „Die Hochmoorsiedlungen Hülsberg und Ostland und auch die Ortschaft Overlahe werden mit der Vorrangeinräumung für Torferhaltung und Moorentwicklung von der Landkarte verschwinden“, heißt es in der Stellungnahme der Gemeinde Bösel. Die Spitze des Ammerländer Landvolks protestiert direkt bei Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in der Staatskanzlei in Hannover gegen Meyers Moor-Pläne.

Zurück auf die andere Seite der Weser in den Landkreis Cuxhaven. Bei Frank Rönner zieht sich die rote Linie bis in den Hof. Der Landwirt aus dem Loxstedter Ortsteil Düring betreibt einen Milchviehbetrieb mit Färsenaufzucht und Bullenmast. Häuser und Ställe des Hofs bilden ein großes Rechteck um sattgrüne Wiesen. Früher gab es an gleicher Stelle ein Rittergut. Der Burggraben ist noch da und eine uralte Zufahrt aus Kopfsteinpflaster.

Starker Wertverlust

Bauer Rönner würde seinen Betrieb gerne vergrößern – von 150 auf 350 Kühe. Wenn da nicht das Moorschutzprogramm wäre. Seine 122 Hektar Grünland sind fast komplett markiert. Elf Hektar wollte der 44-Jährige dieses Jahr zukaufen. Bis die Karte mit den roten Linien kam. Er habe dem Anbieter den Plan gezeigt und gesagt: „Schau mal hier, Moorschutzgebiet, kaufe ich nicht.“ Das Landvolk in Cuxhaven fürchtet massive Wertminderung der Flächen. Der Rückgang der landwirtschaftlichen Wertschöpfung im Kreis wird auf jährlich rund 93 Millionen Euro geschätzt.

Bauer Rönner kann sein Grünland kaum überschauen. Es endet erst an den Windrädern und Stromleitungen am Horizont. Schlick und Klei seien hier die obersten Bodenschichten. Durch die Kleiabdeckung sei der Ausstoß von Kohledioxid gleich Null. „Da brauchst du kein Wasser drauf“, erklärt Rönner. Torfabbau sei nur mit einem Schwimmbagger möglich, fügt er lachend hinzu. Sonst gebe es nasse Füße. Dass da hinten irgendwann auch die Küstenautobahn A 20 über sein Grünland verlaufen wird, stört ihn weniger.

„Wir fordern die Herausnahme der landwirtschaftlich genutzten Flächen aus den Vorranggebieten“, sagt der Geschäftsführer des Landvolks Cuxhaven, Harm Wilkens. Ansonsten sei die Futtergrundlage für das Milchvieh und damit das Haupteinkommen für die Betriebe gefährdet. „Es ist ein völlig falsches Signal, das Meyer gibt.“ Die Landwirte seien nachhaltig verunsichert.

Der Minister selbst versucht inzwischen vor Ort zu beschwichtigen. „Keiner verliert Fläche durch das Moorschutzprogramm“, sagt Meyer. Die Wiedervernässung sei freiwillig. „Unser Ziel ist es doch gerade, diese Form der bäuerlichen Landwirtschaft zu erhalten.“ Meyer hat auf Druck die Frist für Stellungnahmen verlängert. 2015 soll die Entscheidung fallen.

Zwei Drittelder deutschen Moore liegen in Niedersachsen. Die Torfindustrie kann auf die Nutzung dieser Moore bisher nicht verzichten. Rund 80 Prozent des deutschen Torfes kommen aus Niedersachsen (2500 Beschäftigte). Pro Jahr wächst die Torfschicht eines intakten Hochmoores um rund einen Millimeter. Die Rückgewinnung von 100 000 Hektar Moor würde laut Land rund 2,6 Milliarden Euro kosten.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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