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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Feuer In Cloppenburg: Brand-Opfer kämpfen um Gerechtigkeit

19.05.2015

Cloppenburg /Oldenburg Das Feuer fraß die Vergangenheit. Es fraß die handgeschriebene Familienchronik, es fraß den antiken Stuhl mit dem Familienwappen, es fraß alle vom Großvater gemalten Bilder. Es fraß Rahmen, Leinwände, Farben, es fraß die Werkstatt, 217 Jahre Malereibetrieb Baro. Es fraß das Bett der Baros und den Kleiderschrank und die Küchenschubladen, es fraß Schuhe, Kaffeetassen, Familienfotos, es fraß einfach alles.

Als die Feuerwehr am Nachmittag des 28. Februar 2014 den Großbrand in der Cloppenburger Fußgängerzone nach Stunden gelöscht hatte, besaßen Bernd und Liesel Baro, damals 77 und 74 Jahre alt, nur noch das, was sie am Leibe trugen.

15 Monate später sitzt Bernd Baro, inzwischen 78 Jahre alt, in einer neuen Wohnung auf einem neuen Stuhl, er trinkt Kaffee aus einer neuen Tasse, an der Wand hängt ein neues Bild. Er sagt: „Mein ganzes Leben, alles ist weg.“ Seine Frau Liesel, 76 Jahre alt, sagt: „Man muss beim Teelöffel wieder anfangen.“

Zwei Beschuldigte

Das Feuer fraß die Zukunft. Es fraß die Regale, es fraß den Verkaufstresen, es fraß alle Röcke und Blusen und die Kleiderbügel. Es fraß Teppiche, Tapeten, Spiegel, es nagte am neuen Ladenschild „Eleonora Fashion“ und am großen Traum der Eleonora Siebert: Am nächsten Morgen wollte sie endlich ihr eigenes Damenmodengeschäft eröffnen.

Ein Feuerwehrmann rettete die Ladenkasse, sie war noch leer. Siebert, damals 36 Jahre alt, blieben nur ihre Schulden, für die Geschäftsgründung hatte sie einen Kredit aufnehmen müssen.

15 Monate später steht Eleonora Siebert, inzwischen 38 Jahre alt, in ihrem Ersatzladen ein paar Schritte außerhalb der Fußgängerzone. Es gibt keine Laufkundschaft, aber immer mehr Schulden. Sie sagt: „Ohne das Feuer wäre alles anders gekommen.“

So ein Feuer hat eine Ursache – und manchmal auch einen Verursacher.

Die Öffentliche Landesbrandkasse schickte einen Gutachter. Der Gutachter schrieb in sein zwölf Seiten langes Gutachten: Es sei „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einer Brandentstehung während durchgeführter Heißklebearbeiten auszugehen“.

Das Feuer hatte zwei Häuser zerstört: die Nummern 45 und 47 in der Langen Straße. Im Haus Nummer 47 wurde unten ein „Benetton“-Ladenlokal umgebaut, die Arbeiter hatten eine neue Holzzwischendecke eingezogen.

Der Bauhelfer M., 67 Jahre alt, Rentner, ist beim Cloppenburger Bauunternehmer L., 54 Jahre alt, geringfügig beschäftigt. Am Morgen des 28. Februar, so steht es in den Polizeiakten, hatte er im Auftrag seines Chefs einen Entwässerungsgully und zwei Lüfter in die Decke eingebaut. Zuerst hatte er mit der Kettensäge passende Löcher geschnitten, dann zündete er den Gasbrenner und verklebte Gully und Lüfter mit den Bitumenbahnen. Um 9 Uhr sei er fertig gewesen, sagte M. der Polizei, gegen 11 Uhr hätten er und seine Kollegen die Baustelle verlassen.

Um 11.35 Uhr ging bei der Großleitstelle in Oldenburg ein Notruf ein: Feuer in Cloppenburg, Lange Straße.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg nahm die Ermittlungen gegen Bauhelfer M. und seinen Chef auf. Der Vorwurf: fahrlässige Brandstiftung.

Wer sogenannte feuergefährdete Dacharbeiten ausführt, muss Brandschutzvorschriften beachten. Er muss eine „Gefährdungsbeurteilung durchführen“, er muss „geeignete Löschmittel“ bereithalten, er soll eine Brandwache halten. Haben M. und L. das missachtet?

Nach acht Monaten stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. „Die Brandentstehung ließ sich nicht mit d. nötigen Sicherheit aufklären“, heißt es im handschriftlichen Vermerk dazu. Das Gutachten spreche „nur von sehr hohen Wahrscheinlichkeiten. Welches konkrete Fehlverhalten d. Besch. zum Brand geführt hätte, läßt sich nicht feststellen.“

In der neuen Küche sitzt Thomas Baro (55), der Sohn der Baros, und sagt: „Sehr hohe Wahrscheinlichkeit – mehr kann man doch nur sagen, wenn man selbst beim Brandausbruch dabei war!“

Ähnlich äußert sich Otto Höffmann (66), der Anwalt der Baros, in seinem Innenstadtbüro: „Sehr hohe Wahrscheinlichkeit – das ist kurz vor der Gewissheit!“

Ein Skandal?

Das Legalitätsprinzip verpflichtet die Staatsanwaltschaft, zu ermitteln, wenn es Anhaltspunkte für eine Straftat gibt. „Die Staatsanwaltschaft hat ihren Job nicht gemacht“, urteilt Höffmann, der Anwalt: „Das ist ein Skandal.“

Die Staatsanwaltschaft sieht das natürlich anders. „Ein Sorgfaltsverstoß ließ sich nicht mit hinreichender Sicherheit feststellen“, sagt Sprecher Martin Rüppell. „Bei uns gilt der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten.“

Die Baros fragen: Warum hat die Staatsanwaltschaft kein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben? Weshalb glaubt sie den Beschuldigten? Zwei Stunden soll man Brandwache halten – wieso passt die Zeitfolge der Bauarbeiter so exakt zu den Vorschriften?

Bauunternehmer L. beteuert gegenüber der NWZ : „Fahrlässigkeit schließe ich aus. Die Sicherheitsbestimmungen wurden eingehalten.“

Noch ein Rechtsanwalt, Rainer Muth (50) aus Osnabrück, Rechtsbeistand von Eleonora Siebert. Er sagt: „Die Arbeiter verlassen die Baustelle, ein Brand bricht aus – dass es überhaupt zum Feuer kam, zeigt doch, dass es keine korrekte Brandwache gab.“

Die Bauarbeiter erklärten der Polizei ihre Brandwache folgendermaßen: Weil es keinen Platz für ein Toilettenhäuschen mehr gab auf der Baustelle, hätten die Arbeiter oben auf dem Flachdach gepinkelt – in unmittelbarer Nähe zu den frisch verklebten Gullys. „Also kann davon ausgegangen werden, dass ständig jemand dort oben gewesen ist“, sagt Unternehmer L.

Thomas Baro sagt: „Da muss Verantwortung übernommen werden. Die Öffentlichkeit muss geschützt werden vor solchen Arbeitern. Es geht hier um Gerechtigkeit.“

Es geht um noch etwas: um Geld. Die Baros haben Geld von ihrer Gebäudeversicherung bekommen, von der Öffentlichen Landesbrandkasse. Sie haben auch Geld von ihrer Hausratversicherung bekommen, 30 000 Euro. Das deckte nicht annähernd den tatsächlichen Verlust, Vater Baro beziffert ihn auf 400 000 Euro. Diese Summe fordert er nun von Bauunternehmer L.

Eleonora Siebert hat kein Geld von ihrer Versicherung bekommen, ihr Vertrag begann erst am 1. März. Sie fordert 45 000 Euro von L.

Es gibt einen weiteren Geschädigten, Carsten von Hammel (42); Löschwasser hatte nebenan seine Wohnung zerstört. Er fordert 100 000 Euro.

Bauunternehmer L. ist haftpflichtversichert bei der Ergo-Versicherung. Die Ergo äußert sich nicht öffentlich zu dem Fall, ein Zivilprozess soll Klärung bringen.

Treue Freunde

Die Staatsanwaltschaft weist darauf hin, dass die strafrechtliche Verfahrenseinstellung nicht „präjudizierend“ auf das Zivilverfahren wirke, die Entscheidung also nicht vorwegnehme.

„Es erschwert die Sache erheblich“, sagt Otto Höffmann, der Rechtsanwalt. „Es schwächt unsere Ausgangslage“, meint auch Kollege Muth.

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Bernd und Liesel Baro nippen an ihren neuen Kaffeetassen und loben die Vergangenheit, die ihnen geblieben ist: ihre alten Freunde. Sie hatten ihnen Geldspenden in den Postkasten geworfen, Schuhe geschenkt, warme Jacken. „Es war ja Winter“, sagt Bernd Baro, „und wir hatten nichts.“

Eleonora Siebert wird „Eleonora Fashion“ zum 1. Juni schließen. „Der Schuldenberg wird immer größer“, sagt sie. Sie ist allein erziehende Mutter von drei Kindern, „irgendein Einkommen muss her“. Wenn sie ihre 45 000 Euro Schadenersatz bekommt, will sie ihren Laden wieder aufmachen, „an einer besseren Stelle, so wie die an der Langen Straße, die war super“. Sie lächelt: Das Feuer fraß ihren Laden und ihr Geld – ihren Traum fraß es nicht.

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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