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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Nur gucken – nicht anfassen

19.04.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-04-19T20:02:58Z 280 158

Streit Um „visuelle Untersuchung“:
Nur gucken – nicht anfassen

Im Nordwesten Schwein um Schwein zieht an ihnen vorbei, aufgehängt an Haken, der Länge nach aufgeschnitten, genauso wie früher. Und auch die Kontrolleure stehen da wie früher im Schlachtraum, weißer Kittel, weißes Haarnetz, auf den Schuhen Blutflecken.

Aber etwas ist anders als früher: Die Messer fehlen.

Früher sind die amtlichen Fachassistenten, besser bekannt als Fleischbeschauer, bei ihrem Job streng nach Lehrbuch vorgegangen. Sie folgten den Grundsätzen von Adspektion, Palpation und Inzision: besichtigen, abtasten, anschneiden. Dann kam die Verordnung Nr. 219/2014 der EU-Kommission, und die Fleischbeschauer mussten ihre Messer weglegen: Seit dem 1. Juni 2014 gilt für die Schweinefleisch-Kontrolle im Schlachthof die „visuelle Fleischuntersuchung“.

Ein Brandbrief

In Essen/Oldenburg wohnt auf einem Resthof Herbert Ahrens, 56 Jahre alt, ehemaliger Landwirt, seit 16 Jahren Fleischbeschauer. Aber seit Herbert Ahrens bei der Arbeit kein Messer mehr trägt, fürchtet er um die Sicherheit. Nicht um seine – sondern um die der Verbraucher. Und weil Ahrens Vorsitzender des Landesverbandes der Amtlichen Fachassistenten in Niedersachsen ist, unterschrieb er einen Brandbrief an Behörden und Politik.

In diesem Brief warnten Ahrens und 48 weitere Unterzeichner vor einer „starken Gefährdung des Verbraucherschutzes“. Seit Einführung der visuellen Fleischuntersuchung, so heißt es weiter im Text, würden etliche eitrige Abszesse im Schweinefleisch nicht mehr entdeckt, ebenso wie Verunreinigungen und sogar von Tier auf Menschen übertragbare Krankheiten.

„Können Sie das beweisen?“, wird Ahrens seither immer wieder gefragt.

„Nein, das kann ich nicht“, antwortet Ahrens. Er lächelt bitter. „Ich weiß nur, dass wir sonst bei der Kopfuntersuchung mit dem Messer die Lymphknoten angeschnitten haben und dabei etliche Abszesse entdeckt haben. Und ich weiß, dass wir die Lymphknoten jetzt nicht mehr anschneiden.“

Aber warum hat die EU die Fleischbeschau überhaupt geändert?

Die EU-Kommission verweist auf die EFSA, die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit. Die EFSA, so erklärt die EU-Kommission auf Nachfrage der NWZ , sei zu dem Schluss gekommen, „dass traditionelle Methoden der Fleischbeschau bei der Routineschlachtung von Schweinen vermieden werden sollten, da das Risiko der Übertragung von Bakterien dabei größer ist als das Risiko, weniger Krankheiten zu entdecken“. Soll heißen: Die Fleischbeschauer könnten mit ihren Händen oder Messern Keime weitereichen. „Kreuzkontaminationen“ lautet der Fachbegriff dafür.

Beweiskräftige Zahlen für Kreuzkontaminationen findet man ebenso wenig wie für unentdeckte Abszesse.

Es gibt noch eine andere Theorie, warum die Vorschriften zur Fleischbeschau geändert worden sind: Geld.

Ein engagierter Kämpfer für die visuelle Fleischbeschau war nach NWZ -Recherchen der Verband der Fleischwirtschaft; in Gesprächen mit Europa-Parlamentariern warben Verbandsvertreter für die Änderung.

Nachfrage bei Dr. Johan Altmann, Jahrgang 1942, ehemaliger Amtstierarzt im Landkreis Cloppenburg, Mitglied des Tierschutzbeirates des Landes Niedersachsen, seit kurzem Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, ein Mann deutlicher Worte. Altmann sagt: „Die Fleischbeschau kostet die Schlachthöfe Geld. Auch eine höhere Bandgeschwindigkeit ist bei der visuellen Fleischuntersuchung möglich. Natürlich geht es auch um wirtschaftliche Fragen.“

Wenige Wochen nach der Abstimmung über die visuelle Fleischuntersuchung im Europaparlament berichtete das Fachblatt „Top Agrar“ über „Neue Vorwürfe gegen EFSA“ und zitierte Zahlen der Organisation Corporate Europe Observatory. Demnach unterhielt mehr als die Hälfte der EFSA-Experten direkte oder indirekte Verbindungen zu den Wirtschaftszweigen, die sie kontrollieren sollten.

Landkreis widerspricht

Personalabbau, Bandgeschwindigkeit – diese Stichworte finden sich auch im Brief der Fleischbeschauer.

Die Fleischbeschauer sind beim Landkreis angestellt, bezahlt werden sie über eine Gebühr von den Schlachthöfen. Der Landkreis weist die Vorwürfe aus dem Brandbrief schriftlich zurück: Falsch seien die Angaben zu Personalabbau und Bandgeschwindigkeit. Und: „Es trifft nicht zu, dass seit Einführung der visuellen Fleischbeschau Abszesse an Schlachttieren unentdeckt bleiben.“ (Herbert Ahrens könnte nun seinerseits fragen: „Können Sie das beweisen?“)

Allerdings, so der Kreis, sei „feststellbar, dass die neuen Herausforderungen von den Untersuchern unterschiedlich gut bewältigt werden.“

Das Veterinäramt Cloppenburg ist das größte Veterinäramt Deutschlands. 8,76 Millionen Schweine sind 2015 im Kreis Cloppenburg geschlachtet worden, ähnlich viele wie in den Vorjahren. 81 Veterinäre und 169 Fachassistenten sind in der Fleischuntersuchung an Schlachthöfen eingesetzt. Vor Einführung der visuellen Fleischbeschau waren es 81 Veterinäre und 186 Fachassistenten. Wegen vieler Teilzeitjobs seien die Zahlen aber nicht 1:1 vergleichbar, so der Landkreis.

Der Landkreis schreibt weiter: „Die Neuausrichtung auf eine visuelle Methodik ist keine Abkehr vom Gedanken des Verbraucherschutzes, sondern eine Verbesserung desselben.“

Im Schlachthof haben die Fleischbeschauer keine Messer in der Hand. Aber sie haben neue Monitore. Sie tragen in eine Datenbank ein, was ihnen auffällt: Abszesse, Brustfellverwachsungen, Verunreinigungen.

Die Datenbanken: „Völlig unzureichend berücksichtigt“ sieht der Landkreis in der bisherigen Berichterstattung über die visuelle Fleischbeschau diesen Aspekt. Bauern, Hoftierärzte, Fleischbeschauer, sie alle tragen Daten ein. Ein anderes Wort für die visuelle Fleischbeschau ist „risikoorientierte Fleischbeschau“.

Gilt ein Bestand laut Datenbank riskant, leuchtet auf dem Monitor von Herbert Ahrens und Kollegen ein roter Balken auf. Und dann, so der Landkreis, treten zur Adspektion auch wieder Palpation und Inzision – ein Veterinär kommt mit dem Messer. 19 265 Schweine bekamen 2015 den Stempel: „Untauglich“. (2012: 17 000)

Aber, fragt Ahrens: „Was passiert zum Beispiel, wenn der Bauer den Schlachthof wechselt? Der Datenschutz verbietet doch eine Weitergabe der Daten.“

Und Dr. Johan Altmann fragt: „Was ist zum Beispiel mit den Sauen? Wir haben da früher oft Entzündungen im Kieferbereich entdeckt – durch Anschneiden. Ich bleibe dabei: Ich habe Bedenken.“

Thema war die visuelle Fleischbeschau unlängst auch bei einer Tagung der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass es sich dabei um eine „unzureichende Untersuchungsmethode“ handelt, die eine „korrekte Diagnosestellung (...) unmöglich“ macht.

Herbert Ahrens sagt zu Hause in Essen: „Ich bin müde.“ Zu lange schon muss er allein den Kopf hinhalten. Kein anderer Fachassistent, kein Schlachthof-Veterinär will sich öffentlich äußern. „Das ist ein heißes Eisen“, sagt einer. „Ich will keinen Ärger bekommen“, sagt ein anderer.

Tatsächlich sollen Unterzeichner des Brandbriefs von Vorgesetzten zur Rede gestellt worden sein. Vor wenigen Wochen teilte das Veterinäramt Herbert Ahrens und Kollegen mit: Die jährliche Landesverbandstagung der Fachassistenten werde künftig nicht mehr als Arbeitszeit vergütet, Reisekosten würden nicht länger übernommen, dort geleistete Fortbildungsstunden nicht anerkannt.

Dicke Luft im Schlachthof

Hinter vorgehaltener Hand berichten Fleischbeschauer von Personal-Rochaden in Schlachthöfen, von häufigeren Kontrollen, von teilweiser Rückkehr zu alten Methoden. Man kann sagen: Im Schlachthof herrscht dicke Luft.

Im Kreis Cloppenburg wurden 2015 auch 5,95 Millionen Puten und 143 894 Rinder geschlachtet. 2013, als die NWZ  erstmals über die Pläne zur visuellen Fleischbeschau bei Schweinen berichtete, hieß es: Noch 2014 werde die EU-Kommission entsprechende Änderungen auch für Geflügel und Rind vorschlagen.

2016 teilt die EU-Kommission auf Nachfrage der NWZ  mit: „Die internen Diskussionen dazu dauern an.“