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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Dawanda-Nutzer aus der Region zwischen Bedauern und Wut

06.07.2018

Oldenburg /Bremen /Varel Diese Nachricht hat so manche Strickerin und so manchen Schmuckbastler vor einigen Tagen eiskalt erwischt: „Nach fast zwölf Jahren müssen wir Euch heute mitteilen, dass Dawanda sein operatives Geschäft zum 30.08.2018 einstellen wird.“ Auf Dawanda, einem Handelsportal für selbst gefertigte Produkte und Design mit Sitz in Berlin, bieten viele kreative Köpfe ihre Produkte an, haben dort einen eigenen Shop gegründet. Über die Jahre haben sich einige von ihnen so ein zweites berufliches Standbein aufgebaut – oder waren mit ihren selbst gefertigten Produkten sogar so erfolgreich, dass sie sich voll und ganz auf die Online-Plattform fokussiert und weitere Mitarbeiter eingestellt haben.

In den sozialen Netzwerken drücken Dawanda-Nutzer ihr Bedauern aus – einige Verkäufer machen aber auch ihrem Ärger Luft. „Ihr bedankt euch für die schöne Zeit? Ihr müsstet euch schämen! Dafür, dass unzählige Verkäufer pleite gehen und ihre Existenz verlieren wegen euch!“, kommentiert zum Beispiel eine Frau auf Facebook unter der Dawanda-Mitteilung.

„Im ersten Moment konnte ich es gar nicht glauben“: Einer der betroffenen Dawanda-Verkäufer ist Ulrich Graf-Nottrodt, Grafikdesigner und freischaffender Künstler aus Bremen. Vor zehn Jahren eröffnete er seinen Dawanda-Shop „Chinguri“, verkaufte anfangs Postkarten mit eigenen Grafiken, ehe Stempel und andere kleine Ideen hinzukamen. Es folgte ein Fotoprojekt, zu dem er Fotos und Bücher verkauft. „Die Kunst begleitete mich in all den Jahren. Mich kreativ auszudrücken, einer Idee Form zu geben, das ist die Herausforderung, die ich suche“, erklärt Graf-Nottrodt.

Ulrich Graf-Nottrodt mit Bildern seines Fotoprojekts „miniverse – Große Abenteuer klitzekleiner Leute“

Trotz der ersten ungläubigen Reaktion sei das Dawanda-Aus aber abzusehen gewesen. „Die Geldgeber, von denen sich Dawanda abhängig gemacht hatte, wollten Wachstum und Profite sehen“, meint Graf-Nottrodt, „so war die kleine Do it yourself-Plattform aber meiner Meinung nach nie ausgerichtet.“ Ein wenig wehmütig blickt er auf die ersten Jahre der Plattform zurück, als dort noch ein freundschaftliches, euphorisches Verhältnis untereinander geherrscht habe. „Man tauschte sich aus, gab sich Tipps und scherzte miteinander im Dawanda-Forum“, erzählt der Bremer. Aber in den vergangenen Jahre habe er oft nur Gemecker und Gejammer gelesen – und sich aus den Diskussionen komplett zurückgezogen.

„In den Anfangszeiten von Dawanda hat es gerade seinen Charme gehabt, mit weniger professionellen aber dafür künstlerisch und handwerklich begabten Privatleuten Kontakt zu haben und etwas Individuelles, offensichtlich Handgemachtes zu kaufen“, bestätigen auch Petra Riede und Rebecca Kröpp. Gemeinsam haben die beiden Oldenburgerinnen, die sich über den Kindergarten ihrer Kinder kennenlernten, Anfang 2016 ihren Dawanda-Shop „Haseundigel“ eröffnet. Dort bieten sie selbst genähte Kindersachen an. „Für uns ist es nur ein kleines Zubrot gewesen, nichtsdestotrotz waren wir vom Aus sehr überrascht“, erzählen sie.

Sylwia Henzel ist selbstständige Schneiderin und will zu Etsy wechseln.

Ebenfalls überrascht war Sylwia Henzel. Die 41-jährige Varelerin ist gelernte Damen- und Herrenschneiderin und seit 14 Jahren selbstständig. Erst Anfang dieses Jahres hatte sie den Dawanda-Shop „Wonnekindshop“ übernommen, für den sie bereits seit fünf Jahren Kindersachen fertigte. Da sie mit ihrem Online-Shop zum US-Shopping-Portal Etsy umziehen will und sie ihre eigene Schneiderei betreibt, scheint sie das Dawanda-Aus nicht allzu hart zu treffen. Eben diesen Wechsel zu Etsy empfiehlt auch Dawanda den Käufern und Verkäufern. Beide Unternehmen hatten mitgeteilt, sie hätten eine entsprechende Vereinbarung getroffen. Mit Schließung der Plattform würden Besucher der Dawanda-Webseite zu Etsy umgeleitet.

Viele sehen den Umzug zu Etsy kritisch: „Das Schlimmste daran ist, dass Dawanda und Etsy seit Herbst 2017 verhandeln und keinen Ton zu den Verkäufern gesagt haben“, moniert zum Beispiel eine Dawanda-Verkäuferin auf Facebook. „Innerhalb von knapp 2 Monaten sollen die Verkäufer und Käufer sich neu orientieren? (...) Habt ihr euch schon mal Etsy angeschaut? Das wird scheitern! Diese Plattform ist völlig unübersichtlich! Ganz zu schweigen vom Bekanntheitsgrad, der gleich Null ist!“ Andere finden diese Kritik dagegen übertrieben, sehen stattdessen den Verkäufer, der sich zu sehr auf Dawanda verlassen hat, selbst in der Verantwortung: „Dawanda ist kein Sozialamt! Jeder der selbstständig ist, ist auch für sich und sein Tun selbst verantwortlich!“, kommentiert eine Frau.

„Es ist nicht das wirtschaftliche Aus, vielmehr war es eine emotionale Bindung und ein Abschied mit Wehmut“, fasst Ulrich Graf-Nottrodt zusammen. Die größte emotionale Bindung wird er aber ohnehin mitnehmen: Über Dawanda lernte er seine Frau Kerstin kennen.

Ulrich Graf-Nottrodt und Kerstin Graf

Lesen Sie auch: Hier tummeln sich die Kreativen im Netz – Etsy, Makerist, Pinterest & Co

Jantje Ziegeler
Redakteurin
Online-Redaktion
Tel:
0441 9988 2157

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