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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Ich hab’ nichts total Irres gemacht“

02.03.2018

Oldenburg /Hamburg Er kann ihnen von seiner Erfahrung erzählen und von seinen Erfolgen, er kann ihnen all seine Referenzen zeigen, am Ende setzen sie sich doch vor ihre Computer und tippen seinen Namen in die Maske einer Internet-Suchmaschine ein: „Nikolaus Behr“. Schon poppen die Schlagzeilen auf, „Behr stürzt über Spitzel-Affäre“, „Wie ein EWE-Vorstand einen Mitarbeiter bespitzeln ließ“, „Energieversorger EWE: IT-Vorstand Behr vom Hof gejagt“, und es wird wieder nichts mit dem neuen Job.

So geht es Nikolaus Behr jetzt seit eineinhalb Jahren, nach jedem Gespräch mit einem Personalvermittler.

Behr, 56 Jahre alt, gelernter Feinmechaniker und studierter Betriebswirt, war einmal ganz oben. Er war Vorstandsmitglied beim Oldenburger Energieversorger EWE, zuständig für Personal und IT, sein Jahreseinkommen lag bei fast 500 000 Euro. Gerade erst war sein Vorstandsvertrag verlängert worden, er würde bis 2020 in der Chefetage des wichtigsten Unternehmens Nordwestdeutschlands bleiben. Er hatte sogar die Option auf Verlängerung.

Dann stolperte er über die sogenannte Spitzel-Affäre.

Peilsender am Auto

Behr hatte Christian C., einen ehemaligen Mitarbeiter, mit einem Peilsender überwachen lassen; C. und EWE führten seit Jahren einen erbitterten Kündigungsstreit vor Gericht. Doch die Bespitzelung flog auf, C. entdeckte den GPS-Sender an seinem Auto. Es gelang C. sogar, mit einer Wildkamera ein Foto zu schießen, als ein Detektiv nachts einen neuen Sender an C.s Wagen montierte.

Beginn einer monatelangen Krise

Der Rücktritt von Personalvorstand Nikolaus Behr war der Auftakt zu einer monatelangen Krise beim Energieversorger EWE. Spektakulärer Tiefpunkt war die fristlose Entlassung von Vorstandschef Matthias Brückmann im Februar 2017 im Zuge der sogenannten Klitschko-Affäre. Einen Überblick zur EWE-Krise finden Sie hier:

Hintergründe zur Spitzel-Affäre liefert eine NWZ-Recherche von Mai 2017:

www.nwzonline.de/ewe-abgehoben

http://bit.ly/2qbf8ng

Am 19. September 2016 verschickt die EWE eine Pressemitteilung, Überschrift: „Personalvorstand Nikolaus Behr verlässt EWE mit sofortiger Wirkung“. Behr, so heißt es in der Mitteilung, habe dem Aufsichtsrat seinen Rücktritt angeboten. Der Vorstandschef von EWE, Matthias Brückmann, erklärt: „Die Überwachung von Mitarbeitern oder anderen Personen verstößt auf elementare Weise gegen von EWE vertretene Werte.“ Behr geht ohne Abfindung, nur seine Septemberbezüge bekommt er noch ausgezahlt.

Eineinhalb Jahre später sitzt Nikolaus Behr, blauer Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte, im Ziviljustizgebäude des Hamburger Landgerichts, Saal A275. Saal ist ein großes Wort für das kleine Verhandlungszimmer, Kläger, Ankläger und Richter drängen sich um einen schlanken Tisch. An der doppelflügeligen Saaltür steht: „Behr gegen Hogan Lovells International LLP, wegen Schadenersatz“. Hogan Lovell ist die Anwaltskanzlei, die Behr im Fall C. beraten hat. Behr sagt: die mich falsch beraten hat.

Der Richter fragt Behr nach seinen Einkünften. Er habe keine, antwortet Behr: „Ich habe nicht ein einziges Angebot erhalten seitdem“.

„Wegen dieser Geschichte?“, fragt der Richter.

„Das hat sicherlich auch mit dem Alter zu tun“, antwortet Behr. „Aber eben auch mit dieser Geschichte.“

Behrs Rechtsanwalt Dr. Christian Depken ergänzt: „Wenn Sie seinen Namen bei Google eingeben, finden Sie einen Haufen Artikel, die Herrn Behr in Zusammenhang mit der Aktion bringen. Das Alter kombiniert mit diesem unrühmlichen Abgang macht es ihm sehr schwer, vergleichbare Angebote zu finden.“

Behr fordert deshalb Schadenersatz von Hogan Lovells. Die konkrete Summe nennt er nicht öffentlich, die Rede ist von einem siebenstelligen Betrag.

Aber Behr sagt auch, es gehe ihm nicht nur um Geld, „Geld kann das nicht heilen“.

„Wichtig ist für mich, dass diese Darstellung aus der Welt geräumt wird: Der hat etwas total Irres gemacht“, sagt er. „Ich habe einen Fehler gemacht. Aber: Ich bin falsch beraten worden und habe mich auf diesen renommierten Anwalt einer internationalen Kanzlei verlassen.“

Dieser Anwalt heißt Dr. Eckard S., er leitete das Hamburger Büro von Hogan Lovells. Allein in Deutschland lag der Umsatz von Hogan Lovells zuletzt bei fast 200 Millionen Euro, weltweit beschäftigt die Kanzlei mehr als 2000 Anwälte an rund 50 Standorten. Eckard S., so wirbt Hogan Lovells auf der deutschen Kanzleihomepage, sei einer der „führenden Experten im Arbeitsrecht“.

Über seinen privaten E-Mail-Account (bei Google, nicht bei Ewe) kommuniziert Behr mit S. in Sachen Christian C. Der Anwalt soll herausfinden, ob C., inzwischen selbstständig, der EWE während des laufenden Kündigungsschutzverfahrens möglicherweise Konkurrenz macht und wie hoch seine Einkünfte sind; beides könnte vor dem Arbeitsgericht von Belang sein. So jedenfalls lautet die Darstellung von Behr. Christian C. stellt es anders dar: Er behauptet, es sei darum gegangen, „das private Umfeld auszuspähen“.

TV-Serie als Vorbild

Wie auch immer: Anwalt S. engagiert den Hamburger Detektiv Kay H., der mit Bürorecherche und Beobachtung zunächst aber nur wenig über Christian C. erfährt.

Behr selbst kommt eine bessere Idee: Seit der Fernsehserie „Breaking Bad“ wisse doch jeder Laie, wie eine Fahrzeugüberwachung heute funktioniere, schreibt er in einer E-Mail an S.: „Per GPS-Tracking“!

Eckard S. gibt den Auftrag an den Detektiv weiter. Der sagt zu und schreibt per Mail an S.: „Ich muss Ihnen nicht erklären, wie legal eine GPS-Überwachung ist.“

Hätte Behr wissen müssen, dass eine heimliche GPS-Überwachung in den allermeisten Fällen strafbar ist? War die Illegalität nicht sogar Thema auch bei „Breaking Bad“? In Saal A275 diskutieren die Anwälte über Fernsehserien. „Daraus Rückschlüsse rechtlicher Art ziehen zu wollen, das halte ich schon für gewagt“, sagt schließlich Christian Depken, Behrs Anwalt.

Behr selbst beteuert, er habe nicht gewusst, dass die Überwachung verboten ist. Hätte Anwalt S. ihn darauf hinweisen muss? Hätte er ihn warnen müssen, dass die so ermittelten Daten vor Gericht nicht verwertbar wären? Hat er das vielleicht sogar getan?

In Hamburg sagt Behr: „Das war kein Thema, weder von seiner noch von meiner Seite.“

Als die Affäre in Oldenburg bekannt wird, behauptet S. genau das: Natürlich habe er Behr über die rechtlichen Hintergründe aufgeklärt.

Behr nennt das heute eine „Schutzbehauptung“. Er sagt: „Warum die EWE S. mehr geglaubt hat als mir nach 17 Jahren Tätigkeit, verstehe ich bis heute nicht.“ Er sei „enttäuscht“ von der EWE, „man hat mich über Nacht fallen gelassen“.

Die EWE gibt ein Rechtsgutachten über die Vorgänge in Auftrag und beurlaubt Behr. An den 19. September 2016 erinnert sich Behr so: Gegen 11 Uhr habe Vorstandschef Brückmann ihm gesagt, um 13 Uhr tage der Aufsichtsrat, bis dahin erwarte er seinen Rücktritt. Andernfalls werde man ihm fristlos kündigen. Behr sagt, er wollte auf keinen Fall eine fristlose Kündigung riskieren, damit hätte er auch seine Altersvorsorge verloren. Also habe er seinen Rücktritt angeboten.

Behr sagt: „Ich war für Monate am Boden, regelrecht ausgeknockt.“

In Oldenburg nimmt unterdessen die EWE-Krise Fahrt auf. Im Dezember 2016 wirft Behrs Vorstandskollegin Ines Kolmsee hin. Im Februar entlässt der Aufsichtsrat Vorstandschef Matthias Brückmann. Der Aufsichtsratschef geht vorzeitig aus dem Amt, zwei Vorstandskandidaten verzichten auf einen Chefposten. Der Fall Behr wird zu einer Episode.

Nicht aber für Nikolaus Behr. Im Januar 2017 werden die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Behr eingestellt. Er geht in die Offensive: Er engagiert einen PR-Berater, Matthias Onken, einen ehemaligen „Bild“-Mann. Er nimmt sich einen Anwalt. Behr verklagt Hogan Lovells wegen Falschberatung.

Hoffnung macht ihm vor allem ein Widerspruch, den er in der Argumentation von Hogan Lovells entdeckt zu haben meint: In der strafrechtlichen Auseinandersetzung, die auch gegen Anwalt S. lief (und ebenfalls eingestellt wurde), betonten die Anwälte die angebliche Rechtmäßigkeit und Angemessenheit der GPS-Überwachung im Fall Christian C. Gleichzeitig will S. Behr vor der Illegalität gewarnt haben?

In Hamburg sagt der Richter: „Die Situation ist schon besonders.“ Er empfiehlt noch einmal eine gütliche Einigung, die Parteien gehen auf den Flur, sie kommen ohne Einigung zurück. Im Mai soll es einen neuen Termin geben.

Ex-Vorstände vor Gericht

Äußern will sich die EWE nicht mehr zum Fall Behr. Ein Sprecher verweist darauf, dass keine der handelnden Personen mehr im Amt sei, weder der damalige Vorstandschef noch der damalige Aufsichtsratschef. Ansonsten gelte der Wortlaut der Pressemitteilung vom 19. September 2016.

Zu Hogan Lovells hat die EWE alle Geschäftsbeziehungen abgebrochen.

Hogan Lovells erklärt, dass man sich zu laufenden Verfahren und zu Mandantenbeziehungen nicht erkläre.

Anwalt S. ist nicht mehr Büroleiter in Hamburg.

Die Familie von Christian C. hat Behr (und die EWE) wegen der Bespitzelung auf Schmerzensgeld verklagt. Am 13. April verhandelt das Landgericht Lübeck darüber.

Und noch in einem weiteren Gerichtsverfahren könnte Behr einen Auftritt haben: Am 15. März will das Landgericht Oldenburg über die fristlose Kündigung des ehemaligen EWE-Chefs Matthias Brückmann weiterverhandeln. Nikolaus Behr ist einer der möglichen Zeugen in dem Verfahren. Es gilt als spannend, was er über den Mann zu sagen hat, der ihm im September 2016 die fristlose Kündigung androhte.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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